Sie spürte, wie die Ungeduld in ihr brodelte. Verdammt noch mal, warum tat sie das hier? Jeden Morgen auf’s Neue.

Die gleichen Abläufe.
Die gleichen Rituale.
Die gleichen Gesichter.
Die gleichen Sprüche.

Ihr Rücken schmerzte heftig. Nach dem Essen musste sie wieder die Runde machen. Umlagern, Windeln wechseln, ins Bett bringen. Ihr graute jetzt schon davor. Nur in Gedanken zuckte sie mit der Schulter. So war das eben, Muskeln verhärteten, wenn keine Zeit blieb um Ausgleichssport zu machen. Sie war zu kaputt, wenn sie nach Hause kam.

Sie hob den Löffel. Diese Suppen rochen alle nach Maggikraut, tagein, tagaus. Eine leichte Übelkeit stieg in ihr auf. Kein Wunder, sie hatte noch nichts im Magen. Seit sechs Uhr war sie hier. Vor lauter Arbeit war keine Zeit zum Frühstücken gewesen. Ein dünner Kaffee mit Milch und doppelter Portion Zucker. Nicht genug Koffein, um das renitente Gebaren, die Boshaftigkeit mancher oder die Müdigkeit zu verscheuchen.

Verstohlen gähnte sie. Nächste Woche konnte sie morgens länger schlafen. Der Wecker würde nicht um 4.30 Uhr klingeln, sondern erst um 6.00 Uhr. Die Kinder mussten zur Schule, ihr Mann kam von der Nachtschicht im Stahlwerk. Zeit für sich hatten sie schon lange nicht mehr gefunden. Ihre Schichten passten nicht übereinander. Und selbst wenn, die Kinder…

Während sie mechanisch den Löffel in die Suppe tauchte, ihn an der Unterseite abstrich und zum offen stehenden, erwartungsvollen Mund führte, fragte sie sich, ob das ihr Leben sein sollte.

Betten machen, waschen, füttern, Windeln wechseln.
Betten machen, waschen, füttern.
Betten machen, waschen.
Betten machen.

Sie musste den Kindern noch beichten, dass sie am Wochenende nicht in den Zoo mit ihnen gehen konnte. Zwei Kollegen plötzlich krank, zwei in Urlaub. Sie musste einspringen.
Lars und Maike würden es nicht verstehen, das wusste sie schon jetzt. Konnte man von 8- und 10-jährigen verlangen, dass sie erkennen konnten, wo im Erwachsenenleben Prioritäten zu setzten waren? Sicherlich nicht. Genauso gut hätte sie ihrem momentanen Gegenüber die Relativitätstheorie erklären können – das Ergebnis wäre das gleiche gewesen.

Michael, ihr Ältester, würde achselzuckend in seinem Zimmer verschwinden. Mit seinen 15 Jahren kannte er dieses Spiel zur Genüge. Er hatte sich andere Beschäftigungen und Bezugspersonen verschafft. Seine Clique, die Pfadfinder… Und doch, trotz seiner Verschlossenheit, die sie wie gegen eine Mauer rennen ließ, war in ihrer beider Miteinander ein Verstehen.

Wie gerne wäre sie eine gute Mutter. Eine Vertraute. Die Zeit hatte - für die kleinen und großen Sorgen. Die nicht mit Ringen unter den Augen 10 Jahre älter aussah, als sie war.

Peter, ihrem Mann, würde das gefallen. Würde es ihm auffallen? Er machte Überstunden im Stahlwerk, Nachtschichten wann immer es ging wegen der Zuschläge. Um seiner Familie einmal im Jahr einen Urlaub auf einem Campingplatz an der Adria für 2 Wochen zu ermöglichen. Ferien, in denen er müde im Liegestuhl herumhing, sich mit den Kindern beschäftigte…aber keine Zweisamkeit aufkam zwischen ihr und ihm. Wie auch, wenn alle paar Minuten Lars oder Maike auftauchten, Michael war immer mit den Pfadfindern unterwegs…

Dabei liebten sie sich doch. Immer noch.

Wieder ein neuer Löffel Suppe in den zahnlosen Mund. Endloses Schmatzen, ein ekelhaftes Geräusch beim Schlucken. Grün-gelbe Tropfen auf dem als Latz umgelegten weißen Handtuch,. Speichelflocken in den Mundwinkeln.

Warum tat sie das? Menschlichkeit war nicht mehr modern. Schon lange nicht mehr.
Peterr nahm es nicht ernst. Bei ihm war alles geregelt, wenn die Maschinen liefen, funktionierten auch die Menschen. Dass sie und ihre Kolleginnen immer mehr Arbeit mit immer weniger Personal verrichten mussten, war halt so. Menschlichkeit gab es, wie alles, nicht umsonst. Leben war teuer.

Man musste arbeiten und zahlen.
Musste arbeiten und zahlen
Arbeiten, zahlen
Arbeiten

Der kahle Greis mit der durchscheinenden Haut und den tiefbraunen Augen versuchte mühsam, ein Lächeln auf die faltigen Lippen zu zaubern. Ein Suppentropfen hing an der Unterlippe, zittrig wie er selbst.

„Du bist so lieb!“ flüsterte er undeutlich.

Plötzlich verschwanden ihre Rückenschmerzen, sie spürte keine Ungeduld und sogar Peter und die Kinder waren weit, weit weg…

                                              

                                             Der Kobold

                     Der Kobold hockte da, krumm und mickrig.

Das im Vergleich zur Körpergröße überdimensional lange Gesicht mit der kleinen, scharfgeschnittenen Nase, der hohen Stirn, wurde von einem akkuraten Pagenkopf gekrönt.

Salz und Pfeffer, dachte sie. Wie Salz und Pfeffer ist die Haarfarbe. Das die Haare glatt und stumpf waren, verwunderte sie. Bei diesem Wesen wäre genau das Gegenteil zu erwarten gewesen.

Die Kreatur beobachtete mit, trotz seines Alters noch scharfen, Augen jede Bewegung von ihr. Riesige, schwarze Pupillen in tiefbraunen Augen glänzten höhnisch zwischen unzähligen Krähenfüßen, leicht überschattet von zwei dünnen Brauen.

Diese Augenbrauen waren mit das Angsteinflößendste am Gnom-Gesicht. In Sekundenschnelle konnten sich die schmalen Striche vereinigen, wurden auf unerklärliche Weise durch die Verschmelzung nicht nur länger, sondern auch dicker. Die Augen sprühten in solchen Momenten vor Missbilligung. Manchmal wurden die Geraden zu Kurven, welche sich in den dann aufgetürmten Hautfalten fast versteckten. Es war eine makabre Mischung aus Erstaunen und spöttischer Verachtung, die im Zusammenspiel mit dem Augenausdruck entstand. Das despektierliche Hochziehen der inneren Strichenden über der Nasenwurzel war für sie das Schlimmste. Dann wusste sie, dass sie eine Dummheit gemacht hatte, die nur mit Teilnahmslosigkeit und einer Spur herablassenden Mitleids von Seiten des Gnoms bestraft werden konnte.

Noch mehr fürchtete sie sich vor dem boshaften Glitzern hinter den zu winzigen Schlitzen geschlossenen Lider. Sie konnte sicher sein - Sekunden später öffnete der Gnom seine runzligen Lippen. Kaskaden voller Boshaftigkeit ergossen sich dann über sie. Nie beleidigte der Kobold sie. Nie beschimpfte er sie. Oh nein...das Wesen erteilte Instruktionen. Kein Bitte, kein Danke. Doch jedes Wort war getränkt mit einem Hauch von arrogantem Zynismus. Das Alter des Kobolds hatte seine Spuren auch hier hinterlassen. Die Töne, aus dem verkniffenen Mund hervorgestoßen, klangen übertrieben klar, jedoch brüchig. Wie hohle Pfeile schwirrten sie in die Umgebung, gefüllt mit dem langsam wirkenden Gift der maliziösen Niedertracht. Mit fast tödlicher Präzision trafen sie das Zielobjekt, immer und immer wieder. Bohrten sich durch die Gehörgänge bis in die hintersten Ecken des Unterbewusstseins.

Wenige Male hatte sie versucht, sich zu wehren.
Nein gesagt, Argumente entgegen gehalten. Versucht, die Stimme zu ignorieren. Doch der Preis für ihre Renitenz war zu hoch. Schon bald musste sie einsehen, das der Wicht die Fäden in der Hand hielt, sie wie eine Marionette tanzen lassen konnte und dies mit penetranter Gehässigkeit auch tat. Immer mehr Forderungen mussten erfüllt werden, immer weniger Gelegenheit erhielt sie, sie selbst zu sein. Tag und Nacht erwartete das Wesen ihre Bereitschaft. Lange Zeit schon war ihr kein tiefer Schlaf gegönnt gewesen. Immer nur kleine, traumlose Pausen von maximal zwei Stunden. Vielleicht war es ganz gut, dass sie nicht dazu kam. Sicherlich hatte der Kobold längst die Macht auch über ihre Traumbilder erlangt.

Das Glas, das ihr entgegen gestreckt wurde von den verkrümmten Fingern war rein und klar, gefüllt mit frischem Wasser, gewesen. Erst vor 5 Minuten hatte sie es dem Kobold hingestellt. Nun schwamm darin Blumenerde, mit den krallenartigen Fingern aus dem Azaleentopf gepult. Aggressiv und tückisch lauerten die Augen auf ihre Reaktion. Sie nahm das Glas wortlos und ging in die Küche. Stellte es in die Spülmaschine. Das Essen war schon vorbereitet. Der Gnom bestand darauf, jeden Tag aus dem Restaurant um die Ecke a la carte sein Mittagsgericht auszuwählen. Geld spielte keine Rolle. Selbst jetzt noch verwaltete das Wesen seinen Goldschatz noch selbst. Ließ sich nicht in die Karten schauen von anderen.

Es führte Listen über Listen, vermerkte jede einzelne Ausgabe mit der winzig-krakeligen Schrift in Notizbüchern. Ließ sich von nichts und niemanden hinters Licht führen. Mehr noch – seine geistigen Fähigkeiten schienen sich proportional zum körperlichen Kräfteabbau zu steigern. Sie entfernte den Klarsichtdeckel von dem dreigeteilten Porzellanteller und stellte die Mahlzeit in die Mikrowelle. Nahm ein neues Glas aus dem Schrank, füllte es mit Wasser und einer Brausetablette Calcium. Draußen hörte sie den Kobold ungeduldig vor sich hin murmeln. Ihr erschien es unglaublich, was in diesen winzigen, verkrüppelten Körper hineinpasste.

Gierig stopfte der Gnom alles Essbare in sich hinein, schlang Frühstück, Mittag und Abend hinunter, verlangte nach Kuchen, Süßigkeiten. Jede Schokoladentafel wurde sorgfältig nach dem Verfallsdatum abgesucht. Das erhitzte Mahl stellte sie zusammen mit dem Glas auf ein Tablett. Rührte kurz die dickliche Soße des Fleischbereiches um, tauchte kurz den Finger hinein und schleckte ihn ab. Der Gnom konnte sie nicht sehen. Ansonsten wäre das Essen von ihm auf den Teppich geschmissen worden. Etwas fehlte noch.

Der Kobold wartete schon, ungeduldig trommelten seine Finger auf der Tischdecke. Sie stellte das Tablett ab. Dann begann sie, alles in kleine, mundgerechte Stücke zu schneiden. Hungrig grunzte der Gnom ab und zu, die Augen lauernd auf jede ihrer Bewegungen geheftet. Zufrieden mit ihrem Werk sah sie, wie er mit einem Esslöffel die Nahrung zwischen die welken Lippen beförderte, hastig schluckte. Als er den Teller bis auf einen geringen Rest geleert hatte, fiel sein Blick auf das neue Glas.

Hob es anklagend hoch, fixierte sie strafend. Sie wendete sich ab, blickte zum Fenster hinaus in die gerade erwachende Natur des Frühjahrs. Vorwitzige Osterglocken reckten ihre jungen Triebe durch die frische Grasnarbe, Vögel zwitscherten. Plötzlich schlich sich in den Blick des Biestes ein schmerzlicher Ausdruck. Der Kobold ließ das Glas fallen.

Tausende winziger Splitter glänzten und funkelten als wären es Diamanten. Kraftlos fielen die Arme des Wesens herunter. Das Atmen schien ihm schwerer zu fallen, keuchend entrang sich der faltigen Kehle ein Schluchzen. Noch einmal bäumte sich die Kreatur in ihrem Rollstuhl auf, sackte dann leblos in sich zusammen.

Sie drehte sich vom Fenster zum Kobold. Tippte ihn mit einem Finger vorsichtig an. Klaubte die Diamanten auf. Legte sie auf das Tablett. Sie lächelte.

Der Kobold hatte keine Macht mehr über sie.
Das Leben konnte beginnen...

Mutter war tot.


Manchmal würde ich gerne, wenn ich könnte...

Manchmal
will ich verletzen
Böses tun

möchte ich schreien
mit dem Fuß aufstampfen
wie damals als Kind

könnte ich weinen
heulen, klagen
jaulen wie ein verletzter Hund

würde ich mich gerne verkriechen
verlassen und allein
nur mit mir selbst leben

wäre ich gerne der Regen
pladdernd, dicktropfig
alles durchnässend

Manchmal..
träume ich davon
all dies wirklich zu tun

… und nicht mehr nett zu sein



Sie hatte nicht vor, sich in diesen Affenzirkus zu begeben und selbst einer von den Affen zu werden. Niemals! Die würden sie nicht dazu kriegen, DIE NICHT! „Nein!“

Schrill tönte der Ruf. Sie hatte nicht vor, sich in diesen Affenzirkus zu begeben und selbst einer von den Affen zu werden. Niemals! Die würden sie nicht dazu kriegen, DIE NICHT!
Ihre weißen Haare standen zu Berge, während sie verzweifelt und unter Aufbietung all ihrer spärlichen Kräfte versuchte, sich gegen DIE zu wehren.

DIE waren gleich aussehende, weißgekleidete Unmenschen, die ihr Qual zufügten. Die nicht verstehen wollten, dass sie am Ende ihrer Kraft und ihres Willens angelangt war. Sie wollte ruhig hier liegen, die weiße Decke anstarren und an die alten Zeiten denken. Ab und zu verspürte sie Schmerzen im gekrümmten Rücken, ab und an spürte sie das unrhythmische Schlagen ihres Herzens. Das waren die Momente, wo sie sich sehnte nach ewiger Ruhe.

Tiefer Schlaf. Ohne Träume, ohne Erwachen am Morgen, wenn frische Weißgekleidete die grelle Deckenbeleuchtung einschalteten und widerlich munter ihr „Guten Morgen!“ in das Zimmer brüllten. Wenn das Wasser in die metallene Schüssel platschte, geschäftige Hände nach einem penetranten „Naaaa….gut geschlafen?“ die Bettdecke wegzogen und sich ohne Umschweife daran machten, sämtliche Kissen, auch das unter ihrem Kopf, zu entfernen. Niemand wartete auf eine Antwort. Da lag sie dann, steif von der langen Nacht und mit überstrecktem Nacken. Hilflos. Nackt. Ausgeliefert diesen jungen, lebhaften Menschen, die ihr Leben noch vor sich hatten. Besonders peinlich war es, wenn dieser Junge – zugegeben ein sehr netter, der versuchte nicht allzu genau hinzusehen- sie wusch. Obenrum ging ja noch. Aber unterhalb der Gürtellinie…Nicht nur, dass der Weiße sie nackt sah, auch die anderen drei Frauen im Zimmer! Immerhin waren die meistens genauso stumm wie sie. Ab und zu ein Stöhnen, manchmal unverständliches Gebrabbel. Jede von ihnen lebte in ihrer eigenen Welt, in dem riesigen Zimmer durch unsichtbare Mauern voneinander getrennt.

Die Weißen zogen sie an. Niemand fragte, ob sie lieber im Bett bleiben wollte. Diesem wohlig warmen, Schutz bietendem Lager, in dem ihre Gedanken gehen konnten, wohin sie es wollte. Manchmal sah sie Szenen ihres Lebens an der Decke, wie in einem Film. Manchmal sah sie nur Schwärze. Finsternis, die Frieden versprach. Ihre Gelenke knackten, die Muskeln revoltierten, als man sie aufsetzte und mit ekelhaftiger Geschwätzigkeit versuchte, ihr eine Antwort zu entlocken. Alles in einem Kleinkinderton, so als sei sie nicht in der Lage zu verstehen.

Sie wollte nicht reden! Zuviel geredet hatte sie schon in ihrem Leben. Nie hatte es etwas genützt. Weder bei ihrem schon seit Jahrzehnten toten Mann noch bei ihren Kindern, die kaum Zeit fanden, sie zu besuchen. Sie hatten nicht auf sie gehört, ihre Ratschläge, ihre Wünsche, ihre…ach was, vorbei. Selbst hier hatten sie nicht auf sie reagiert. Dabei ging es doch um sie. Um sie und ihre schlaffe rechte Körperhälfte, diesen nutzlosen Arm, der energielos herum schaukelte, um das Bein, welches ihrem Willen nicht gehorchte.

So wollte und konnte sie nicht weiterleben, das stand schnell fest für sie. Nicht mehr zuhause sein, sich selbst die kleinen Mahlzeiten nach ihrem Gusto bereiten zu können, ihre Möbel und den altersschwachen Dackel um sich herum, die unzähligen Bücher…
Am Anfang hatte sie Untersuchungen abgelehnt, geschrieen, dann Trinken und Essen verweigert. Die Weißen telefonierten mit ihren Kindern und rückten mit Infusionen und Magensonden an. Sie gaben ihr Pillen, die sie als einziges gehorsam in den Mund steckte und sobald die Weißen das Zimmer verlassen hatten, wieder ausspuckte. Im Laufe der Zeit hatte sie diese Methode perfektioniert. Mit der Zunge schob sie die Pillen zur Seite, biss die Zähne fest zusammen und schluckte dann. Jeder der Weißen hatte sich täuschen lassen durch die augenscheinliche Bewegung ihres Kehlkopfes.

Als dieser fremde Mann auftauchte und sie seltsame Dinge fragte, wurde sie noch unzugänglicher. Als wenn sie nicht genau wüsste, wer derzeit Bundeskanzler ist, wo sie geboren ist und als wenn sie nicht drei und vier zusammenrechnen könnte! Nur weil diese gottverdammte rechte Seite nicht funktionierte, war sie doch nicht geistig behindert. Sie beschloss zu schweigen. Sah den Fremden nur aus großen Augen an mit abweisendem Gesichtsausdruck.

Kurz darauf standen ihr Sohn und ihre Tochter mit sorgenvoller Miene an ihrem Bett. Natürlich hatten sie jede Menge funkelnagelneuer Nachthemden mitgebracht. Weil weder ihre Tochter noch die Schwiegertochter Zeit hatten, sich um ihre Wäsche zu kümmern. Kaufen war einfacher. Ihre Kinder redeten auf sie ein. Dass sie doch einsehen sollte, sie würde gebraucht. Gebraucht – von wem? Wofür? Sie war lange genug in ihrem Leben gebraucht worden, als Zimmermädchen, Köchin, Putzfrau, Mutter, Ehefrau. Immer da und verfügbar. Verbraucht. Sie antwortete nicht auf die Vorhaltungen. Drehte ihren Kopf zur Seite und schaute aus dem Fenster. Bis die Kinder genervt wieder gingen.

Die Weißen gaben nicht so schnell auf. Sie traktierten sie mit Infusionen, Spritzen. So gut es ging, wehrte sie sich. Aber wie sollte eine alte Frau sich schon verteidigen, wenn sie nur mit links um sich schlagen konnte? Immer wieder versuchten die Weißen, sie zum Essen zu animieren. Schoben sie im Rollstuhl in den hochtrabend „Frühstücksecke“ genannten Bereich des Stationsflures. Eine sabbernde Anhäufung menschlichen Elends saß dort stumpfsinnig versammelt und starrte auf die Tischdecke. Schnabeltassen aus fleckig gewordenem Plastik stapelten sich auf der Tischmitte, flankiert von verstaubten Kunstblumensträußchen. Das Frühstück bestand aus labberigem Kaffee, vertrockneten Brotscheiben und den immer gleichen Marmeladen-Portionspackungen. Sonntags sogar ein hart gekochtes Ei und Wurstscheiben. Allein die Wurst, mit eingetrockneten Rändern, reichte schon, jeglichen eventuellen Appetit zu verscheuchen. Nicht mal ihrem Fritzi hätte sie diese Wurst vorgesetzt. Fritzi – eingeschläfert auf Anordnung ihres Sohnes, der für sie die Pflegschaft erhalten hatte. Inklusive Aufenthaltsbestimmung und Kontenvollmacht. Sie besaß nicht viel, Geldgier war wohl nicht das treibende Element bei der unverhofften Aufopferungsbereitschaft ihres Sohnes gewesen. Aber was dann? Etwa Liebe? Bestimmt nicht. Dazu kannte sie ihre Kinder zu gut…

Sie wusste, dass sie den Rest ihres Lebens nicht mehr in der Hand hatte. Dass andere über sie bestimmen würden. Sie hatte nicht die Kraft, weiter zu kämpfen, in endloser Schleife dem weiteren Verfall des eigenen Körpers zuzusehen. Sie würde schweigen, wie bisher. Das hatte sie sich selbst versprochen. Einen kläglichen Rest von Würde wollte sie sich erhalten! Und trotzdem…

„Nein!“

Schrill tönte der Ruf. Sie hatte nicht vor, sich in diesen Affenzirkus zu begeben und selbst einer von den Affen zu werden. Niemals! Die würden sie nicht dazu kriegen, DIE NICHT! SIE würde nicht in einer Runde sitzen und mit sabbernden Mitteilnehmern Gymnastik im Rollstuhl machen – NIEMALS!



Jetzt war es soweit! Er musste sich entscheiden…Weiter? Immer weiter…?!

Hatte er früher jemals darüber nachgedacht, was und wie es sein würde?

Dass irgendwann einmal Schluss wäre, war klar. Aber nie war diese Konsequenz allen Lebens so wirklich in sein Bewusstsein gedrungen. Vielleicht hatte er es auch einfach nur verdrängt. Oder keine Zeit zum Weiterdenken gefunden. Der Beruf, die Familie, die Hobbys.

Wenn er genau nachdachte, war er außer den wenigen Stunden Schlaf den ganzen Tag über beschäftigt gewesen. Mit Nebensächlichkeiten.

Jetzt wusste er, wie der blendende Sonnenstrahl an einem diesigem Mittag durch die Wolkendecke fiel, erspähte mit minutiöser Aufmerksamkeit die Anstrengungen der Fliege, die surrend – und vergeblich - danach trachtete die Fensterscheibe zu durchbrechen. Sah mit gleißender, erschreckender Klarheit alle Fehler seiner Lebenslaufbahn. Erkannte die verpassten Chancen. Sah die verbliebenen Möglichkeiten.

Hatte er nicht immer vollmundig getönt, wenn er Krebs oder irgendeine dieser gottverdammten Krankheiten bekam, die mit Siechtum, Entwürdigung und unerträglichen Schmerzen einhergingen, dass er dann kurzen Prozess machen würde?
Dass er niemals zu einem Pflegefall würde? Seine Würde nicht angetastet werden sollte?

Jeder hatte ihm seine Absicht geglaubt. Sogar er selbst. Soviel zum Prozess des Selbstbetruges… Alle hatten sie ihm zugetraut, dass er im Fall des Falles sich eine Kugel in den Kopf schießen, sich mit einer Überdosis Medikamente das Leben nehmen oder einfach in irgendeinen Abgrund springen würde.

Und nun?

Nun lag er hier. Angeschlossen an Apparate, Infusionen. Mit Schmerzen und nicht einem Haar mehr auf dem ehemals üppig bewachsenem Schopf. Seine Schwachheit musste zulassen, dass wildfremde Menschen in wuschen, seinen Hintern abputzten, ja – sogar dass er Windeln tragen musste wie ein Baby, weil die Chemotherapie bei ihm für Durchfall sorgte.

Er beruhigte sein schlechtes Gewissen mit dem Argument, dass er schließlich keine Kraft mehr hatte, diesem Elend ein Ende zu setzen. Dass er sich nicht entscheiden konnte! Doch tief in seinem Inneren verdammte er sich für seine Feigheit. Alles nur Ausreden. Viel früher hätte er sich Gedanken machen, den Schlussstrich ziehen, müssen. Jetzt war es zu spät.

War es wirklich feige, seinem Leben kein Ende zu setzen? War es nicht mutiger, trotz allem weiterzuleben? Andererseits - bewusst alles zu beenden, was menschliche Existenz bedeutete erforderte vielleicht mehr Kraft, als das Leben weiter zu führen. Schließlich wusste niemand, was danach kam…

Während er geschwächt von seinen Überlegungen in einen hellwachen Dämmerzustand hinüber glitt, formte sich ein neuer Gedanke: Ich will!

Ich will leben. Egal wie! LEBEN!



Er hatte Zeit.
Viel Zeit.
Unendlich viel Zeit.


Sein Blick irrte an den Wänden entlang, hangelte sich an der leicht flackernden Neonröhre weiter und blieb schließlich an jenem orangenen Ding hängen, das als Patientenmeldeanlage bezeichnet wurde. Sein Blick wanderte hinüber zu dem Kruzifix an der Wand. Hing da wie ein nasser Sack, der Jesus. Der zeigte sein Leiden. Da war er eindeutig besser!

Er versuchte jeden Tag aufs Neue, möglichst nicht krank auszusehen. Er übersah die eingefallenen Wangen, das schlechtrasierte Kinn. Ignorierte die schwachen Beine, die seinen ausgemergelten Körper kaum zum Waschbecken trugen. Versuchte möglichst nicht um Hilfe zu bitten oder zu klingeln.

Früher hatte das Ding, welches vor seiner Nase herum baumelte, noch Schwesternschelle geheißen.
Aber früher war lange her.
Viel zu lange.

Damals hatte sich Elisabeth noch Mühe gegeben.
Jeden Tag war sie gekommen. Morgens gegen Zehn, und dann, nach drei Stunden und dem Mittagessen, für eine Stunde gegangen. Wenn sie dann wiederkam, hatte sie neue Zeitungen mitgebracht. Manchmal auch umwehte sie ein neuer Duft, wahrscheinlich war sie einfach in eines der großen Kaufhäuser oder in eine der zahlreichen Parfümerien spaziert.
Konnte sie den Geruch nach Krankheit nicht mehr ertragen, den er um sich herum verbreitete?

Das Hospital lag in der Mitte der Stadt, ein deplaziert anmutender Bau aus dem 19. Jahrhundert, mit Giebelchen hier und Zierbogen dort. Alles war in einem scheußlichen, an Diarrhöe erinnernden, grau-grün-beige gestrichen. Die Zimmerwände innen strahlten weiß, die Vorhänge aus dünnem, hellblauem Stoff hingen vor undichten Holzfenstern. Nein, es war kein Ort, an dem man sich sicher aufgehoben fühlen konnte. Unpersönlich und kalt, abweisend. Da konnten die Ärzte noch so gut und das Pflegepersonal noch so freundlich sein.
Wahrscheinlich waren die sowieso nur so zuvorkommend, weil er Privatpatient war.

Oft hatte Elisabeth ein neues Kostüm angehabt. Dezent, aber raffiniert geschnitten. Nie in knalligen Farben, jedoch mit einem pfiffigen Detail. Immer aber mit kleinen Schlitzen an der Seite, die den Blick auf ihre immer noch makellosen, wohlgeformten Beine frei gegeben hatten, wenn sie sich hinsetzte. Endlos lange Beine, mit weicher Haut.

Geredet hatten sie nie viel miteinander. Schon früher nicht, bevor er krank wurde. Man musste nicht reden, wenn man sich liebte.

Nur manchmal hatte er versucht, sie auf ihre ausgedehnten Einkaufstouren anzusprechen. Fünf Stunden durch Boutiquen zu laufen, nur um mit einem winzigen Etwas von Bikini heimzukehren?
Dieses glückliche Lächeln, ihre strahlenden Augen … das konnte nicht nur am Rausch des Einkaufens liegen. Hatte sie bei einem ihrer Einkaufsbummel einen gutaussehenden, jungen Mann kennengelernt? Wie oft schon hatte er sich in seiner Einbildung vorgestellt, wieder leistungsfähig zu sein. Ein ganzer Mann. Ein Ehemann. Er wusste es nicht.
Wollte es nicht wissen.

Wie lange war das her?
Wen hatte sie getroffen?
Wirklich nur Freundinnen?

Elisabeth saß bei ihren Besuchen im Krankenhaus einfach da und war präsent.
Das reichte. Ihm reichte es. Musste reichen.
Schweigend hatten sie, jeder eine Illustrierte für sich, die Seiten umgeblättert und die neuesten Skandalgeschichten vom englischen Hof gelesen. Nun ja, gelesen war zuviel gesagt. Er hatte mehr die Seiten angeschaut, auf denen von Prominentenbällen berichtet wurde. Lesen strengte ihn an. Kennerisch hatte er die jungen Frauen betrachtet, welche mit nicht viel mehr an als einem Hauch Stoff bekleidet, andere berühmte Leute trafen und sich amüsierten.

Amüsieren konnte und wollte er sich nicht mehr.
Nicht ohne Elisabeth.

„Schwerste Koronarsklerose“ hatte der Arzt wenige Tage nach seiner Einlieferung in das Hospital gesagt und mit einem betrübten Lächeln die dicke Akte an die junge Schwester weitergereicht.
„Wir tun, was wir können. Aber Sie müssen jede Aufregung vermeiden. Sie hatten schon zwei Infarkte, einen dritten …“. Der junge Arzt, sportlich, gutaussehend, hatte mit den Schultern leicht gezuckt. „Tja, wenn nicht ihr Prostata-Krebs dabei wäre, und dann noch der Diabetes!“

Ob dieser Jüngling eigentlich wusste, was er da verlangte? Das eigene Ende vor Augen, da sollte er sich nicht aufregen?

Sie war an diesem Tag erst nach der Visite gekommen.
Hatte sie mit dem Stationsarzt gesprochen? Mit ihm gelacht, gescherzt, geflirtet? Sich gar über diesen kranken Torso hinter der Zimmertüre lustig gemacht, über dessen Eifersucht?
Über diesen Körper, der kein Ehemann war, sondern nur ein langsam dahin sterbendes Stück Fleisch?

Elisabeth …, immer noch jung aussehend, mit diesen Grübchen, wenn sie lächelte. Dynamisch und selbstbewusst – und 20 Jahre jünger als er. Sie war Mitte 40. Jetzt hatte sie einen Mann am Hals, der andauernd im Krankenhaus lag und so oder so vor sich hinsiechte.

Anfangs hatte es ihn fast wahnsinnig gemacht, seiner Frau eine solche Last zu sein. Er, der erfolgreiche Geschäftsmann, Leiter einer bedeutenden Firma in der Finanzbranche. Obwohl Elisabeth nie mit einem Wort geklagt hatte. Nur er war in Depressionen verfallen, hatte sich schuldig gefühlt. Weil er glaubte, das Glück herausgefordert zu haben. Beruflicher Erfolg und eine schöne Frau – das Schicksal tarierte die Waage immer aus.
Aber darüber war er mittlerweile hinweg. Was konnte er denn dafür, wenn sein Körper streikte? Er hatte es sich nicht ausgesucht, dieses zu Verstopfungen neigende Herz. Auch nicht seinen Diabetes. Erst recht nicht diesen verdammten Krebs in seinem Unterleib. Nein, schuldig fühlte er sich nicht mehr. Gelassen nahm er sein Los an. Er hatte verloren…

Leise klopfte es an der uringelben Zimmertüre und sofort betrat die Stationsschwester mit den Ausmaßen eines Preisboxers und dem Gehabe eines Feldmarschalls den Raum.
Was wollte die jetzt schon wieder von ihm? Sie sollte ihn in Ruhe lassen, Elisabeth würde auch nicht kommen, da war er sich sicher.
Nicht nach heute morgen…

Direkt hinter der Schwester tauchte der Stationsarzt auf. Mit einem kleinen Anflug von Boshaftigkeit registrierte er, dass der junge Spund, wie er ihn in Gedanken nannte, betreten zur Schwester blickte. Sah dem ähnlich, dass er sich bei diesem Dragoner Beistand holen musste.
„Ich habe zwei … mmhm … schlechte Nachrichten für Sie. Schwester, haben Sie die Diazepam-Spritze bereit?“ Der Hospital-Zerberus nickte grimmig.

Herrgottnochmal, er war doch kein kleines Kind. Warum machten die so einen Aufstand?
Glaubten die tatsächlich, er würde sich freiwillig dieses Diazedingsbums spritzen lassen und in einem Meer von Nebel und vagen Geräuschen versinken?
Während der weibliche Folterknecht sein Werkzeuge präsentierte, eine höhnisch glänzende, spitze Kanüle auf einer Fünf-ml-Spritze aus kitschig-grünem Plastik und strahlend weiße Wattetupfer, überfiel der Arzt ihn mit einer medizinerspezifischen Quälmethode. Er hielt ihm Röntgenbilder unter die Nase. Quatschte, mit Fremdworten gespickten, Müll. Transaminasen, Nierenwerte.

Was interessierte ihn das alles noch? Es war ihm egal, ob die Werte schlechter wurden.
Er wusste, dass Elisabeth nicht kommen würde. Das war das Schlimmste, was passieren konnte.

„Und dann ist da noch etwas … Ihre Frau … mhmm … also, Ihre Frau ist heute Mittag verstorben.“ Der Spund druckste herum, aber beobachtete ihn genau.
„Meine Frau ist tot? Nein, das kann nicht sein! Sie war heute Morgen doch noch … nein, nein, wollen Sie mich umbringen? Das ist kein guter Scherz, mein lieber Doktor!“
„Es tut mir wirklich sehr leid, aber bitte, regen Sie sich nicht auf!“ Hilflos schaute der Arzt die Stationsschwester an. Doch die zuckte nur mit den Schultern und ging zum Fenster. „Bitte …. Ihre Frau ist in einem Kaufhaus zusammengebrochen. Sie war völlig unterzuckert. Der Notarzt konnte leider nichts mehr für sie tun.“

Er lehnte sich keuchend in die Kissen zurück. „Meine Frau … gesund war sie auch nicht. Sie hatte Zucker, nicht schlimm, nicht so wie ich, aber na ja. Früher hat sie immer alle möglichen Diäten ausprobiert …wahrscheinlich ist ihre Bauchspeicheldrüse damals…oder was meinen Sie?“
Der Arzt nickte verständnisvoll, gab aber keine Antwort. „Möchten Sie vielleicht eine kleine Beruhigung?“ fragte die Schwester mit der Spritze.
„Nein, danke, es geht schon so. Würden Sie mich jetzt bitte alleine lassen?“

In Gedanken drehte sich bei ihm alles nur um Elisabeth, seine schöne, störrische, untreue Liebe. Bald würde er bei ihr sein, ohne Schmerzen, ohne Luftnot, ohne eisernen Ring um die Brust. Wenn es einen Himmel gab, würden sie sich dort wiedersehen. Und auf ewig zusammensein. Er würde wieder der Mann sein, der er einmal war.

Zupackend, attraktiv. Ohne diesen Katheder, ohne Urinbeutel. Er würde nicht mehr darauf angewiesen sein, von wildfremden Schwestern und Pflegern den Hintern abgeputzt zu bekommen.
Elisabeth würde wieder zu ihm zurückkehren, mit ihrem wunderbaren Körper und vor allem ihrer Seele. Liebe bis in alle Ewigkeit hatten sie sich doch geschworen vor dem Traualtar.
Im Himmel gab es keine Eitelkeit. Dort gab es keine Kaufhäuser, in denen sie Geld zum Fenster hinauswerfen konnte oder Parfümerien. Weder Illustrierte noch Boutiquen, kein Schweigen.

Welch Glück, dass Elisabeth ihm die Medikamente vor einigen Tagen auf sein Verlangen hin von Zuhause mitgebracht hatte. Auch das hatte ihn einiges an Kraft gekostet. Seine Frau war der Ansicht, er würde doch hier genug Pillen bekommen, wozu dann die eigenen…. Klang er überzeugend? Schlussendlich hatte sie ihm die Medikamente dann doch mitgebracht. Achselzuckend war die Packung von ihr in die Schublade gelegt worden. Wenn er es unbedingt so haben wollte, bitte schön!

Keine der Schwestern hatte es gemerkt, dabei lagen die Tabletten in seinem Nachttischchen, griffbereit, direkt neben dem Rasierer.

Dann hieß es vorsichtig sein. Es hatte ihn Mühe gekostet, Haltung zu bewahren und nicht allzu aufgekratzt zu erscheinen, als Elisabeth, nach langem Bitten seinerseits, das Glas in einem Zug ausgetrunken hatte. Er hatte behauptet, sie sähe nach Vitaminmangel aus. Dabei tat ihm ihre makellose Schönheit fast körperlich weh. Natürlich wollte sie zuerst nicht. Trotz seiner Krankheit schien ihm jedoch noch ein kleiner Rest Überredungskunst geblieben zu sein.

Oder war es einfach Mitleid auf Elisabeths Seite? Konnte sie ihm, der lebenden Leiche, einen ihm scheinbar wichtigen Wunsch nicht abschlagen?
Sie hatte nichts bemerkt von den zehn aufgelösten Antidiabetesmedikamenten in dem Orangensaft heute Morgen.

Oh ja, seine schöne Elisabeth war kerngesund gewesen, keine Spur Diabetes. Er vertraute darauf, dass die Ärzte ihm glauben würden bei seiner Lüge und keine Obduktion anordneten. Er schauderte bei dem Gedanken, sah Elisabeth mit aufgesägtem Brustkorb auf einem Edelstahltisch liegen. Zerstörte Schönheit.

Das durfte nicht passieren!
Übertrieb er jetzt?
Egal, es kam nun darauf an, jegliche Zweifel zu zerstreuen.
Aber warum sollte er lügen?
Und wenn sie ihm nicht glaubten?
Nein, er war todkrank, niemand würde ihm ernsthaft eine solche Gemeinheit zutrauen…

Mit zitternden Händen drückte er die restlichen 10 kleinen, weißen Diabetes-Tabletten aus der Alufolie, betrachtete sie einige Sekunden, legte sie einzeln in seinen Mund und schluckte.

Er hatte nun Zeit.
Viel Zeit.
Unendlich viel Zeit



Sie atmete tief durch. Na ja, so tief es das altmodische Mieder unter dem geblümten Kittelkleid und dem dicken Wintermantel eben zuließ. Die kalte Winterluft strömte durch ihre Nase in die Lungen. Sie konnte deutlich den moddrigen, feuchten Geruch nach Erde und vergammelten Blumen riechen, der so typisch für ihren Aufenthaltsort war. Aber er störte sie nicht.
Im Gegenteil: erwachte sie morgens in ihrem dicken, schweren Federbett, galt ihr zweiter Gedanke dem Gang zu jenem Ort, zu den Gerüchen. Sie war fast süchtig nach dem fauligen Geruch.
Der erste Gedanke war gänzlich anderer Natur. Mit einem gewissen Erstaunen und auch einer Spur Erleichterung stellte sie morgens fest, dass sie noch lebte. Sie war nicht unverhofft im Schlaf gestorben, so wie es ihres Eindruckes nach, in den letzten Jahren immer häufiger vor allem jungen Menschen passierte.
Diese Leute hatten doch das Leben noch gar nicht richtig ausgekostet! Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein 60-jähriger keine Pläne mehr hatte, keine Sehnsüchte, die erfüllt werden wollten. 

Nochmals atmete sie tief ein.
Nur sie lebte immer noch! Dabei war sie doch wirklich schon genug im Leben herumgekommen, hatte Tiefen und Höhen erkundet, war gereist ... hatte ein erfülltes Leben gehabt. Sie könnte mit ruhigem Gewissen gehen.
Gut - die Ehe mit Hermann war nicht immer das Wahre gewesen. In jungen Jahren hatte sie öfter daran gezweifelt, ob er wirklich der Richtige war. Aber Konventionen, der unbestreitbare gesellschaftliche Aufstieg und eine Lethargie, die ihr sonst eigentlich unähnlich gewesen war, hatten sie abgehalten, einfach zu verschwinden. Hermann war nett, ein perfekter Ehemann, ein ehrgeiziger Arbeiter, der es bis in die Geschäftsführungsetage eines Stahlkonzerns geschafft hatte. Er hatte von der Pike auf gelernt und sich hochgedient. Eloquenz war zwar nie seine Stärke gewesen, aber die Arbeiter und die Herren aus der Vorstandsetage hatten sich auf ihn und seine Worte verlassen können. Vielleicht hatte es an der fehlenden Fähigkeit, nur leere Wortblasen abzusondern, gelegen, dass sie beide nur selten zu Festen eingeladen worden waren. Aber weder sie noch Hermann hatte das wirklich gestört. Andererseits hatte sie immer den langweilig verlaufenden Alltag ihrer Ehe gehasst, träumte von Theaterbesuchen. 
 
Vielleicht wäre alles anders gelaufen, wenn sie Kinder bekommen hätten. „Lebende Kinder“, verbesserte sie sich in Gedanken. Zwei Fehlgeburten, und dann die Resignation. Das trotzige „Weiterversuchen“ hatten beide schnell aufgegeben, überhaupt ging es früher gar nicht in erster Linie um die Befriedigung körperlicher Gelüste. Das Wort „Sex“ erschien ihr heute noch anstößig. Zudem war Herman viel zu beschäftigt gewesen. Irgendwann war es zu spät gewesen für sie beide. statt sich um die Aufzucht von Kindern zu kümmern, war sie in der Gemeinde aktiv geworden. Nicht dass sie sonderlich gläubig gewesen war, es ergab sich halt nur diese Möglichkeit in dem kleinen Städtchen am Rande des Ruhrgebietes. Mit Elan hatte sie sich für Neuerungen im Gemeindeleben eingesetzt und war oft genug mit dem alten Pfarrer aneinandergeraten. Dieser war dann überraschend mit noch nicht einmal 50 Jahren verstorben. Herzinfarkt.  Sein Nachfolger war ein junger, von den Idealen der 60er Jahre durchdrungener Kaplan geworden. 

Ein Lächeln stahl sich auf ihre faltigen, vom eisigen Wind fast blauen, Lippen. Der Kaplan war ihr einziger Verbündeter geworden. Gemeinsam hatten sie den Jugendtreff aufgebaut, dem Kirchenchor einige Gospellieder ins Repertoire geschmuggelt und sogar die Ausschmückung der Kirche zu den Messzeiten revolutioniert. Statt überbordender Blumengestecke und stinkender Weihrauchkerzen wurden zweckentfremdete Bettlaken mit den jeweils aktuellen Predigtmotti und nach Lavendel oder Vanille duftende Teelichter auf den Bänken und am Altar verteilt. Aber auch der ehemals junge Kaplan war schon einige Jahre tot.

Sie hob die schmalen Schultern und schlug den Mantelkragen hoch. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen, trippelnd kleine Schritte auf dem Kiesweg. Sie musste aufpassen, dass sie nicht fiel, außer ihr war kein Mensch mehr da.
Mit 76, vier Jahre nach dem plötzlichen Hinscheiden von Hermann, hatte ihr Leben am seidenen Faden gehangen. Wie immer war sie morgens ins Bad gegangen, und dann - zack - war es dunkel um sie geworden. Als hätte jemand das Licht ausgeknipst. Erst Nachmittags war sie im Krankenhaus auf der Intensivstation wieder zu sich gekommen, umgeben von Drähten, Sensoren und piepsenden Maschinen. Fremde Schwestern und Ärzte waren um sie herumgestanden, alle mit sorgenvollen Gesichtern und flüsternd.

Die Nachbarin hatte sie gefunden, hingestreckt vom Schlaganfall und fast unterkühlt. Ihr Glück war es gewesen, dass sie sich mit der Bekannten verabredet hatte zum Canasta-Spielen. Als sie nicht auftauchte- völlig untypisch für sie -  hatte die Nachbarin sich Sorgen gemacht, einfach mit dem Reserve-Schlüssel, der bei ihr deponiert war, die Wohnung geöffnet und den Notarzt gerufen. Wochenlang hatte sie mühsam gelernt, die Muskeln der linken Körperhälfte wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Mit der ihr eigenen Willenskraft war von den Lähmungen nur wenig zurückgeblieben. Doch sie hatte den Tod in ihrer Nähe gespürt...

Angst hatte sie nicht vor ihm. Angst hatte sie vor dem Sterben an sich.
Dem Dahinsiechen in einem Bett, welches nicht ihr Eigenes war.
Der Einsamkeit, denn wer sollte sie schon besuchen?
Sie wusste, dass die Liebe zum eigenen Zuhause und der Wunsch, nicht alleine in die Ewigkeit einzugehen, nicht miteinander vereinbar war.
Die Nachbarin war auch nicht mehr gut zu Fuß, Freunde hatte sie schon lange nicht mehr - die wenigen waren alle tot. Sie wollte nicht einsam sterben! Eine Lösung für das Problem hatte sie bisher nicht gefunden.  

Als nach Hermann einer nach dem anderen wegstarb, hatte sie die, zugegeben morbide, Leidenschaft für Friedhöfe entwickelt. Jeden Tag war sie hierher gepilgert, zu Hermann und zu Georg, zu Martha mitsamt deren drei toten Söhnen, zu.... Zwangsläufig wurde sie Zeuge und mittrauernder Bestandteil fast aller Beerdigungen, die stattfanden. 

Im Friedhofsamt war sie gerne gesehen. Die Leute dort wussten, dass sie als Lohn für die Preisgabe der Begräbnistermine mit Plätzchen und einem angenehmen Pläuschchen belohnt wurden. Was war denn schon dabei, wenn eine alte Dame sich erkundigte, welche Kunden demnächst unter die Erde gebracht wurden?
Mit der Zeit wunderte sich niemand der Trauergäste mehr über ihr Erscheinen am Grab. Sie benahm sich schließlich auch immer äußerst taktvoll! Nie drängte sie sich in die ersten Reihen, fast regungslos, aber immer teilnahmsvoll bekümmert schaute sie den Beisetzungsfeierlichkeiten zu, mit einer Nelke oder Rose in der Hand, die sie vorsichtig beim Defilee am offenen Grab fallen ließ. Schweigend nickte sie den trauenden Angehörigen zu und machte sich wieder auf den Weg zu Hermann.
Jeden Morgen kaufte sie in dem kleinen Blumenladen ein. Immer hatte die Verkäuferin schon die schönsten Blüten für sie herausgesucht, immer waren es 10 Stück. Jene Rosen oder Nelken, welche nicht als Gruß an die unbekannten Verstorbenen gebraucht wurden, legte sie mit Akribie auf die Gräber, welche verwahrlost und unbesucht aussahen. Leisten konnte sie sich diese Extravaganz, Hermanns Rente war großzügig genug. Was brauchte sie schon groß zum Leben? 
 
Ihre Schuhe schienen immer schwerer zu werden. Der kalte Wind machte ihre Hände und ihr Gesicht gefühllos, wie betäubt. Bald hätte sie den Ausgang erreicht, nur noch vorbei an Martha's Grab...
Plötzlich war er da, der Schmerz. Fräste sich mit atemnehmender Kraft durch ihren Brustkorb. Vor ihren Augen verschwamm der dunkle Grabstein mit Marthas Geburts- und Sterbedatum.
Während sie zusammenbrach, tauchten verschwommene Gestalten um sie auf, nahmen das Aussehen von Hermann, Georg, Martha und all jenen an, die in ihrem Leben wichtig gewesen waren. Hermann trug zwei Bündel in den Armen, waren das ihre totgeborenen Söhne?

„Komm, hier bei uns bist Du nicht alleine!“ Martha hielt ihr eine Hand entgegen.  

Sie ergriff die Hand, welche weich und sanft war.
Warum hatte sie sich Sorgen gemacht, einsam und alleine sterben zu müssen?

Es waren doch alle da ...  





Es war eine jener heißen Sommernächte, wie sie in westdeutschen Sommern so typisch sind: Sternenklare Himmel, zirpende Grillen und kein Lüftchen, das sich bewegt. Dazu kam auch noch vollmondige Beleuchtung. Wie sollte man dabei vernünftig schlafen können? In einem seltsamen Zustand zwischen Wachsein und Dämmerschlaf wälzte ich mich in meinen Laken herum.
Ich traute meinen Augen nicht, als plötzlich ein seltsam gekleidetes … nennen wir es Subjekt, vor meinem Bett auftauchte. 
Felsenfest davon überzeugt, dass es sich um die Nachwirkungen eines hektischen Tages, zu viel Sonne oder einem winzigen Schluck zu viel guten Rotweines aus dem Medoc handelte, ignorierte ich den seltsamen Geruch, welcher mich an Schwefel und billigstes Rasierwasser denken ließ.  Wahrscheinlich würde ich gleich aufwachen. Obwohl – eigentlich war ich felsenfest davon überzeugt, nicht zu schlafen.
Ich drehte mich auf die andere Seite, als das – Subjekt  anfing, auf mich einzureden… 

„Hi, biste wach? Luzifer ist mein Name!“

Aha – hatte ich nicht als Einschlafhilfe eine oder zwei Passagen in einem Buch eines gewissen Stephen King gelesen? Bestimmt spielte mir meine Phantasie nun einen, zugegeben bösen, Streich. Ich konnte nicht anders, ich drehte mich wieder herum.

Garantiert war dort niemand! 
Die Person, die dort vor meinem Bett in lässiger Pose herumlungerte, war alles andere als hübsch. Fettige Haare, zu einem schmuddeligen Zöpfchen zusammen gebunden, abgewetzte Lederklamotten, so wie sie abgehalfterte „Hells Angels“ tragen. Zu allem Überfluss trug der Fremde auch noch eine überdimensionierte Sonnenbrille.
Mitten in der Nacht! 

„Brauch’st Dich nicht zu erschrecken. Ich bin es nur, der Teufel!“

Na klasse, dachte ich, soo schlecht warst Du doch eigentlich nicht in deinem bisherigen Leben, dass du ausgerechnet die Ewigkeit in der Hölle verbringen musst.
Oder hatte mich etwa jemand zum Teufel gewünscht? 
Der Vollmond schien völlig desinteressiert durch das Fenster, mein Ehemann schlief den Schlummer aller gerechten Seelen, direkt neben mir – nur ich hatte augenscheinlich ein nächtliches Stelldichein mit dem Satan. 

„ER will mit Dir sprechen. Am besten jetzt gleich. Hast’ aber durchaus noch Zeit genug, Dir etwas Bequemes anzuziehen!“

Okay, am besten ließ ich mich auf diesen irren Traum ein. Konnte ja sein, dass ich schon längst nicht nur völlig abstrus träumte, sondern womöglich auf dem Dachfirst schlafwandelte. Da sollte es besonders gefährlich sein, sich zum Aufwachen zu zwingen. 
Oder war es einer dieser berühmten Wachträume, von Psychologen weltweit angepriesen zur Klärung tiefenpsychologischer Macken?  Angeblich konnte man seinen Traumverlauf steuern, in jede beliebige Richtung. Aber in welche Richtung sollte ich …?
Fragen stellen, das war’s! 

„Wer ist ER?“ Selten dämliche Frage, aber immerhin hatte ich mich zu Wort gemeldet.

„Das Weibchen weiß nicht, wer ER ist?“ Luzifer brach in ein gackerndes Lachen aus. „Wenn ER das hören könnte, … ich lach mich scheckig… sie weiß nicht, wer ER ist!“

„Leise, mein Mann …“ Zum Teufel noch mal, warum sagte ich das?
Der einzige  mögliche Zeuge meiner nächtlichen Unterhaltung schlief selig weiter. 

„Keine Angst, nur Du kannst mich hören und sehen. Einer der Vorteile meiner Existenz.“

„Und riechen!“ rutschte es mir heraus.

„Wie ich sehe, bist’e im Vollbesitz deiner sensorischen und geistigen Fähigkeiten. Sehr gut. Ich hatte, ehrlich gesagt, befürchtet, dass Du einer von diesen labilen Schreiberlingen wärest, die sich unter der Bettdecke verkriechen und schlussendlich in der irdischen Psychiatrie landen. Aber wir sollten so langsam aufbrechen, ER wartet nicht gerne, kenn ich aus eigener, leidvoller Erfahrung.“

Ich weiß bis heute nicht, wie ich es schaffte, aus dem Bett zu kriechen, mein bestes Sommerkleid aus dem Schrank zu nehmen, mich anzuziehen und sogar – soweit ich mich erinnere- auch noch Make-up aufzulegen. Eine Dame geht schließlich nie ungeschminkt aus dem Haus!
Jedenfalls drehte sich Luzifer diskret um, als ich mich anzog. 

Als ich die Badezimmertüre wieder öffnete, fiel der Lichtstrahl auf den Teufel. Zum ersten Mal sah ich den Leibhaftigen leibhaftig und im vollen Licht vor mir. Was ich sah, machte ihn nicht hübscher. Im Gegenteil, er sah aus, als hätte er seit mindestens 10 Jahren keine Badwanne oder Dusche benutzt, die 2 Hörner auf seinem Kopf waren fürchterlich verhornt und in der Lederkleidung schienen Unmengen an Motten zu nisten.
Hoffentlich setzen die sich nicht in meinen Kleiderschränken fest, dachte ich nur und verlor im gleichen Moment das Bewusstsein…
 
Ich erwachte auf einer weichen Couch, so weich, wie ich mir als Kind immer Wolken vorgestellt hatte. Über mir erstreckte sich ein tiefblauer Himmel, leise „Chill-out - Music“ erklang und in der Luft lag ein Duft nach blühenden Magnolien, Lavendel … und Schwefel. Die Temperatur war angenehm, ein Hauch von Luftzug strich über meine Haut.
Die Hölle hatte ich mir eigentlich völlig anders vorgestellt! So konnte ich damit durchaus leben, zumindest nach meinem bisherigen Erkenntnisstand. 
Eine mir unbekannte Frau mit fein geschnittenen Gesichtszügen und einem Kostüm bekleidet, von dessen Preis sogar Millionäre bilanztechnische Alpträume bekommen würden, beugte sich zu mir herunter.

„Schön, dass Sie da sind! Kann ich Ihnen eine Erfrischung reichen, oder benötigen Sie noch eine kleine Weile, um völlig wach zu werden? ER erwartet Sie schon, hat mir aber die eindeutige Anweisung gegeben, dafür zu sorgen, dass Sie sich erst von der Anfahrt erholen.“ Die Frau hielt mir ein Glas entgegen. „Ich bin übrigens die heilige Katharina, Chefsekretärin von IHM! Aber sagen Sie ruhig Kathi zu mir, das machen alle hier oben. „

„Oben? Ich dachte, ich wäre …“ stotterte ich.

„Das glauben alle. Sie dachten bestimmt, weil Luzifer Sie abgeholt hat, würden Sie zu ihm runter ins Tiefgeschoss müssen.“ lächelte Katharina, „Ihre Zeit ist noch nicht gekommen, keine Angst! Der Chef möchte mit Ihnen etwas besprechen, deshalb sind Sie hier. Petrus ist zurzeit etwas überlastet, und auch die Erzengel haben einen vollen Terminkalender. Deshalb haben wir Luzi gebeten, mal runter auf die Erde zu fahren und Sie abzuholen. Rudi und Klausi haben ihren Schlitten leider auch noch in der Inspektion, wir mussten Sie also ent- und rematerialisieren. Ich hoffe, Sie haben alle ihre Gene noch beisammen, oder?“

„Äh…ja, ich glaube schon.“

„Gut! Sehr hübsches Kleid übrigens, was Sie tragen. Ich bin seit Jahren auf der Suche nach so etwas. Könnten Sie mir vielleicht sagen, wo Sie es gekauft haben?“

Fassungslos murmelte ich: „In Schweden! Monsteräs…“

„Sehr gut, an meinem nächsten freien Tag werde ich dort mal hin rauschen. Oder würde es Sie stören, wenn ich das gleiche…?“

„Nein, natürlich nicht.“ Was soll man einer Heiligen auch sonst antworten? 

Inzwischen hatte ich mich aufgesetzt und betrachtete meine Umgebung mit staunenden Augen. Die Couch, auf der ich gelegen hatte, war nicht nur weich wie eine Wolke gewesen, - es war eine Wolke! Ebenso die Wände. Einzig der riesige, voll bepackte Schreibtisch und der sehr bequem aussehende Stuhl dahinter schienen nicht aus Wolken zu bestehen, sondern aus hellem Holz. 
Katharina ging, nein – laufstegte – zu eben jenem Schreibtisch und drückte auf  irgendeinem Gerät irgendeine Taste. „Chef, ich glaube, unsere Besucherin ist so weit.“

Prompt öffnete sich eine bisher für mich unsichtbare, riesige Türe in einer der Wolkenwände. Durch sie schritt ein distinguiert aussehender, schlanker, völlig in Weiß gekleideter Mann. Der Anzug  konnte nur von Armani sein, war der eigentlich schon tot? Selbst das volle Haupthaar war schneeweiß, es umrahmte ein freundlich lächelndes, etwa 50-jähriges Gesicht. Hier schien es entweder Turbobräuner der Extraklasse zu geben oder es schien dauernd die Sonne, auf jeden Fall war der Mann braun gebrannt.
Oh Gott, dachte ich, das ist bestimmt irgendein Sektentraum, den du gerade erlebst. 

„Stimmt beides nicht! Ich bin kein Guru oder Wunderheiler und Sie träumen auch nicht. Gestatten, mein Name ist GOTT, M.H.GOTT.“

„Äh … ja … angenehm!“ stotterte ich. Verdammt, der Kerl konnte anscheinend Gedanken lesen. Und so was wollte kein Guru sein! „Und ich bin dann ja wohl im Himmel?“

„Sehr gut erkannt. Ich wusste, dass ich mit Ihnen die richtige Wahl getroffen habe. Also,…“ der Mann setzte sich auf einen Wolkensessel, der aus dem Nichts aufgetaucht war. „Ich habe noch eine Besprechung mit den Cherubimen abzuhalten, danach empfange ich eine Delegation von Buddha. Lästige Termine, aber was sein muss, muss sein. Ich habe Sie von Luzi herauf bringen lassen, weil ich möchte, dass Sie einige himmlische Geschichten schreiben.“

„Herr GOTT, ähem … ich soll was?“

„Geschichten über uns hier oben schreiben. Wissen Sie, auf der Erde ist meine Schöpfung ein wenig aus dem Ruder gelaufen. Vor allem glauben die Menschen nicht mehr richtig an mich. Ich brauche mehr PR, trendige PR. Was die dort unten glauben, ist dermaßen altmodisch und überholt – ich sage Ihnen, wenn es hier so laufen würde, wie ihr dort unten es euch vorstellt, wir wären längst bankrott, pleite, hätten den Karren gegen die Wand …“ 

„Chef!“ Katharina fiel ihrem Vorgesetzten ins Wort. „Unsere Besucherin hat es bestimmt schon verstanden. Du hast nicht mehr viel Zeit!“ 

„ Nun, Sie haben freien Zugang zu allen Archiven. Lassen Sie sich von den Heiligen erzählen, wie meine Firma aufgebaut ist. Luzifer wird Ihnen auch mit Freuden Auskunft über die Zustände in der Hölle geben. Mir schwebte vor, dass Sie einen kleinen Band mit Short-Stories fabrizieren. Ruhig auch etwas Lustiges. Auf jeden Fall sollte es etwas sein, das meinen Menschen Freude macht. Positive Informationspolitik, sozusagen. Katastrophen habt ihr unten ja selber genug produziert. Sie haben völlig freie Hand.“ 

Um mich herum fing alles an, sich zu drehen.
Ich - ausgerechnet ich - sollte Geschichten über den Himmel schreiben?
Wo ich nur sehr selten in die Kirche ging und überhaupt …. Mühsam hielt ich mich an den Resten meiner  Selbstbeherrschung fest und fragte: „Was wird aus meiner Familie? Ich meine, Geschichten schreiben geht nicht von heute auf morgen, man wird mich vermissen – hoffentlich.“ 

GOTT erhob sich. „Keiner wird es merken, wenn Sie nachts zu mir heraufkommen. Schließlich habe ich da so meine Möglichkeiten! Was das Honorar angeht – leider kann ich Ihnen da nicht viel bieten außer Beköstigung und Transport. Selig- und Heiligsprechungen hat der Papst für sich reserviert, ewige Glückseligkeit hat so ihre Haken und selbst der Einzug ins Paradies ist nicht mehr der, der er mal war. Adam und Eva haben nach einem erfolglosen Versuch, gemeinsam mit der Schlange einen sozialistischen  Landwirtschafts-Kolchosebetrieb zu betreiben, die Lust am Gärtner verloren. Der Garten Eden ist mittlerweile völlig zugewuchert und verwildert. Also, schlagen Sie ein?“ 

„Klar macht sie mit!“ Luzifer hatte sich unbemerkt materialisiert.

„Ich hab’ in der Presseabteilung schon Bescheid gesagt, dass ein Mädel von der Erde hier demnächst rumstreichen und Fragen stellen wird. Meine Unterteufel sind auch schon voll im Bilde und stehen Harke bei Pferdefuß.“  

Der Satan verströmte einen so intensiven Schwefel-Rasierwasser-Duft, dass ER sich angewidert abwandte. „Schon wieder ein neuer Eau – de – Toilette - Versuch?  Würdest Du die Güte haben und ein klein wenig weniger beim nächsten Mal auflegen? Wir sind doch hier nicht im P….“

„Sprich es lieber nicht aus, Chef! Oder soll ich dich M.H. nennen?“ 

„Halt den Mund!“ GOTT wandte sich wieder dem ursprünglichen Problem zu – meiner Person. „Nun, lassen Sie sich nicht von unseren Höllenfürsten hier abschrecken. Er spielt gerne einmal den Macho und starken Mann. Eigentlich ist er überhaupt nicht diabolisch fies. Ich muss jetzt leider in die Besprechung, Sie können ihre Entscheidung ja Kathi bekannt gegeben. Für meine Person würde ich mich sehr freuen, wenn Sie mein Angebot annehmen würden. Ciao, Tschüß, Adjö, hasta la vista, ich verabschiede mich. Kathi – bringst Du uns gleich einen kleinen Milchstrassenshake rein? Du weißt ja, dass Uriel den so gerne  mag!“

Mit federnden Schritten verließ GOTT das Büro durch eine andere, sich plötzlich auf tuende, Tür in der Wolkenwand. 
 

Wie meine Entscheidung ausfiel, können Sie sich denken.
Wer schlägt schon das Angebot aus, zu Lebzeiten den Himmel zu erkunden? 
Neben Heiligen, Jungengeln, Unter- und Oberteufeln, reizenden Putten und aufreizenden Teuflinnen lernte ich so manches Geheimnis kennen.

Ich werde Ihnen nicht alle verraten, aber als kleinen Appetithappen liefere ich jetzt schon einmal die Erklärung für die beiden Vornamenkürzel des Allerhöchsten:

M.H. bedeutet schlicht und einfach MEINE HEILIGKEIT …   

 


Gott gähnte verstohlen. Seit geschlagenen drei Stunden saß er nun schon hier in der Sitzung, hörte sich ermüdend uninspirierte Beiträge an und versuchte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Warum nur hatte er sich bereit erklärt, den Vorsitz zu übernehmen, fragte er sich.

Eine endlose Reihe von Heiligen war aufgetreten, hatte mehr oder weniger witzige Reden gehalten oder ebensolche Liedchen geträllert und unter dem Beifall der, zwischen verzweifeltem Bemühen um Contenance und alkoholbedingter Übermütigkeit schwankenden, Zuschauer die Bühne verlassen. Momentan gab der heilige Veit in der Maske eines Ministers für Technologie einen Tanz zum Besten, gemäß seiner Schutzbestimmung als Patron der Kohlenschipper in die dreckigste Kluft gehüllt, die Luzifer in der Hölle auftreiben konnte.

Der Allmächtige hüstelte, als eine Rußwolke bei einem besonders akrobatischen Hüpfschritt aus dem Kostüm von Veit zu seinem Podestsitz empor wirbelte. Als der Heilige bei einem erneuten, aber missglückten Sprung seinen Tanz mit einem lauten „Aua“ und dem schmerzhaften Aufprall auf seinem Hinterteil beendete, setzte die Kapelle von Blasius lautstark ein: „Tätää, Tätäää, Täääätäääää!“

Auch die von dem neben ihm sitzenden Luzifer, diesjährig in eine Kluft gehüllt, die vage an die die Mischung aus texanischem Präsidentschaftskandidaten und einem nach Sibirien ausgewanderten Ölscheich erinnerte, ausgehende Duftwolke machte dem Herrn über Himmel und Erde das Absitzen der himmlischen Prunksitzung nicht einfacher. Ranzige Erdnussbutter mit Chanel Nr. 169 war dagegen eine frische Sommerbrise.

Was hatte er nicht schon alles über sich ergehen lassen?

Zuerst Genesius, der als Tänzer-Patron mitsamt einem Funkenmariechen auf die Bühne stolziert war. Der schlanke, nicht sehr kräftige, Genesius hatte sehr, sehr viel Mühe gehabt seine Partnerin Dorothea im Zaum zu halten, fast wäre die Hebefigur schiefgegangen. Die heilige Doro war von Format als Schutzheilige der Bräute – und eben dieser Umstand erschwerte im wahrsten Sinne des Wortes die Versuche von Genesius, seine Tanzkollegin in die Lüfte zu heben.

Einzig Gambrinus, als Mischung aus Horst Seehofer und Peer Steinbrück kostümiert, fand die übergewichtigen Kurven des Tanzmariechens toll…hatte er doch als oberster Koch der Himmelskantine den gewagten Spagat zwischen Verbraucherschutz und Finanznot durch das Minimieren der Portionen bei gleichzeitiger Aufstockung der Kalorien erst für die ausladende Figur von Doro gesorgt.

Danach hatte sich Jodokus als Justitia zur Bütt getastet und seine Rede mühsam von dem in Blindenschrift verfassten Blatt abgetastet. Immerhin gab er sich alle Mühe, seinem Patronat gerecht zu werden – um die Augen hatte er eine blickdichte Binde gebunden. Der Inhalt der Büttenrede lief im Grunde darauf hinaus, dass alle, die mit Blindheit geschlagen seien, eigentlich viel tiefer blicken konnten…Gott rätselte noch immer, was eigentlich daran lustig sein sollte. Erst Recht als der Vorträger sich in Freiheitsstatuenpose hinstellte und mit der Stimme von George Bush einem imaginären Guantanamo-Häftling die Rechte erklärte, die jener als Sehender hätte.

Elia (auftretend mit einem riesigen Cello und einem Gummigesicht, das Wolfgang Tiefensee ähnlich sah) und Franziska (als „Gelber Engel“ verkleidet) echauffierten sich als über Tempolimits, Straßenbauarbeiten und sonstige Ärgernisse für Automobilisten. Wozu auch Fahrradfahrer und Fußgänger gehörten. Ein als Sigmar Gabriel verkleideter Zuschauer röhrte daraufhin Parolen über Umweltschutz, Klimawandel und Reaktorsicherheit in den Vortrag hinein, sodass sich der gerade hinter der Bühne von seiner Augenbinde befreite Jodokus genötigt fühlte, mit einer Horde von Ordnungshüter-Putten den Gast aus der Veranstaltung zu entfernen.

Bruno legte dann eine seinem Fachgebiet entsprechend besessene Liturgieverballhornung auf die Bühne, gefolgt von einer weiteren Tanzeinlage der als Dick und Doof daherkommenden Hyazinthus (Entbindungsreferat) und Germanus (Referat Idiotie, Irrsinn und Schulausbildung). Germanus verstieg sich sogar zu einer pantomimischen Darstellung der Pisa-Noten in Deutschland, während Hyazinthus Kopf- und Fußnoten mit wenig tänzerischem, aber umso mehr körperlichem Einsatz interpretierte. Mitten hinein platzte eine forschend um sich blickende Annette Schavan, wurde aber sofort wieder von der Bühne gescheucht.

Amalberga präsentierte als Heidemarie Wiczoreck-Zeul eine schaurig-unschöne Geschichte in Jamben über die Gefahren der Seefahrt, insbesondere bei Schiffbruch. Dabei ließ sie sich außerdem zu einer Moritat über einen sinkenden Exxon-Valdus-Tanker.

Richtig schlüpfrig wurde es beim Vortrag von Valentin: seine Rede mit Ratschlägen zur Bewahrung der jungfräulichen Unschuld brachte zwar den Saal zum Kochen, aber auch die Falten auf Gottes Stirn ans Runzeln. Daran änderte auch sein Kostüm als „Papa Ratzi“ nichts. Kasimir indes hatte sich als Schäuble verkleidet und wetterte gegen Vaterlandsfeinde.

Der Allmächtige seufzte tief. Jedes Jahr schien es schlimmer zu werden…warum nur hatte er erlaubt, dass auf der Erde seine närrischen Menschen den Sitzungs-Karneval erfanden?
Und warum nur hatte er zugelassen, dass diese schwachsinnige Schöpfung zum Maßstab für himmlische Gepflogenheiten wurde?

Warum hatte er überhaupt…den Menschen erfunden…? 
 



GOTT setzte sich völlig erschöpft wieder an seinen Schreibtisch. Das Gespräch mit Thomas war besser gelaufen, als er erwartet hatte. „Geht es auch ein bisschen leiser?“ GOTT versuchte, die Malerengel zu ignorieren und sich weiter auf die Akten zu konzentrieren. Der heilige Honoratius, Schutzpatron der Krämer, wartete immerhin schon einige Zeit auf die Absegnung seiner Bilanz.

Thomas rauschte herein, wie immer in himmelsuntypischem Schwarz gekleidet. Der Heilige war der Ansicht, als Architekten-Schutzherr musste er auch aussehen wie der Hauptteil seiner Anbefohlenen. „Ich grüße Dich!“ sagte er salbungsvoll und zupfte an der Fliege herum, die wie ein riesiger, schwarzer Propeller unter seinem Kinn prangte. „Bist Du zufrieden mit dem Fortgang der Arbeiten?“

Der Herr des Himmels hob widerwillig den Kopf. „Eigentlich ja … aber musst Du wirklich diese grässliche Farbe tragen? Sieht ja aus, als wenn meine Cherubime in Luzifers Kohlenkeller hausen müssten.“

„Mir gefällt’s!“

„Naja, wenn das so ist … aber ich hätte noch eine klitzekleine …“

„Änderung?“ fragte Thomas drohend. Er war bekannt dafür, dass er bei Bauherrenwünschen, welche nicht vor Beginn des Projektes geäußert und mit eingeplant wurden, sehr unwirsch reagierte.

„Nenn es einfach eine winzige Nuance…“ begann ER vorsichtig. „Weißt Du, eigentlich ist Flieder nicht so meine Farbe… ich meine, die Farbe ist ja schön, aber sie lenkt mich ab beim Arbeiten und…“

„Und was?“

„Ich habe, ehrlich gesagt, ein wenig die Befürchtung, dass man glauben könnte, ich …“

„Papperlapapp!“ sagte Thomas. „Flieder ist in. Du wirst Dich dran gewöhnen. Sonst noch etwas?“

Der Allmächtige überlegte, wie er Thomas beibringen sollte, dass die Handwerkerengel nicht nur über Gebühr laut, sondern auch faul waren. Der Heilige hatte schon im letztjährigen Januar sehr empfindlich auf seine göttlichen Verbesserungsvorschläge reagiert und einfach die Baustelle stillgelegt. Erst im Juli waren einige missmutige Unterengel von Baldowerus, dem Schlossercherubim und Michael, dem Maler-Heiligen wieder angerückt. Er seufzte tief: jedes Jahr nach Silvester mussten die Einschusslöcher, welche seine Menschen durch die Feuerwerke verursachten, verputzt werden. Und jedes Jahr gab es die gleichen Diskussionen mit Thomas. „Vielleicht könnten die Arbeitsengel etwas schneller…“

„Ich weiß gar nicht, was Du hast! Jeder Engel hat zwei Ausbildungsputten als Handlanger. Die Hälfte deines Büros ist doch schon wieder tiptop in Schuss…“

„Thomas, wir haben mittlerweile Ende Januar, seit fast einem Monat sitze ich hier in diesem Chaos zwischen Gips und Farbtöpfen… solange kann es doch nicht dauern, in einem Raum die Löcher zu verputzen und ein wenig Farbe drüber zu kippen…“

„Pah. Farbe drüber kippen. Das ist mal wieder typisch für Euch Hobbyheimwerker. So einfach ist das auch nicht gemacht, mein Lieber. Zuerst…“

GOTT hob abwehrend die Hände. „Bitte, ich verstehe eh’ nichts von deinem Baukauderwelsch. Sieh bitte nur zu, dass ich möglichst bald hier an meinem Schreibtisch in Ruhe arbeiten kann. Mehr will ich nicht!“ Er erinnerte sich mit Schrecken an den zweistündigen Vortrag über die Vor- und Nachteile von Walm-, Sheet- und sonstigen Dächern, den Thomas vor einigen Jahren auf den Wolkenteppich gelegt hatte.
Damals hatte der Allerhöchste die neueste innovative Idee des himmlischen Baumeisters abgelehnt: die Errichtung von feuerfesten Giebelhausunterkünften für die verlorenen Seelen in der Hölle. Luzifer hätte sich krankgelacht, wenn das Bauvorhaben durchgezogen wäre….

Der heilige Thomas runzelte die Stirn und zwirbelte wieder einmal an seiner Fliege herum.
„War das alles, was Du mir sagen wolltest?“ fragte er mit leicht säuerlicher Miene. „Dann werde ich mich wieder um die wirklich wichtigen Bastellen kümmern. Servatius hat Probleme mit herabfallendem Putz in seiner Kantinenküche und einige Puten sind durch die Silvester-Einschusslöcher im Fußboden auf die Erde abgehauen. Petrus sagte, die wären alle in diesen Discos untergetaucht und wären da jetzt in Gefahr, von deinen Menschen an die Nadel gehangen zu werden.“

„Äh, … im Vorzimmer…“

„Was will deine Tippse Katharina denn jetzt schon wieder?“ stöhnte Thomas auf, während er sich schon zum Entschweben wandte.

„Sie meinte, dass diese moderne Fassadenmalerei vielleicht doch nicht so ganz in ihr Sekretariat passen würde…“

„Herrgottnocheinmal, die Dosen von Andy sind hohe Kunst, keine Fassadenmalerei! Was kann ich denn dafür, dass Katharina keine Tomatensuppe mag? Die Fresken bleiben dran, ich muss mich in der Kantine schon dauernd diesem altmodischen Zeug von Michelangelo Buonarotti aussetzen, der malt seit ewig und drei Tagen jede Wolke voll. .. außerdem warten Adam und Eva auf mich. Ich habe mit denen einen Termin für den Umbau ihrer Einmachküche. Du solltest vielleicht mal dafür sorgen, dass dieser Apfelbaum ein bisschen weniger trägt, sonst kriegen die beiden noch einen anaphylaktischen Schock. Adam hat jetzt schon immer dicke Lippen, wenn er Eva’s Gekochtes essen muss. Permanent Apfelmus kann ja wohl auch nicht gesund sein.“ Thomas rauschte davon, ohne einen Abschiedsgruß an den obersten Herrn im Himmel zu richten.

GOTT setzte sich völlig erschöpft wieder an seinen Schreibtisch. Das Gespräch mit Thomas war besser gelaufen, als er erwartet hatte.

Und an fliederfarbene Bürowände würde er sich bestimmt auch noch
gewöhnen…






                       
Diese ultramarinblauen Augen, in denen die Welt versank! Die immer ein wenig spöttisch blickten, als wäre das Leben nichts anderes als ein amüsantes Spiel, eine Posse. Dabei durchdrang dieser Blick alles, stieß bis in den hintersten Winkel ihrer Seele vor, durchleuchtete ihre verborgensten Geheimnisse. Sie erinnerte sich nur zu genau, mit welchem Ausdruck er sie angesehen hatte.
Man konnte sich nicht entziehen, entkommen war unmöglich.
Damals, … da schaute er sie an. Nur sie.

Das erste Zusammentreffen mit ihm.
Sie schüchtern, er imponierend. Ein Mann wie aus dem Bilderbuch. Groß, mit flachsblondem, vollem Haar. Schlank, dabei durchtrainiert. Jede seiner Bewegungen schien absolut kontrolliert. Das Gesicht erinnerte sie spontan an eine alte Büste von Julius Cäsar. Hohe Wangenknochen, die Nase modelliert wie von einem Bildhauer. Ausdrucksvoll und auffallend schön, trotz der Hagerkeit, war dieses Gesicht. Mit dem gewissen Etwas und einem kleinen Grübchen am Kinn. Was machte es, dass er rund 15 Jahre älter war als sie?
Seine Augen mit diesem unverschämt anziehenden Blau brannten in einem kalten Feuer, welches in ihr das Verlangen auslösten, sich an ihm zu verbrennen.

Sie dachte an nichts anderes mehr als an ihn. Wie viele andere Frauen waren wohl ebenso fasziniert von seiner Ausstrahlung?

Das …

„Würden Sie mir die Ehre geben, mit mir zu tanzen?“
Einfach so, ohne sich ihr vorzustellen. Er hatte ihre Hand genommen und sie auf die Tanzfläche des langweiligen Wohltätigkeitballes gezogen. Sie war davon geschwebt, mit ihm.
Nicht nur für einen Tanz. Den ganzen Abend.
Wie Aschenputtel am Hofe des Königs war sie sich vorgekommen. Dieser Mann bedeutete für sie ein Geschenk, das sie sich immer ersehnt, aber bisher nie erhalten hatte. Plötzlich regelrecht befreit, ausgelassen, lachte sie, wirbelte über die Tanzfläche. Immer verfolgt von diesen blauen Augen, die so blau wie das unendliche Meer waren, in dem man rettungslos unterging.

Mit dem untrüglichen weiblichen Instinkt war es  Mutter natürlich sofort aufgefallen. Obwohl sie genug damit zu tun hatte, sicher auf den eigenen Beinen stehen zu können und nicht allzu laut zu lachen. Zu viel Champagner und Whiskey kreisten in ihrem Blut. Ihre Tochter, dieses unscheinbare Ding, welches sich sonst so altjüngferlich gebärdete, wie ein Backfisch errötete, wenn ein Mann sie zum Tanz aufforderte, schien sich doch tatsächlich verliebt zu haben.

Der nächste Morgen war ein einziger Spießrutenlauf gewesen. Mühsam versuchte sie, den amüsiert - neugierigen Blicken ihrer Mutter beim gemeinsamen Frühstück auszuweichen, schweigsam  auf die nicht zu überhörbaren Spitzen reagiert. Sie brauchte nur an diese strahlend blauen Augen zu denken, um stark genug zu sein.

… Leben …

„Dieser Mann ist doch viel zu schön, um wahr zu sein, Kind!“ Wie oft hörte sie diesen Satz aus dem grell geschminkten Mund ihrer Mutter. Diese Vorliebe für platte Weisheiten hatte sie noch nie gut ertragen.
Viele Verehrer waren nie vorhanden gewesen. Ihr Aussehen war einfach nicht gut genug. Der Mund mit den vollen, aber bleichen Lippen, war zu groß, daran änderten auch die makellosen Zähne nichts. Die fast schwarzen Augen standen einen kleinen Tick zu weit auseinander. In einem unmodischen Dutt zusammen gerollt, obwohl seidig glänzend, das nussbraune, schulterlange Haar.
Schönheitsoperationen waren nicht zu teuer für sie, sondern widerstrebten ihrer, sie selbst beruhigenden, Auffassung, dass Attraktivität nicht alles wäre.

… ist …

„Kein Mensch wird nur wegen seiner inneren Werte geliebt, Kleines.“
Geübte Kosmetikerinnen hätten, nach Ansicht ihrer Mutter, durchaus für ein passableres Aussehen sorgen können. Sie jedoch ekelte sich vor Schminke und Lippenstift, konnte diese fettigen Cremes nicht auf ihrer Haut ertragen. Wie Mutter wollte sie nie und nimmer herumlaufen, deren Falten unter zentimeterdicken Schichten Make-up zwar verschwanden, die Mimik jedoch zu einer Maske erstarren ließen. Einer höflich lächelnden, unechten Fassade, hinter der sich Teilnahmslosigkeit, Dünkel und die Angst vor dem eigenen Altern verbarg. Die Schönen konnten nicht ertragen, dass ihre Anmut verging. Nur wer nicht attraktiv war, konnte das. Sie konnte es.

Diese strahlenden Diven, aufgepumpt mit Silikon und immer am Rande einer Botox - Vergiftung, einem falschen Lächeln auf den perfekt geschminkten Lippen - die verachtete sie. Überkandidelte Schaufensterpuppen, die in einer Scheinwelt aus Zickenkampf, Komplimenten und Stylisten lebten.
Obwohl es auch ihre Welt war, die Welt, in die sie geboren worden war.
Wohl gefühlt hatte sie sich dort nie.

.. ein ..

„Du musst aufpassen, was Du sagst. Am besten, Du redest gar nicht!“
Sie war nicht geistreich, erst recht nicht schlagfertig, versagte kläglich auf dem gesellschaftlichen Parkett der oberen Zehntausend. Dort zählten wohlfeile, genau abgestimmte Tonnuancen. Jeder Satz, jede unbeabsichtigte Betonung konnte als Affront aufgefasst werden. Die Strafe war gesellschaftliche Ächtung, mal auf Zeit, mal auf Ewig. Stumm stand sie da, bloß nichts sagen. Jedes Wort konnte morden. Mutter hätte es ihr nie verziehen, wenn durch sie ihr gesellschaftliches Ansehen ins Schwanken geraten wäre.
Sie empfand sich als graue Maus, weil sie eine graue Maus war. Innerlich und äußerlich. Punkt.

… Bumerang: …

„Mädchen wie Du sind leichte Beute, Kind!“
Mutters Standardsatz.
Wie eine Glucke hatte Mutter, wenn sie nüchtern war natürlich, über sie gewacht, - sie regelrecht bewacht.
Nie durfte sie mit Freundinnen abends ausgehen, außer es war eine abgeschottete Wohltätigkeit -Veranstaltung, eine gut bewachte Soiree oder die intime Vernissage eines angesehenen Künstlers. Endlose, langweilige Stunden mit blasierten Leuten.
Doch Mädchen wie sie fügten sich widerspruchslos. Nur ganz tief im Inneren wurde aufbegehrt – manchmal.

Regelrecht süchtig nach Vergnügungen hingegen war Mutter nach dem frühen Tod des Vaters geworden. Lief von einem „angesagten“ Skalpell-Künstler zum anderen, ließ sich liften, um in der Welt der Makellosen mithalten zu können. Buchte teure Privatstunden bei „Body - Trainern“, gab einen Großteil des Vermächtnisses für Kleidung und Besuche bei „hippen“ Stylisten aus. Ganz zu schweigen von all den Partys, Feiern und Festen, auf denen sie fast täglich zu finden war. Sie schmiss das Geld zum Fenster hinaus, hielt viel zu junge „Proteges“ aus. Zum Glück war die Hinterlassenschaft riesig. Vater hatte ein gutes Händchen an der Börse besessen, die Eskapaden ihrer Mutter waren zu verschmerzen.
Kurz nach der Beerdigung ihres Vaters kam sie in ein Internat, mit Nonnen und einer rigiden Hausordnung. Wer nicht parierte, bekam Arrest in einer dunklen Klosterzelle.
Sie gehorchte lieber…

Nach dem Abitur zog sie wieder nach Hause. In ein Gebäude, dem jegliche menschliche Wärme fehlte. Nichts erinnerte hier mehr an ihren Vater, kein Bild, nichts! Mutter hatte alles entsorgt. Sogar die Möblierung war neu. Vaters geliebter alter Sessel lag auf dem Sperrmüll. Die alten Hausangestellten, eine Köchin und ein Gärtner waren nicht mehr da. Mutter ging lieber in Restaurants und auch für Gärten hatte sie sich noch nie interessiert. Wozu dann die unnötigen Geldausgaben für Personal?
Nur Vaters Bücher, die gab es noch. Sie nahm diese in Besitz, hütete sie wie einen kostbaren Schatz. Ihren Schatz.
Mutter war sowieso kaum zu Hause. War sie es ausnahmsweise doch, ging ihre Tochter ihr lieber aus dem Weg, schloss sich in ihrem Zimmer ein. Die langen Abende und endlosen Nächte, in denen sie in ihrer eigenen, kleinen Mädchenwelt blieb, waren genutzt worden, sich durch sämtliche Klassiker der Weltliteratur, von Drama bis zu Poesie, zu lesen. Ihr Kosmos bestand aus Goethe, Joyce, Shakespeare und deren Schöpfungen.
Noch gut konnte sie sich an jenen Augenblick erinnern, als sie den dicken Tolstoi-Band zuschlagen konnte. Mit Stolz und einem großen Teil Erleichterung war das Buch von ihr wieder in das Regal geschoben worden. Dieser Russe war sehr schwierig gewesen.
Danach arbeitete sie sich durch wissenschaftliche Bücher, machte Leseausflüge zu den großen Philosophen. Nur ab und an gestattete sie sich zu fragen, welchen Sinn es hatte, ein durchaus kluger Kopf, - aber einsam zu sein. Über das wahre Leben und wie man es bewältigte, erzählten die Bücher nichts. Einen Fernseher gab es nicht im Haus, allenfalls ein uraltes Radio unten in der Küche, welches nur noch selten zum Frühstück benutzt wurde.

Meist erst spätnachts war Mutter aufgetaucht, angetrunken, von einer Geruchs - Mischung aus teurem Whisky und billigem Rasierwasser umgeben, die sich im Treppenhaus verbreitete, sich in den Vorhängen festsetzte und noch Tage später zu riechen war. Die Männer, mit denen sie herumturtelte, hinterließen ihre Duftmarken an ihr wie Hunde an einem Laternenpfahl.
Manchmal war leises Flüstern und Kichern auf dem Flur zu hören, das Rascheln von Kleidung. Dann hatte Mutter wieder einmal einen ihrer „Begleiter“ in ihr „Boudoir“ mitgenommen. Sie ließ jeden an sich heran, aber keinen an ihre Tochter.

… man …

„Dein Vater hat nicht jahrelang geschuftet, nur damit sich ein Hallodri dein Erbe unter den Nagel reißt.“
Keiner hatte bis dahin die überzogenen Anforderungen ihrer Mutter erfüllt. Es gab keine Medaillen ohne zwei Seiten. Auch keine Prinzen ohne Fehl und Tadel. Sie wusste das, Mutter schien es nicht wissen zu wollen. Dabei war ihre Mutter überhaupt nicht wählerisch, wenn es um ihre eigenen Bettgenossen ging.
Die wenigen Männer, welche sich an die reiche Erbin heranwagten, wurden von Mutter einer peinlichen Überprüfung unterzogen.
Peinlich für sie. Die Verehrer erfuhren nie etwas von den geheimen Verbindungen, welche ihre Mutter besaß.
Doch jedes Mal tauchten kompromittierende Fakten wie Liebschaften mit Call - Girls auf, bevorstehende Bankrotte oder sonstige Gründe, die es ihrer Mutter ratsam erschienen ließen, die Bewerber höflich, aber deutlich darum zu bitten, ihrer Tochter nicht länger den Hof zu machen. Sie wurde nicht gefragt.

Wenigstens in dieser Hinsicht hatte Mutter etwas Gutes für sie getan. Die meisten der Männer waren entweder fast im Rentenalter, hatten körperliche Gebrechen oder waren einfach nur schleimige, unfähige Jüngelchen, die von ihren enttäuschten Vätern dazu verdonnert wurden, wenigstens reich zu heiraten, wenn sie schon ansonsten Nieten waren.

Konnte Mutter Angst gehabt haben, dass ein Schwiegersohn das schöne Leben, die Verschwendung beendete?  Vielleicht…
An diesem Mann mit dem faszinierendem Blick, da hatte sich Mutter jedenfalls die makellosen Zähne ausgebissen.
War Mutter eifersüchtig gewesen, neidisch, weil sie selbst sich mit willigen, aber halbseidenen Liebhabern begnügen musste?
Oft schon waren ihr diese Gedanken gekommen.

Nichts hatte dieser Kandidat zu verbergen gehabt, nicht eine Spur wies darauf hin, dass er etwas anderes im Sinn gehabt hatte, als sie glücklich zu machen. Reicher Geschäftsmann, Inhaber einer äußerst profitablen Firma in der Elektronikbranche, keine unehelichen Kinder oder ähnliches. Seine Umgangsformen waren tadellos, nie war er schroff oder anbiedernd. Ein halbes Jahr warb er um sie. Er war sparsam, aber nicht geizig. So, wie ein guter Geschäftsmann sein musste.
Sie verstand nicht viel von Wirtschaft und Politik, ahnte jedoch, dass ein guter Ruf nicht ausreichte, um in schlechten Konjunkturzeiten einen Betrieb zu erhalten. Ihre Mutter fragte häufiger argwöhnisch, ob sich ihr „Galan“ nicht vielleicht Geld hatte leihen wollen. Sie konnte guten Gewissens mit : „Nein!“ antworten.
Sie hatte es ihm aufgedrängt.

Mutter konnte sie nicht abhalten, sich mit ihm zu treffen. Nicht mit höhnischen Bemerkungen, nicht mit Drohungen, nicht mit sentimentalem Bitten. Still und schweigend war sie stets auf ihr Zimmer gegangen, die immerzu schriller werdende Stimme hinter sich lassend. Meist war Mutter zu diesem Zeitpunkt schon beim dritten Gin angelangt, ihre Wut war in tränenreiches Selbstmitleid umgeschlagen nach weiteren Drinks. Dann hämmerte sie schluchzend und beschwörend an ihre Zimmertüre, ließ ein kindisches Wimmern unter dem Türspalt hindurchkriechen.

… bekommt …

„Ich will doch nur das Beste für Dich!“
Sie hatte sich eingeschlossen, bis die altmodische Glocke der Eingangstüre läutete.
In aller Regel hatte Mutter dann schon aufgegeben und betäubte den Schmerz über die Unvernunft ihrer Tochter mit weiteren „Baileys“ und anderen Spirituosen unten im Lesezimmer, physisch unfähig zu öffnen. Der Alkohol machte müde, leise schnarchend lag Mutter auf der alten, wuchtigen Ledercouch für ein kleines Nickerchen.
Wenn sie erwachte, war ihre Tochter schon lange weg.

… zurück, …

„Du musst raus aus deinem Elfenbeinturm“
Seine Worte klangen noch heute in ihren Ohren. Verlockend, geheimnisvoll, mit dem Versprechen auf Abenteuer und pralles Leben. Dabei nahmen seine Augen einen anderen Glanz an. Jetzt blickten sie bestimmend, schienen keinen Widerspruch dulden zu wollen.

Sie waren ausgegangen, er hatte ihr eine verborgene Welt gezeigt. Noch nie war sie in einer Diskothek gewesen, doch mit ihm war sie eingetaucht in die zuckenden Lichter und das Ohren - und Sinnenbetäubende Gewühl verschwitzter Teenager und Twens. In verrauchten Kneipen war sie an den Geschmack von billigen Zigaretten und abgestandenem Bier gewöhnt worden, hatte erlebt, wie das armselige Leben auf den Strassen aussah. Das wirkliche Leben der ganz normalen Menschen, nicht die verlogene Fassade der High Society.

Der erste Kuss, zögernd, unsicher. Aber so unwahrscheinlich süß...
Nicht lange darauf war sie schwach geworden. Nur allzu gerne hatte sie ihre Jungfräulichkeit verloren. Endlich! Dabei war es ihm gelungen, ihr Verlangen so sehr anzustacheln, dass sie sich als Verführerin fühlte.
Wie immer in ihrer Beziehung übernahm er insgeheim und sanft die Führung. Er war der Prinz, sie Schneewittchen. Das Mädchen, welches wachgeküsst wurde und in eine andere, bessere Welt geführt wurde.
Ohne sie überhaupt zu fragen, war er vor ihre Mutter getreten, an einem Abend, an dem Mutter stark angeheitert von einer Partie Bridge gekommen war und erstaunlich milde gestimmt war. Sie hatte ihrer Tochter und ihm vom Fuße der Treppe aus freundlich, aber schwankend zugenickt.

… was …

„Ich werde Ihre Tochter ehelichen!“
Nicht mehr und nicht weniger hatte er gesagt, ihre Hand beruhigend gedrückt und Mutter standhaft angesehen. Sein Blick war der – ja, es war der Blick eines Feldherren, der sicher war, zu siegen. Unnachgiebig.
Julius Cäsar in der Gegenwart. Stark und schön, nicht bereit, aufgehalten zu werden. Erleichtert und sich absolut sicher fühlend lehnte sie sich an ihn.

Energisch den perfekt frisierten Kopf schüttelnd  kicherte Mutter perlend und begann mit dem Aufstieg,  die unsicheren Schritte waren nicht zu hören durch den schweren Spannteppich.
Sie wollte an den beiden vorbei, immer heftiger lachend, so als ob sie es für den größten Witz der Geschichte hielt, dass ausgerechnet ihre Tochter … dieses unscheinbare Wesen sollte sich einen Mann von diesem Format angeln?

Er hatte ihre Hand losgelassen, beschwörend seine Arme gehoben.
Mutter drehte sich noch nicht einmal um, als sie die Hand an ihrer Schulter bemerkte.

Lachte einfach immer weiter, immer greller, immer boshafter …

Mitten auf der großen Treppe ihres Elternhauses - wie oft war sie als kleines Kind hier heruntergefallen, ausgerutscht, weil eine der Teppichstangen sich gelöst hatte?
Nie hatte sie sich ernsthaft verletzt.

Der Notarzt konnte nur einen Unfalltod feststellen. Manchmal passierten solche Dinge eben, wenn ältere Damen zu viel tranken, sich auf der Treppe verschätzten, das Gleichgewicht verloren und rücklings hinunter stürzten. Die Treppe war groß, hoch und mit einem altmodischen Belag versehen, der nur durch eingeschobene Stangen gehalten wurde. Wie schnell löste sich so eine Konstruktion!

Auch die Polizei war sehr gründlich gewesen, hatte Fragen gestellt, aber keine Antworten erhalten. Dafür hatte er gesorgt.

… man …

„Du hältst den Mund, das ist am besten! Oder möchtest Du, dass…?“
Wieder war der Blick seiner Augen hart geworden. Jetzt schienen sie eisblau, kalt zu sein.
 
Nach angemessener Trauerzeit war ihre Verlobung bekannt gegeben worden, wiederum zwei Monate später die Hochzeit. Die Sekretärinnen des Standesbeamten waren die Trauzeugen. Natürlich war es immer ihr Traum gewesen, eine rauschende Hochzeit und ein weißes Brautkleid, aber er fand, dass es nicht angemessen sei, eine opulente Feier zu veranstalten, solange nicht alle Nachlassangelegenheiten endgültig geregelt seien. Schließlich war sie die Alleinerbin eines riesigen Vermögens.
Wen hätte sie auch einladen sollen, außer ein paar alten Freundinnen aus dem Internat. Püppchen, die längst andere Interessen hatten als sie selbst, mit denen sie nichts mehr verband außer den gemeinsamen Erinnerungen?
Mutters alte Bekannte konnte und wollte sie nicht ertragen, die meisten waren sich noch nicht einmal auf der Beerdigung zu sehen gewesen.
Auch ihr frischangetrauter Ehemann besaß keine Verwandten. Zwei Einsame, die sich gefunden hatten.

Er kümmerte sich um alles, hielt ihr den Rücken frei, tröstete sie. Wenn die Yellow-Press mit ihr sprechen wollte, schottete er sie ab. Sie gehörten immerhin zur High Society, ob sie wollten oder nicht.
Leichten Herzens gab sie ihm die nötigen Vollmachten, damit er alle nötigen Dinge erledigte. Sie brauchte noch nicht einmal vor die Türe zu gehen, er kaufte ein. Kochte. Machte einfach alles – für sie.
Bis heute hatte sie ihm blind geglaubt und vertraut.
Ein Jahr lang.

… gibt.

Es war mal wieder ein schlechter Tag.
Mit Kopfschmerzen war sie aufgewacht, nach einer Nacht voller Alpträumen, in denen sie ihre Mutter fallen sah, mal anklagend die Arme hochgerissen, dann die Augen ungläubig aufgerissen, sie anstarrend. Immer wieder hörte sie dabei diesen Schrei, der aus dem rotgeschminkten Mund ihrer Mutter kam, markerschütternd, schrill. All jene verdammend, die weiterlebten.
Beharrlich kamen diese Träume wieder, konnte Mutter sie nicht einmal im Tode aus ihren Fängen entlassen?

Er war schon in die Firma gefahren, sie war alleine in dem riesigen Haus. Wie immer öfter in der letzten Zeit.
Häufig kam er später nach Hause, meist erst tief in der Nacht. Wurde verschlossener, bedrückter. Seine Tiefsee - blauen Augen musterten sie nur noch müde, so als würde er ein altbekanntes Möbelstück taxieren, dessen Macken und Kratzer er nur allzu genau kannte. Ein Möbel, das zur Last wurde, nur Platz und Luft wegnahm. Seine Zärtlichkeiten waren oberflächlich, fast lieblos.
Zusammen ausgegangen waren sie beide schon lange nicht mehr. Sprach sie das Thema an, erntete sie nur ein lahmes Lächeln und den Hinweis, dass er wirklich völlig erledigt sei.
“Vielleicht am Wochenende?“ fragte sie dann leise nach.
Nein, auch da gab es Geschäftstermine, musste er sich mit Investoren treffen oder mit ihrem Notar wichtige Verträge besprechen. Oder wollte sie etwa nicht, dass ihr Vermögen sicher angelegt wurde?

Ließ sie trotzdem nicht locker, musterte er sie lange, wortlos. Das Blau seiner Augen fixierte sie abschätzend. Meist hielt sie dann lieber den Mund, aus Furcht, ihn zu verärgern.

Sie brauchte dringend Tabletten, machte sich auf die Suche, fand aber keine. Nicht in der Schublade des kleinen Nachttischchens und auch nicht im Bad.
Vielleicht hatte er ja…?

In ihrem Kopf lauter kleine Explosionen. Rauschen, das immer stärker wurde.

Sie ging aus ihrem Schlafzimmer hinüber in seinen Raum.
Getrennte Betten waren besser, hatte er gesagt, er schnarche.
Ohne weitere Umstände wurde Mutters Zimmer von ihm in Beschlag genommen, deren Möbel gegen die maskulinen Edelstahlmöbel, die Glasschränke und das Futon - Bett aus seiner alten Wohnung ausgetauscht. Mutters Einrichtung war, bis auf wenige Kleinigkeiten, auf dem Sperrmüll gelandet.
Der Duft seines Rasierwassers hing noch in der Luft, vertraut und doch seltsam fremd ohne den dazu gehörigen Körper.

Sie suchte zuerst in dem kleinen Bad.
Nichts, außer Rasierapparat, Zahnbürste und dem üblichen Kleinkram, den Männer brauchten, um frisch in die andauernd wiederkehrende Tretmühle des Alltags zu starten.
Überdeutlich hörte sie die Geräusche, welche ihre unstete Fahndung begleiteten, hörte ihr Blut rauschen.

Zurück in das Schlafzimmer. Auf dem Bett lagen unbenutzte Socken und eine Jacke.
Achtlos hingeworfen, so als hinge in den feinen Fasern der abgelegte Stress eines unangenehmen Arbeitstages. Was auch zutraf – es gehörte zu einem seiner „Firmen-Anzüge“. Sein After - Shave strömte aus dem Stoff, verstärkte ihre Kopfschmerzen. 
Vielleicht hatte er ja in einer seiner Jacken-Taschen ein Schmerzmittel? Ihre Suche blieb erfolglos.

Ein weiteres Sakko lag über der Stuhllehne.
Halb wahnsinnig vor Schmerzen nahm sie das Jackett hoch, seine Lieblingsjacke aus leichtem Burberry-Stoff. Ein wenig abgenutzt zwar, aber er hing daran, zog sie an, wenn er abends zu inoffiziellen Geschäftsterminen ausging. Ohne sie.

Dann fand sie es, das Taschentuch mit dem Lippenstift-Abdruck. Nie benutzte sie Kosmetika. Ihre Haut vertrug Schminke nicht, sie wurde rot und pickelig.

Der Hauch nach Parfüm war nicht ihrer.
Schnuppernd identifizierte sie den Duft.
Chanel no. 5, teuer.
Trotzdem nicht unerschwinglich, jede bessere Prostituierte konnte sich gewiss jeden Monat eine Flasche leisten.
Obwohl sie nicht wusste, wie viel ein Call - Girl verdiente, ging sie davon aus, dass in ihren Kreisen sicherlich genug für Liebesdienste gezahlt wurde. Billige Straßenmädchen wären weit unter den Ansprüchen der Haute volaute.

Hatte er es der Besitzerin geschenkt?
Wenn ja, stellte sich die Frage, warum er einer anderen Frau Parfüm schenkte. Ihr brachte er schon lange nichts mehr mit. Nicht einmal einen Blumenstrauß.
War er wegen der Anderen in letzter Zeit immer so erschöpft?
Weil er bei dieser Frau die Leidenschaft verströmte, die er für sie nicht mehr übrig hatte?

Sogar das Tuch war nicht ihres ...
Einmal-Tücher waren sehr viel hygienischer. Sie verabscheute diese besudelten Fetzen Stoff, voll mit Erregern. Angewidert versuchte sie, das Beweisstück fallen zu lassen, konnte ihre Hand jedoch nicht öffnen. Ihre Finger gehorchten ihr nicht.

Wie konnte er nur?
Liebte er sie nicht mehr?

Konnte er nicht alles das machen, was er zu tun wünschte? Er brauchte keine Rücksicht auf sie zu nehmen, sie machte ihm keine Szenen.

War sie nicht in allem folgsam gewesen? Sie hatte getan, was er wollte. Würde immer alles tun, für ihn, für einen Blick aus seinen Augen. Selbst wenn dieser nicht mehr liebevoll, sondern ungeduldig und gleichgültig war.

Eisern hatte sie geschwiegen, niemandem etwas verraten.
Die ganze Zeit. So wie er es verlangte. 
Sie war sich keiner Schuld bewusst.  

Runter in die Küche, vielleicht war in dem kleinen Erste – Hilfe -Schränkchen ja ein Schmerzmittel.
Krampfhaft umklammerte sie das Indiz für seine Untreue. Lichtblitze tanzten vor ihren Augen, die Mischung aus After - Shave und Chanel ließ ihre Magennerven verrückt spielen. Stolpernd und würgend floh sie aus dem Schlafzimmer ihres Ehemannes.
Sie musste hier raus, an die frische Luft!
Immer stärker pochten die Schläfen, ein eiserner Ring legte sich um ihre Stirn.
Ihr wurde schwindelig. Das Geländer der Empore verschwamm, die Treppenstufen tanzten.

Nur noch die große Freitreppe herunter. Ein paar Meter durch das Foyer, dann wäre es geschafft.

Die Welt wurde grauer.
 
Nebelschleier umwogten sie.
 
Das Blut hämmerte in ihren Adern.

Eine Stufe.

Noch eine Stufe.

Die Welt versank in einem Dunstschleier.

Eine weitere Stufe.

Das fremde Taschentuch sank in kleinen Bögen hinab, die große Treppe herunter.
Wie ein Blatt im Herbstwind.

Es wurde immer dunkler um sie herum.

Während sie fiel, erschien Mutter. Den grellrot geschminkten Mund zu einem schadenfrohen Grinsen verzogen.
„Kleines, hast Du etwa gedacht, Du wirst mich so schnell los? Mädchen wie Du sollten nicht ihre eigene Mutter die Treppe hinunterstoßen. Das Leben ist ein Bumerang: man bekommt zurück, was man gibt.“

Sie hörte nicht mehr das leise, kurze Knacken, als ihr Genick brach ...   



Der Gestank nahm ihm fast den Atem. Er spürte wie seine Magennerven sich zu einem einzigen, protestierenden Knäuel zusammen zu ballen schienen, bereit für einen Aufstand.

Die Hände vor Mund und Nase gepresst, setzte er seinen linken Fuß einen Schritt nach vorne. Der Geruch nach verrottetem Papier, durchsetzt mit Fäulnis und moderndem Holz drang trotzdem durch die Spalten zwischen seinen Fingern.

Deutlich konnte er das Aroma verdorbenen, faulenden Fleisches riechen. Vor seinen Augen erstand das Bild von unförmigen Fleischklumpen, auf eine schreckliche Art grau-braun, mit ihm unbekannten Insekten gigantischen Ausmaßes darauf, welche sich an den zerfetzten Fleischfasern gütlich taten. Und über allem lag ein durchdringender Fischgeruch.

Noch ein Schritt, diesmal mit dem rechten Fuß. Es half alles nichts, er musste hier durch.

Die Brühe, leicht gelblich und ekelhaft glibberig, die seine besten Schuhe reif für den Müllhaufen machte, quietschte unter seinen Sohlen. Er musste aufpassen, dass er nicht ausrutschte, dachte er.
Auf keinen Fall wollte er mit seinem Anzug oder gar mit einer unbedeckten Stelle seines Körpers nähere Bekanntschaft mit dieser widerlichen Substanz machen.

Unter seinen Schuhen knirschte es. Es klang wie das Brechen eines morschen Knochens. Gleichzeitig stieg eine Wolke Fischgeruchs auf, die ihn fast schwindelig machte. Fisch hatte er noch nie gemocht. Erst recht nicht, wenn er diesen typischen, tranigen Geruch hatte.

Vor allem „Meeresfrüchte“ waren ihm zuwider. Als wenn man gepanzerte Krabben, die ihn an Bilder aus kindlichen Alpträumen erinnerten, einfach von Bäumen pflückte. Garnelen mit diesen widerlichen Beinchen und den noch widerlicheren Fühlern auf dem unförmigen Kopf. Tintenfische mit ihrem korkigen Fleisch. Muscheln und Austern, glibberig, stinkend und trotzdem von vielen als Delikatesse angesehen.

„Noch ein paar Schritte,“ spornte er sich an, „Nur ein paar winzig kleine Schritte, dann ist es gut. Dann kann ich im Affentempo hier raus. Nie wieder fahr’ ich an das Meer!“
Erneut erfasste ihn die Übelkeit, schnürte ihm die Kehle zu, während sich gleichzeitig sein Mageninhalt den Weg nach oben zu bahnen versuchte.

Entsetzt sah er im Dämmerlicht die Überreste. Knochen, in denen vor nicht allzu langer Zeit noch das Mark enthalten gewesen war. Überall lagen Fetzen von Haut herum, schuppiger Haut. Gräten …
und Köpfe. Abgetrennt von den Leibern sahen sie grotesk aus, einfach WIDERLICH ….

Und dann entdeckte er endlich … endlich … das leichte Glitzern im Halbdunkel des Raumes. Das mussten sie sein, es konnte nicht anders … mit schnellen Schritten und angehaltenem Atem wollte er zu der verheißungsvoll blitzenden, ihn lockenden Stelle… spürte plötzlich unter seinen Füßen eine glitschige Masse … wie seine Beine unkontrolliert wegrutschten … spürte wie er fiel … rücklings dem Gestank entgegen raste …

Der Polizist, der in Greetsiel als einziger seiner Art den meist langweiligen Dienst versah, stand in der Türe des Abfallraumes neben einem knorrigen Fischer.
„Jau, Hauke, is echt en Ding! Hebb ik noch nie erlebt! Abber die Touristen komm jo mol auf so komische Ideen. Auf jeden Fall is de Kerl do dot, mausedot. Do help ihm och keen Doktor mi. Ik hebb dat Bestattungsunternehmen in Emden angerufen, de möten gleich hier sin. Is jo eindeutig een Unfall. De Mann is ausgerutscht un mit sein Deetz auf de Kante hier gefallen.“
Er deutete auf die niedrige Abmauerung, die verhindern sollte, dass der schleimige Bodensatz zur Türe und auf die „Promenade“ hinaus laufen konnte.

Hauke nickte nur und kratzte sich seine kahle Kopfhaut unter der Schiffermütze. Der Fischer hatte den Polizisten morgens um 5 aus dem warmen Federbett geklingelt.
„Jan, komm rübber. Ik hebb een Leich’ in min Abfall!“

Hauke verstand diese Urlauber nicht. Was suchte ein teuer gekleideter Großstadtmensch mitten in seinem Fischabfall?
Die kleine Bude am Hafen, aus rotem Ziegelstein gebaut lehnte sie sich an den Deich, wurde einmal im Monat von Haukes Angestellten auf dem Kutter ausgemistet. Häufig wurde das kleine Fenster an der Rückseite der Kammer durch unachtsame Urlauber oder Kinder, welche mit Steinchen oder Bällen auf dem Deich spielten, zerdeppert.

Der Fischer hatte es aufgegeben, jedes Mal die Scheibe zu ersetzen. Ihn störte es nicht, wenn die Luft mit dem Geruch verfaulter Fischreste erfüllt wurde. Viele der Urlauber und Greetsiel -Besucher nahmen den Gestank sogar als pittoreskes Teil des malerischen Nordsee-Dörfchens und waren einfach begeistert von der „authentischen“ Geruchskulisse. Hauke kratzte sich jetzt ausgiebig an der Nase, die aus dem vom Seewind zerfurchten Gesicht ragte.

Zwei Wochen später waren die Massen an Osterbesuchern vergessen, die Greetsiel an den Feiertagen heimgesucht hatten. Genauso wie der Tote schon vergessen war.

Onno, der Gehilfe auf Haukes Kutter, schippte in der wärmenden Frühlingssonne die Überreste von Heringen, Seelachs und Granat-Krabben aus dem Kämmerchen in Bioabfallbeutel. Möwen umkreisten ihn kreischend, neugierig und hungrig, aber in sicherem Abstand bleibend. Für sie würde noch genug übrig bleiben in den Ritzen des Pflasters.

Inmitten der Krabbenschalen und silbrig glänzenden Heringsköpfe blinkte es metallisch auf.
„Is wohl wedder mol jemand zu faul wesen, sin Metalldreck richtig zu entsorgen.“ dachte er und bückte sich. Er fischte den Gegenstand heraus und besah ihn sich genauer.

Von Bierdosen bis zu Kondomverpackungen hatte er schon alles beim Leeren der Kammer gefunden. Viele Urlauber glaubten wohl, das kleine Fenster wäre eine Abfallrampe und schmissen alles einfach hinein. Aber einen Schlüsselbund des teuersten Hotels in Greetsiel? Das war neu für ihn.

Auch er hatte den Toten aus Haukes Abfallkammer schon vergessen. Den Toten, dessen Schlüssel aus Versehen durch das kleine, kaputte Fenster gefallen war…



Der eisige Wind zerrte an ihrem Mantel, versuchte mit aller Kraft sie zu Fall zu bringen, sie mit sich in die Tiefe zu reißen. Es war geschafft.

Jetzt beugte sie sich vorsichtig über die schmale Brüstung und blickte leicht schwindelnd in die Tiefe. Der eisige Wind zerrte an ihrem Mantel, versuchte mit aller Kraft sie zu Fall zu bringen, sie mit sich in die Tiefe zu reißen. Mühsam trotzte sie den heulenden und pfeifenden Böen.

Ihr Atem ging noch schwer. War auch kein Wunder, fast sieben Jahrzehnte Leben lagen hinter ihr. Die letzten Meter hier herauf war kein Fahrstuhl mehr da gewesen. Mühsam hatte sie die 20 Stufen erklommen, um auf das Dach der Bank zu gelangen.
Niemand würde es verstehen. Aber ihr Plan stand fest. Lange genug hatte sie darüber nachgedacht, während sie an langen Abenden Handschuhe und Schals für den Kirchenbasar gestickt hatte.

Mit den von Altersflecken übersäten Händen schlug sie den Kragen des abgetragenen Mantels hoch.
Sie hatte ihn eigentlich nie gemocht. Aber es war das Einzige, was sie noch an Herbert erinnerte. Herbert- er war herzensgut gewesen, Sanft, höflich, strebsam.
Leider auch geizig.

Sie war sich immer wie eine graue Maus darin vorgekommen, was sicherlich nicht unwesentlich an dem Farbton lag, den das Kleidungsstück besaß. Hellgrau, mit einigen dunkleren Einsprenkeln. „Salz und Pfeffer Muster“ nannte man das früher. Viel lieber hätte sie einen knallroten, modisch geschnittenen Mantel gehabt…

Sie hatte sich oft gefragt, warum sie Herbert damals, als er damit angekommen war, dieses... Ding nicht einfach vor die Füße geworfen hatte. Er war sogar stolz darauf gewesen, dass auf dem Preisschild (er hatte natürlich nicht daran gedacht, es von seinem Geschenk zu entfernen) der ursprüngliche Preis durchgestrichen, aber noch leserlich zu erkennen gewesen war.
„Sonderangebot!“ Mit stolzem, glücklichen Lächeln war der Mantel an sie übergeben worden. „Um 60 Prozent im Schlussverkauf herabgesetzt! Der steht Dir bestimmt fantastisch!“

Sie trat mit den derben Schuhen unruhig auf dem feinen Kies herum.

Die Szenerie tief unter ihr erinnerte sie an eine Hobby-Eisenbahnanlage. Vor einigen Jahren waren Herbert und sie zu einer Ausstellung in die Nachbarstadt gefahren. Herbert war begeistert von Eisenbahnen. Gekauft hatte er sich nie eine. Doch wo auch immer er kostenlose Prospekte und abgelegte Fachzeitschriften fand, hatte er diese mitgenommen. Mit leuchtenden Augen hatte er immer und immer wieder die Seiten umgeblättert. Da sie kinderlos geblieben waren, wäre es seiner Meinung nach nur eine unnütze Geldausgabe gewesen, sich eine eigene Miniaturbahn zu kaufen. Schließlich konnte er die Anlage an niemanden vererben.
Sie hätte gerne mit Loks und Waggons hantiert, eine heile Welt mit Kindern und Freunden aus Bastelmaterial erschaffen.

Der Kragen scheuerte an ihrer faltigen Wange.
Vielleicht war Herbert einfach zu sanft gewesen. Jemandem wie ihm, der einen um Beifall heischend aus dunkelbraunen Dackelaugen anschaute, konnte man doch nicht sagen, er solle sich mit seiner Gabe zum Teufel scheren!
Sie auf alle Fälle hatte es nie fertig gebracht.

Dabei hatte sie es sich, weiß Gott, oft genug vorgenommen.
Wollte ihn anschreien, wenn er wieder einmal mit abgelaufenen Lebensmitteln und überlagertem Gemüse aus dem Supermarkt heimkam. Doch das einzige, was sie getan hatte, war ein müdes Lächeln an ihn zu verschenken, die Einkäufe zu verstauen und am nächsten Tag die angeschimmelten Waren in die Mülltonne zu befördern, wenn er zur Arbeit gegangen war.
Die Nachbarn hatten sie immer seltsam angeschaut. Natürlich musste ihnen auffallen, dass sie ihre Abfälle auf deren Tonnen verteilte. Herbert hatte sich nur immer gewundert, dass sie so schlank blieb, obwohl sie doch immer alles auf aß, was er eingekauft hatte.

Ein neuer Windstoß riss ihr fast das geblümte, vollsynthetische Kopftuch von den angegrauten Haaren.
Dass diese Stoffe auch immer so glatt sein mussten! Herbert hätte sich gefreut, wenn er erlebt hätte, dass sie bei ihrem letzten Einkauf ein so preiswertes Exemplar erstanden hatte.
Obwohl sie geschwankt hatte, sehr sogar.
Zu verlockend fast war das kühle, rein seidene Tuch gewesen, welches die Verkäuferin ihr um den Hals gelegt hatte. Aber warum sollte sie so viel Geld für ein Kopftuch ausgeben? Also hatte sie sich für die preiswerte Variante entschieden.

Sie ging kaum aus, höchstens einmal zum Supermarkt um die Ecke. Der einzige Luxus, den sie sich seit dem Tode von Herbert erlaubte, waren die Lebensmittel. Sorgsam achtete sie darauf, die noch längstens haltbaren Waren in den Einkaufswagen zu legen. Der Preis war egal. Sie brauchte eh nicht viel. Kochen hatte Herbert immer erledigt. Ihr reichten Dosensuppen und Fertiggerichte für die Mikrowelle. Auch Herbert hätte gut daran getan, nicht so sparsam zu sein. Wahrscheinlich wäre er dann nicht letzten Sommer an einer Fischvergiftung gestorben.

Langsam zog sie die grauen Handschuhe aus.
Es gab genügend Wolle in ihrem kleinem Arbeitszimmer. Im Grunde war dieses Zimmer ein Vorratsraum. Doch sie hatte sich dort ihr eigenes, kleines Reich geschaffen. In schmalen Regalen aus Abfallholz lagerten die Wollstapel (aus Sonderangebotsaktionen), die Rundstricknadeln und Häkelutensilien. Sogar eine klapprige, aber noch funktionstüchtige Tret-Nähmaschine hatte Platz gefunden. Sie nähte nur noch für sich selbst. Herbert’s alter Stammsessel war von ihr mit großer Mühe ebenfalls in den Raum geschoben worden. Jeden einsamen Abend saß sie dort.

Sie trat näher an die Brüstung heran, Das Knirschen des Kieses unter ihren Sohlen ging unter im wütenden Heulen des Windes. Hielt die Handschuhe über den Abgrund und ließ los.
Der Wind riss sie ihr aus ihren Händen, als hätte er nur darauf gewartet, irgendeine Beute zu ergattern. Egal, was diese Beute war. In wilden Loopings wirbelten die Strickhandschuhe durch die Luft, konnten jedoch der Schwerkraft nicht widerstehen. Immer tiefer sanken sie. Fast hatte sie den Eindruck, als wäre der Wind verärgert darüber, dass er trotz aller Anstrengung nicht das Fallen verhindern konnte.

Langsam ließ sie den Mantel von ihren schmächtigen Schultern gleiten.

Gleich wäre sie frei von jeglicher Erinnerung.


Zwei Tage später las sie in der Zeitung die Meldung des örtlichen Polizeisprechers, der von einem Unfall im Börsen-und Bankenviertel sprach. Ein Toter und drei Schwerverletzte waren aus zwei, aus ungeklärter Ursache miteinander kollidierten, Wagen geborgen worden. Etliche Zeugen hatten jedoch geschworen, dass eine Frau vom Dach des Bank-Hochhauses gefallen wäre.
Einen Damenmantel hatte man gefunden…

„Es war eindeutig menschliches Versagen! Oder glauben Sie etwa, dass sich in unserer Stadt Engel herumtreiben, die von Dächern herab schweben, altmodische Mäntel verlieren und sich dann in Luft auflösen?“ lautete der gedruckte, spöttische Schlusssatz des Polizeisprechers



  
Der Daimler raste über die Autobahn. Nur wenige andere Autofahrer waren unterwegs in der Finsternis. Er konnte also Gas geben. Dass es in Strömen regnete, konnte ihm egal sein. Die Mittelstreifen der Fahrbahn lag wie ein mit dem Lineal gezogener Strich da.

„ Fahr’ ich zu schnell?“ 

Die etwa 30-jährige Frau in dem aufreizenden Cocktailkleid und dem blondierten Haar neben ihm starrte mit weitaufgerissenen Augen in die Nacht, antwortete aber nicht. 

„ Soll ich noch ein wenig Gas geben, meine Schöne?“ Ein hämisches Grinsen erschien auf den schlaffen Gesichtszügen des etwa 60 jährigen Mannes. „ Du bist doch sonst so für Tempo im Leben. Wolltest doch unbedingt ein repräsentatives Auto. Am liebsten wäre Dir ein Porsche gewesen.“ Er konzentrierte sich auf die Fahrbahn. 

Die Frau starrte weiter wortlos auf die Straße. Der Schmuck aus Weißgold und Brillianten glitzerte, wenn das Licht eines Fahrzeuges von der Gegenfahrbahn in den Wagen fiel.  

„War es wenigstens schön für Dich, gestern Abend? Oder hat es Dir nicht gefallen, dass unser lieber Rene. … Rene-Darling, wie Du ihn immer nennst, Dich in deinem Kleid bewundert hat? War ja schließlich auch teuer genug. Passt aber wie angegossen. Na ja, eine gute Figur hattest du ja wirklich immer schon. Rene-Darling…“ er äffte in übertriebenen Ton den Klang einer blasierten Edelzicke aus den Kreisen der Oberen Tausend nach. „Rene-Darling, hast Du dir schon die neue Vernissage bei Lorenzo angesehen? Also wirklich, ich finde ja diese jungen Künstler dermaßen faszinierend…“
Mit der Linken strich er sich die graumelierten Haare glatt. Es war mehr eine Routinebewegung. Der Friseur hatte einen  perfekten Schnitt hinbekommen.

Dann sah er sie von der Seite an.  

Immer noch kam keine Reaktion von der Frau. 
 
Der Mann nahm die rechte Hand vom Lenkrad und tätschelte das Knie der Frau.

Sie schwieg.

„Wie du Rene um den Bart gegangen bist, alle Achtung! Hat mich an früher erinnert, als Du versuchtest, mich einzufangen. Ist dir ja auch gelungen, wie alle Welt weiß. Der große, unabhängige Bankier und die schöne, junge Studentin. Ha, wenn die Welt wüsste, dass Du niemals studiert hast, sondern putzen gegangen bist! Aber im Vorspiegeln falscher Tatsachen warst Du schon immer groß, mein Schatz.“  

Er trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Die Polder der Leitplanken verschwammen zu einem einzigen metallisch glänzendem Band im Scheinwerferlicht.  

„Nur als ich deine Schauspielkunst gebrauchen konnte, da hat die feine Dame sich mokiert. Von wegen Betrug und die armen Bankkunden ... dass ich nicht lache! Als wenn Dir jemals eingefallen wäre, einem Bettler einen Euro zuzustecken. Selbst bei Wohltätigkeitveranstaltungen deiner Freundinnen hast Du dich geziert, einen Scheck herauszurücken. aber jede Woche ein neues Kostüm, ein Schal von Lagerfeld und eine Tasche von Gucci. Du hattest doch nur gezittert vor der Aussicht , nicht mehr in Saus und Braus leben zu können, wenn die Sache auffliegt. Du hast immer nur aus reinem Selbstinteresse gehandelt. Immer!“

Die dicken Tropfen pladderten ungerührt auf die Windschutzscheibe und ließen die Autobahn immer mehr verschwimmen. 

„Hättest Du nicht einmal in deinem Leben etwas für mich tun können? Die Leute von der Bankaufsicht ... egal, vorbei ist vorbei. Soll ich noch ein klein wenig mehr Gas geben, meine Süße? Du kennst doch keine Furcht.
So wie Du dich mit deinen zahlreichen Liebhabern vergnügt hast, vor meinen Augen – also, das war schon wirklich furchtlos. Dachtest Du wirklich, ich würde es einfach so geschehen lassen, dass Du mich betrügst? Ich kenne nämlich die Angst. Mein halbes Leben besteht aus Angst. Früher hatte ich Angst, nicht erfolgreich zu sein. Ich habe geschuftet, von der Pieke auf gelernt. Ich habe alles gemacht, um Karriere zu machen.
Angst ist schrecklich, sie nimmt dir die Lust am Leben. Sie zwingt dich zu Taten, die du nie begehen wolltest. Dann hatte ich Furcht, das Erreichte zu verlieren.
Da staunst Du, nicht wahr? Der große Bankier ist ein winselnder Angsthase! Als Du auftauchtest, … auch da hatte ich Angst. Dich nicht halten zu können. Wie sich schnell herausstellte, war meine Furchtsamkeit nicht unbegründet. Wenn Du Dich doch nur einmal für mich und meine Dämonen interessiert hättest ….“ 

Er öffnete das Fenster an der Beifahrerseite mit einem Knopfdruck. 

Der kalte Wind peitschte in den Wagen, zerzauste die Frisur der Frau und trieb ihr die Regentropfen ins Gesicht. 

„Tja, ich hatte Angst. Angst, allein zu sein. Ohne dich. In meinem Alter ist es schwer, eine neue Beziehung einzugehen. Besonders dann, wenn man einen Bankrott hingelegt hat. Weißt Du, ich verrate dir jetzt noch etwas: ich war bei meinem Arzt. Dich hätte es wahrscheinlich gar nicht interessiert. Du hättest gelangweilt deine Nägel weiter lackiert.
Aber jetzt musst du mir zuhören.
Hättest Du die Bank gerettet, wärst du bald eine gemachte Witwe gewesen. Der Arzt gibt mir maximal ein halbes Jahr. Darmkrebs. Endstadium. Schon lange habe ich Schmerzen. Ich nehme Morphin. Immer mehr. Auch ein Grund mit für meinen Bankrott. Ich wollte leben. Aber mein Leben unter den Schmerzspritzen und Tabletten war wie ein Leben unter einer Taucherglocke. Oft bekam ich gar nicht mit, was meine „ Freunde“ in der Bank alles taten. Nur um ihre eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Jetzt bist du überrascht, oder? Seltsamerweise habe ich jetzt gar keine Angst mehr vor dem Tod. Vor allem anderen, ja ... aber nicht vor dem Tod, mein Schmuckstück.“

Er lenkte den Wagen ein wenig nach rechts. Im Scheinwerferlicht tauchte eine Brücke auf.  

„Imposant, diese Brücke, meinst du nicht? Früher hatte ich immer Bammel, drüber zu fahren. Höhenangst und so. Ist ja auch enorm hoch – und lang. Hier haben sich schon etliche Selbstmörder runtergestürzt. Da unten im Tal, da wohnen sogar noch Menschen direkt unter der Brücke. Jetzt ist es ja dunkel, aber im Hellen sieht man den Bauerhof und einige Nebengebäude. Muss doch schlimm sein, wenn du morgens aus dem Haus kommst, und eine zerschmetterte Leiche vor der Tür findest, oder was glaubst du? Andererseits zwingt sie ja auch niemand, hier wohnen zu bleiben.
Aber warum mache ich mir darum Gedanken? Mir kann es schließlich egal sein. und Du hast auch noch nie einen Gedanken an das Wohlergehen anderer verschwendet, oder? Mir gehen solche Sachen nicht so leicht ab wie Dir. Hoffentlich hat es Dir nicht allzu wehgetan. Eigentlich soll es schnell gehen. Nur der Einstich piekt ein wenig. Aber die Schlaftabletten in deinem letzten Cocktail zuhause hatten ja schon gewirkt. Weißt Du, ich habe Dich wirklich geliebt. Du sahst aus wie ein Engel, als ich Deine Füße auf die Couch im Wohnzimmer hochgelegt und ein Kissen unter deinen Kopf geschoben hatte.

Ich kann auch im Tod nicht auf Dich verzichten, mein Diamant. Wahrscheinlich komme ich eh’ in die Hölle. Wenn es sie denn gibt. Aber egal, wo auch immer ich landen sollte, ich hätte weiter Angst. Dass Du mich vergisst. Deshalb nehme ich Dich mit auf meine lange Reise … ich kann dieses Grauen nicht mehr ertragen. Verzeih mir bitte…“

Keine Antwort.

Mittlerweile hatte er den ersten Brückenkopf erreicht. Der Seitenwind wurde noch stärker, er brauchte alle Kraft, um den Wagen einigermaßen geradeaus zu steuern. In der Mitte der Brücke nahm er die Hände vom Lenkrad, beugte sich zu der Frau hinüber und hauchte ihr einen sanften Kuss auf die eisig-kalte Wange. Während der Wagen auf das Brückengeländer zuraste, lehnte er sich in seinem Sitz zurück und schloss die Augen ...

Der Notfall-Arzt starrte auf die beiden Leichen, welche die Rettungskräfte mühsam aus dem Wrack unter der Brücke geborgen hatten. Sie sahen aus, wie Unfallopfer immer aussahen, schrecklich. Meist fingen die Autos auch noch Feuer, wenn sie unten aufschlugen. Er war sich nie ganz sicher, was schwerer für ihn zu ertragen war: der Anblick verkohlter Leichen oder die zerschmetterten Körper der Selbstmörder.

Vermutlich waren der Bankier und seine Frau angeheitert von irgendeiner Schickimicki-Veranstaltung gekommen. Solche Leute hatten ja das nötige Kleingeld und auch die Zeit dazu. Er kam mit seinen Diensten ja noch nicht einmal dazu, mit seiner Frau ins Kino zu gehen. Aber diese Menschen, Bankiers, Rechtsanwälte … das alles waren sowieso in seinen Augen Personen, die ohne Rücksicht lebten. Denen war es herzlich egal, ob sie womöglich betrunken nicht nur sich, sondern auch andere in Gefahr brachten. Glaubten tatsächlich, sich alles erlauben zu können. Die Polizei und er mussten dann die Drecksarbeit machen und …

Schade war es um den Wagen, ein Traum, dieser Daimler. Sicher mit allem möglichen Schnickschnack ausgerüstet. Nur nicht mit einer Vorrichtung gegen Trunkenheit am Steuer… Oft hatte er sich gefragt, was in den letzten Minuten und Sekunden in den Köpfen der Toten, die er am Fuß der Brücke untersuchen musste, vorgegangen sein musste. 
 
Woran hatten sie gedacht, die Selbstmörder?
Hatten sie geschrieen und den Tod  noch in letzter Sekunde doch noch zu verhindern gesucht…? 
Oder waren sie willig ans Sterben gegangen? 
Hatten die Autofahrer und ihre Begleitung im Anblick des sicheren Todes noch miteinander gesprochen?
Hatte es Vorwürfe gegeben, weil der Fahrer…?
Waren die letzten Sekunden des Lebens mit Streitereien vergeudet worden?  

Die Anwohner unter der Brücke hier taten ihm herzlich leid. Dachten diese Selbstmörder und Raser eigentlich nie daran, was sie denen antaten? Er war schon so oft hier gewesen, hatte sich zwangsläufig mit der alten Bauernfamilie unterhalten müssen. Die Söhne waren schon lange vom Hof gegangen, nur die Alten konnten und wollten nicht weg. Seit 5 Generationen war der Hof in Familienbesitz. 

Der Arzt gab den Leuten vom Bestattungsunternehmen das Zeichen zum Abtransport ...




Ach Gott, schon wieder eine dieser Postkartenidyllen… das werden Sie jetzt bestimmt denken! Wenn von der Camargue und der Provence die Rede ist, sieht der normale Reiseberichtleser immer die berühmten Pferde  und die gleichsam bekannten schwarzen Stiere vor seinem inneren Auge. Oder endlose Lavendelfelder. Natürlich drapiert von weinschlürfenden, mützentragenden Franzosen, die sich Zentner von fettem Käse einverleiben. Und endlose Schlangen von Touristen, die unbedingt das berühmte Licht mit ihren Kameras einfangen wollen. Wenn Sie nicht in diese Kategorie  fallen, waren Sie wahrscheinlich schon einmal im frühesten Frühjahr oder im Herbst dort… 

Die Camargue, das Sumpfgebiet der Provence, entfaltet in den nicht touristisch überlaufenen Zeiten einen ganz eigenen Reiz.
Das flache, von Schilf bewachsene, Gebiet mit seinen Kanälen und den in ihnen lebenden Nutrias ist ein ruhiges Land. Wenn der Morgennebel langsam herankriecht und die Reisfelder unter sich begräbt, in der Nähe von Aigues-Mortes sich die Sonnenstrahlen auf den Salzhügeln der Salinen brechen, Flamingos arrogant am „Etang de Vaccares“ herumstolzieren oder die weißen Pferderücken am „Etang sacramande“ einträchtig neben tiefschwarzen Stieren grasen, dann sind Sie am Rande des Paradieses angekommen. 

Wer Wein und gutes Essen liebt, ist hier sowieso richtig. Unzählige Chateaus bieten „Costieres de Nimes“- Weine an. Besondere Spezialität ist der sogenannte „Sandwein“. Die Reben auf dem sandigen Boden der Camargue werden immer wieder vom Salzwasser überschwemmt. Geschadet hat es ihnen nicht, im Gegenteil: Als einzige blieben die Weinstöcke der Camargue von den großen Plagen der Reblaus verschont. Während in ganz Europa die Winzer wehklagten, machten die Weinbauern mit ihren erdigen, an Meer und Salinen erinnernden Produkten das Geschäft ihres Lebens. Vorwiegend „Gris“ wird hier angebaut, ein leichter und heller Rose. 

Auch kulinarische Entdeckungen sind vorprogrammiert: „Boeuf gardienne“ (Gulasch aus Stierfleisch, Kräutern der Provence und Wein), verschiedenste „Pates“ („Brotaufstriche“), Camargue-Reis… hier lässt es sich wie Gott in Frankreich leben. Mit ein klein wenig Glück finden Sie ein winziges Restaurant, in dem Urlauber nicht am Fließband abgefertigt werden und der Maitre de cuisine noch Zeit für seine Gäste hat. Vielleicht erzählt er Ihnen ja einige Anekdoten über eine Gift spritzende Killerpflanze (die Spritzgurke) oder berichtet von verschwundenen Pferdewagen, die inklusive ihrer menschlichen Chauffeure in einem der unzähligen Geheimgänge alter Abteien auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind. Von Franquevaux aus z.B. buddelten sich die Mönche im Mittelalter bis nach Aigues-Mortes. Das setzt allerdings voraus, dass Sie entweder ausreichend die französische Sprache beherrschen, ein gutes Wörterbuch besitzen oder auf einen ausgewanderten Schweizer als Küchenchef treffen. Ich kann Ihnen sagen: die Kombination von original „Schweizer Rösti“ mit „Boeuf gardienne“, dazu ein Glas des hiesigen Rose-Wein….himmlisch! 

Kulturliebhaber zieht es nach Arles und Nimes. Strand-Touristen eher in die Nähe von Aigues-Mortes an der Mittelmeerküste. Alle drei Orte sind sogar in der Nebensaison überschwemmt von Reisebussen. Aber ein Besuch der antiken, römischen Sehenswürdigkeiten von Arles lohnt allemal. Sollte Ihnen ein kleiner Platz, gesäumt mit Cafes und Restaurants plötzlich bekannt vorkommen – dann haben Sie die Vorlage für van Goghs berühmtes „Cafe de nuit“- Bild gefunden. Die Gaststätte am Place du Forum wurde vor einigen Jahren restauriert. 

Kinder werden ihre helle Freude an der Stadtmauer von Aigues-Mortes haben. Selbst Erwachsene verspüren den Atem von Prinz Eisenherz und Konsorten, wenn sie durch die Schießscharten der massiven Mauern blicken. Ursprünglich lag die Stadt direkt am Meer, heutzutage müssen Sie knapp 9 Km hinter sich bringen, um in Le Grau de Roy oder Port Camargue die Wasser des Golf du Lion zu betrachten. Wenn Sie denn im Sommer vor lauter Touristen das Meer überhaupt zu sehen bekommen!

Auch Tierschützer können hier mit ruhigem  Gewissen urlauben. Die kleinen, aber starken, schwarzen Stiere werden in der Regel nur für die unblutigen Stierkämpfe in die Arena geschickt. Nur in einigen, wenigen Gebieten müssen die Tiere ihr Leben lassen – wobei auch so mancher menschliche Gegner auf der Strecke bleibt. Im Schutzgebiet rund um den „Etang de Vaccares“ werden Führungen veranstaltet. Dort können Sie mit etwas Geduld auch Nutria-Mütter beobachten, die, mit den Zitzen auf dem Rücken, schwimmend ihre Nachkommenschaft säugen.

Es gäbe noch soviel zu erwähnen. Am besten, Sie fahren hin … und grüßen Sie die weißen Pferde von mir!

 




 Hatten Sie schon immer mal Lust, anstelle des vertrauten Körperbaues Ihres Partners bei gutem Wein, Austern und frischem Baguette knackige Franzosen zu sehen? Sollten Sie die Frage bejahen – dann sind Sie an der französischen Atlantik – Küste, genauer im Medoc, absolut richtig!
Sie müssen nicht in das größte Nudisten-Urlaubsressort „Euronat“ einziehen, um wunderbare Aussichten zu genießen. Dort ist es eh zu voll, und nicht jeder steht auf „ Gymnastiqueee… auf die Terrassss…’“ morgens um 8 Uhr.  
Zwischen Gironde und Atlantik liegt das Mekka der Weinliebhaber und Gourmets. Wohlgemerkt:  der Gourmets, nicht der Gourmands! Pouillac – Lamm, Weine von Rothschild, Fisch aus den Markthallen von Soulac – sur - Mer, und, und, und… .

Kulturelle Highlights sind nicht unbedingt in dieser Gegend zu erwarten. Eine restaurierte Mühle in Vensac, während die Kirche in Soulac, mal etliche Zeit unter dem Dünensand begraben, zur malerischen Kulisse für parkende Touristenautos herhält. 

Der Weg zum Glück führt über die Buchung einer Unterkunft. Je nach Geschmack direkt am Meer im trubeligen, „hippen“ Montalivet, im beschaulichen (aber teuren) Örtchen Pouillac direkt an der Gironde oder, als Kompromiss zwischen beiden Extremen, mitten drin in den Gemeinden rund um Lesparre de Medoc. 
Mein Tipp: ein Ferienhaus in Vensac, St. Vivien o.ä. kleinen Orten in der Mitte der Landzunge suchen. Dann können Sie einkaufen, was die Hypermarches und Markthallen hergeben und in aller Ruhe versuchen, aus den frischen Köstlichkeiten  noch wundervollere Gerichte zu zaubern. Sollten sie keinen Spaß am Kochen haben, geben Sie sich dem Genuss von Baguette und Wein hin. Oder trinken Sie eine Pastis. Durch das Anisaroma wird der Hunger geweckt. Und auch die Phantasie… bestimmt nur deshalb sind so viele Franzosen Spitzenköche!  

Vormittags fahren Sie mit dem Wagen oder dem Rad zum Strand, durch einen schattigen Piniengürtel, auf einem zum Radweg ausgebauten, ehemaligen Jakobs-Pilgerweg. Idealerweise sollten sie eine kleine Kühltasche zur Hand haben. Dann sind sie auch während der Bräunungsphase vor Hunger, Durst und Alkoholentzug sicher. Einige Chateaus und Winzergenossenschaften bieten auch „halbe“ Weinflaschen an. 
Sie können an den endlos scheinenden Stränden nackt, bekleidet und, wenn Sie wollen, sogar im Pelzmantel herumliegen. Das interessiert hier keinen. Kinder haben unendliche Möglichkeiten zum Herumbuddeln, derweil Jugendliche und Erwachsene versuchen, sich auf Surfboards aufrecht zu halten.  Die vereinzelten alten Bunkeranlagen aus dem 2. Weltkrieg bieten Ihrem Nachwuchs Klettermöglichkeiten.

Während Sie also gemütlich in der Sonne aalen, zwischendurch mal ein Schlückchen Rotwein vom „Chateau David“ oder aus der Genossenschaft in Querac genießen, am Baguette knabbern und von Austern, Lamm oder Loup de mer träumen… betrachten Sie die vorbei joggenden Franzosen mit ihren trainierten Muskeln, pfeifen leise vor sich hin beim Anblick einer „Marianne“ mit Modellfigur oder Sie schauen versonnen einer sicherlich mindestens 70-jährigen zu. Diese hat sich extrem gut gehalten durch das tägliche Tai-Chi am Strand. Wenn Sie jetzt noch einen MP3-Player o.ä. haben und „Plein Soleil“ von Gilbert Becaud hören – dann haben Sie ihr Paradies gefunden. Vorrausgesetzt, Sie suchen Ruhe im Urlaub. 

 Ansonsten stürzen Sie sich nach dem Strandbesuch in das Getümmel des täglichen Marktes in Montalivet, besuchen die dortigen Restaurants und Diskotheken oder Sie dinieren fürstlich im „Le Douane“ in St. Christoly, mit Blick auf die Gironde.
Sie können es auch richtig „bourgeois“ haben: der ab und zu stattfindende „Marche de nuit“ in Vensac ist ein verträumter Minitrödelmarkt mit Dorffest. Und die traditionell im gesamten Dorf aufgestellten, lebensgroßen Puppen werden Sie bestimmt begeistern. Hier trifft sich die einheimische Bevölkerung bei Austern, Crepes und etlichen anderen Leckereien und Gäste sind sehr gern gesehen.

 
In diesem Sinne - Bon voyage!!!                                                                                             



Sie glauben, in Schweden gibt es nur Elche, IKEA und blonde Pippi Langstrumpfs? Falsch!!

Schweden besteht entgegen der landläufigen Meinung nicht nur aus strohblonden, Topmodell-verdächtigen Mädchen, ebenso blonden, männlichen Wikingertypen und Elchen die zu jeder Tages- und Nachtzeit quer über die Strasse rennen. Die einzigen Klischees, welche wirklich zutreffen, ist die Vorliebe der Schweden für Volvo und ihr Stolz auf das eigene Land. Auch mit einer Deutschen als Königin werden Mini-Frikadellen hier immer noch Köttbullar genannt.
Im Urlaub werden Ihnen mehr dunkel - als hellhaarige Einwohner begegnen, und erst im Norden treffen Sie sich mit Elchen.
Keine Angst: in ganz Schweden können Sie die Tiere, in handlichem Format und garantiert friedlich, als Souvenir kaufen.

Seien Sie gewarnt: Sie werden einiges kaufen! Nicht erst seit IKEA’s Siegeszug rund um die Welt fasziniert schwedisches Design. Ehrlich, schnörkellos, dabei freundlich-einladend … so wie die Menschen und die Landschaft. Wenn ihr Budget knapp bemessen ist, vermeiden Sie es unbedingt, im „Glasriket“ („Glasreich“) Ihre Nase in eine der unzähligen Glashütten hineinzustecken! Sie kommen mit Tonnen von Gläsern, Teelichtleuchtern und Glas-Elchen wieder heraus. Andere Kaufrauschgefahren lauern bei Keramik und Heimtextilien. Sollten Sie finanziell besser gepolstert sein, empfiehlt sich die Mitnahme eines kleinen Anhängers oder eine Dachbox. Sie werden sie für das Nach – Hause - Schaffen ihrer Schätze brauchen …

Sverige ist ein stilles Land. Für Rummelurlaub a la Ballermann eignet es sich wahrlich nicht. Dafür können Sie anstelle von Paella (im trubeligen Strandrestaurant) hier gemütlich am Grill im Garten Ihres Domizil’s sitzen und an Köttbullar knabbern. Da die Schweden im großen und ganzen ein recht genügsames Volk sind, ist das Angebot an Fleisch und Gemüse ausreichend, aber nicht so groß, wie wir es aus Deutschland her kennen.
Womit wir in der Küchenabteilung angekommen sind…

Die schwedische Küche besteht nicht (!) nur aus Elchfleisch. Auch wenn die o.a. Köttbullar wie die Hinterlassenschaft dieser Tiere aussehen! Es sind Mini-Hackfleischbällchen aus Schweine- oder Rinderfleisch und eines der Nationalgerichte in Schweden. In allen Supermärkten bekommen Sie fertig gegarte „Elchköttel“. Sie brauchen sie nur noch auf dem Grill oder in der Pfanne anwärmen, oder kalt genießen, oder in die Suppe geben, oder, oder, oder… Die schwedische Küche kennt unzählige Arten der Verwendung und Veredelung, sie alle durchzuprobieren, würde Sie Jahre kosten. Der normale deutsche Urlauber wird aber entzückt sein, die heißgeliebte Kartoffel in allen möglichen Variationen vorzufinden. Was ihn darauf schließen lässt, dass eine Königin, die mehr repräsentiert als regiert, durchaus Einfluss auf die Ernährungsgewohnheiten ihrer Untertanen hat. Leider liegt er damit völlig falsch: die Kartoffel war schon vor den Zeiten Silvia Sommerlaths eines der Grundnahrungsmittel in Schweden. Besonders gern wird im August, wenn die Zeit der Krebs-„Jagd“ beginnt und das Leben der „kraftör“ in einem Topf siedenden Wassers endet, „Potatissalad“ oder Püree aus den Erdäpfeln verzehrt. Viele Abende sind mit dem genüsslichen Verspeisen von „Kräftskiva“ ausgefüllt. Die Krebse sollen auch im menschlichen Magen nicht austrocknen, daher werden sie mit reichlich „snaps“ begossen.
Fischliebhaber kommen voll auf ihre Kosten. Und die Preise für die Lebensmittel sind nicht signifikant höher als bei uns.

Selbst Alkohol aus den staatlichen Läden gibt es zu erschwinglichen Preisen. In der „Kraftör“- Zeit haben auch die zentralen Alkohol-Verkaufsläden Hochsaison, deren reichhaltiges Angebot auch den Genießer befriedigt, vorausgesetzt, er ist mindestens 25 Jahre alt. Die Preise von Wein (unabhängig von den Umdrehungen) und (3,5 prozentigem) Bier sind nur geringfügig höher als in Deutschland. Dafür schlägt der schwedische Staat bei allem, was nach Schnaps riecht, schmeckt oder aussieht und über 3,5 % hat, kräftig zu.
Wahrscheinlich ist dies auch der Grund, warum schwedische Polizisten in der Literatur so häufig Wein kaufen und dadurch ein Alkoholproblem haben: Wein ist auch für einen Staatsbediensteten erschwinglich!
Dort bekommen Sie i.d.R. vom König Pils bis zum 92er Rothschild Grand cru alles, was Ihr Herz oder Ihre Leber begehrt. Ansonsten müssen Sie sich mit Leichtbier zufrieden geben , „lättöl“ oder „folköl“. Nur in Restaurants erhalten Sie, sehr teures, Mittel- oder Starkbier.

Die Annahme vieler Touristen, dass dieser Umstand zu der berüchtigten Lautverschiebung in der schwedischen Sprache geführt hat, ist jedoch nicht zu bestätigen. Wenn man erst einmal begriffen hat, dass ein a mit einem kleinen Kreis oben drüber als o ausgesprochen wird und ein o wie ein ö die Mundhöhle verlässt, ist man schon ein gutes Stück schwedischer geworden. Bei genauerer Betrachtung wird besonders der deutsche Tourist aus Schleswig-Holstein, vom Niederrhein oder aus Niedersachsen viele Parallelen zu den Slangs seiner Heimat feststellen, die ihm das Überleben im schwedischen Alltagsdschungel um einiges erleichtern.

Kaufen Sie sich im Land ein Wörterbuch! Ein freundliches „God dag“ hat noch nie geschadet. Aber Achtung: die Aussprache hat es in sich. Bis Sie erkannt haben, dass ein o wie ö ausgesprochen wird, ein u aber wiederum ein o ist (oder wie war das noch mal?)… Selbst wenn Sie die Grundregel in der Theorie verstanden haben, blicken Sie den freundlichen Schweden, der Ihnen den Weg erklärt, an wie ein Elch – Entschuldigung, wie ein Esel. Sollten alle Stricke reißen, kommen Sie mit Englisch sehr gut über die Runden. Und mit gar nicht allzu viel Glück spricht ihr einheimisches Gegenüber fast so gut Deutsch, wie Sie selbst, (wozu eine deutschstämmige Königin nicht alles gut ist!).

Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit. Deshalb lautet das wichtigste Wort: „tack sa mycket“. Das schwedische Dankeschön wird ausnahmsweise mal so ausgesprochen, wie es geschrieben wird. In Schweden bedankt sich jeder für alles, was die Atmosphäre freundlich macht. Also seien Sie artig, und bedanken sich im Supermarkt für den Kassenbon, worauf sich die Kassiererin für Ihren Einkauf bedankt. Was Sie dazu veranlasst, sich für das Bedanken zu bedanken… Beim nächsten Mal werden Sie dann mit einem vertrauteren „Hej“ anstelle des formellen „God dag“ begrüßt.

Das Land der heiligen Lucia ist ein Ziel für Individualisten und Ruhesuchende.
Egal, ob Sie die Schären bis zur norwegischen Grenze abklappern, die Seen in Mittelschweden mit Kanu und Zelt erkunden, an der Ostseeküste urlauben oder im Norden bei den Samen „Elche gucken“ – überall erwarten Sie liebenswerte Menschen, wunderschöne Sonnenauf- und Untergänge und Natur, die zumindestens noch heiler aussieht als bei uns. Sie werden Rehe sehen, die flatternden Schwedenfähnchen an jedem Haus bestaunen, Köttbullar mit Kartoffelsalat essen, in Astrid-Lindgrens-Welt eine echt schwedische Pippi Langstrumpf samt Affe und Pferd kennenlernen, eventuell sogar Kommissar Wallander über den Weg laufen, u.s.w.. Erst wenn Sie wieder zu Hause sind, wird Ihnen klar werden, dass Sie sich richtig erholt haben.

Und dann werden Sie auch feststellen, dass Schweden Sie verzaubert hat!

Also, „pa aterseende“ in Schweden! 


 



Dem Venedig des Nordens mangelt es auch in kalten Zeiten nicht an Charme… 

…man muss nur warm genug eingepackt sein! Dann erschließt sich die schwedische Metropole zwar nicht Reiseführer-und-Bilderbuchmäßig, aber nicht weniger eindrucksvoll. Effektive zweieinhalb Tage Gastsein in Stockholm sind aber auf jeden Fall viel zu wenig. Das schreit geradezu nach Wiederholung.  

Von Düsseldorf über Berlin nach Stockholm mit dem Flugzeug ist es wirklich nur einen Katzensprung. Gelandet wird auf einem der drei Stockholmer Airports, in unserem Fall in Arlanda (ca. 40 km vom Zentrum entfernt). Sollten Sie Raucher sein und schon seit dem Abflug aus Düsseldorf schmachten…bitte nicht direkt vor der Ausgangstüre des Terminals die Zichte anstecken. Da ist nämlich selbst im Freien das Rauchen verboten! Ansonsten werden Sie mit einem freundlichen „Hej!“ begrüßt. 

Von Arlanda können Sie mit den Flughafen-Bussen oder dem Zug in die City reisen, bequemer ist es allerdings mit einem Taxi. Sie werden vor ihrer Hoteltür abgesetzt und ersparen sich den u.U. langen Weg vom zentralen Bahnhof. Ein Taxi lohnt sich allerdings nur, wenn mehr als drei Personen reisen. Nehmen Sie am besten eines der gelben Fuhrunternehmen, die sind preiswerter in ihren Festpreisen als die blauen…von Arlanda kostet die Pauschalfahrt, egal wohin im Stadtgebiet, zwischen 380 und 480 schwedische Kronen, was ganz grob gerechnet etwa 38 bis 48 Euro entspricht. Überhaupt sollten Sie gar nicht erst versuchen, mit Euro zu bezahlen. Dann ersparen Sie sich ein freundliches Kopfschütteln und kommen nicht erst nach einem Gang zum Bankomat ins Taxi.  

Schwedische Geldautomaten spucken übrigens nur bis zu 2000 SEK pro Anforderung aus, deshalb bilden sich durchaus lange Schlangen an den Flughafen-Bankschaltern. Die Reisenden schieben einfach mehrfach ihre Karten in den Schlitz. In den Hotels etc. sind die Euros ebenso nicht gerne gesehen. Sie tauschen Ihnen im absoluten Bedarfsfall auch in Kronen um, dafür müssen Sie aber mit einem äußerst schlechten Wechselkurs rechnen. 

In Stockholm finden sie jede Menge Unterkünfte in allen Preislagen. Zu empfehlen ist das „Birger Jarl“, benannt nach dem Gründer Stockholms, im Stadtteil Norrmalm. Sicherheitstechnisch Interessierten kommt nicht nur die Lage direkt neben dem Polizeipräsidium entgegen, auch der Aufzug im Hotel kann nur mit der Chip-Zimmerkarte benutzt werden. Jede Etage wurde von schwedischen Designern unterschiedlich gestaltet, die Zimmer könnten glatt aus einem IKEA-Katalog stammen. In der Minibar erwarten sie keine anderen Getränke als zwei Flaschen Mineralwasser, aber die werden nach Leerung am nächsten Morgen kostenlos ersetzt. Wenigstens kann sich so kein von Aquavit benebelter Gast die Finger oder das beste Oberhemd versengen, wenn er das genial in den Schrank eingebaute Bügelbrett mit integriertem Hosenglätter und Bügeleisen benutzt… 

Das Personal ist äußerst freundlich und zuvorkommend, beim Frühstücksbüffet gibt es von Müsli bis hin zu eingelegtem Hering und Köttbullar alles, was ein skandinavischer Magen begehrt. Natürlich auch Croissants, Brot, ham and eggs und Diätmargarine…

Erwarten Sie aber bitte nicht einen gedeckten Frühstückstisch mit Blümchen und gutem Porzellan. Hier, wie überall in Schweden, nimmt sich der Gast einen Teller, packt sich alles drauf, was er essen möchte und schnappt sich neben Besteck auch noch einen Kaffeebecher. Dann balanciert er den gefüllten Koffeinbehälter mitsamt seiner sonstigen Beute zu einem Tisch und beginnt mit dem Frühstück. Ehrlich gesagt, eigentlich schmeckt das Essen genauso gut ohne Villeroy & Boch-Geschirr, aber man muss sich erst an die nordische Kargheit gewöhnen. 

Die Zigarette danach muss in gesamt Stockholm vor der Türe inhaliert werden. Doch die allermeisten Hotels, Gaststätten, Bistros und Cafes haben Stehtische und Wärmelampen neben den Eingangstüren installiert und sorgen damit dafür, dass die Raucher keine Lungenentzündung bekommen… 

Um sich über Stockholm zu informieren können sie natürlich den Reiseführer befragen, eine Stadtrundfahrt buchen oder sich einfach auf die eigenen Socken machen. Das U-Bahnnetz ist hervorragend ausgebaut (und die U-Bahn-Stationen sehenswert), Busse und Trambahnen fahren sie fast überall hin und dann sind da ja auch noch die Fähren und Boote…zur Buchung können sie auch im Hotel schreiten. Oder Sie besorgen sich das Stockholm-Ticket in der Touristenzentrale am Hauptbahnhof. Dann haben sie für max. 72 Stunden freie Fahrt mit dem ÖPNV und Ermäßigungen bzw. Befreiung von den Eintrittsgeldern in Museen etc. . Übrigens: die Eingänge zu den Stockholmer U-Bahn-Stationen sind in Häusern versteckt… 

Aber bitte in Englisch parlieren, in Silvias Residenzhauptstadt ist Deutsch nicht so sehr verbreitet wie z.B. in Südschweden. Es nimmt ihnen aber niemand der i.d.R. sehr gut Englisch sprechenden Stockholmer übel, wenn das Schulenglisch bei Ihnen etwas holperig herauskommt!
 

Und dann geht es los…


Von Einkaufstrassen, Essen und dem Verhalten schwedischer Fußgänger… 

…werden Sie überrascht sein. Als City mit 1,5 Millionen Einwohnern sind natürlich die Einkaufsstrassen in Stockholm auf die Bedürfnisse einer Metropole ausgelegt. Fünf  große Flaniermeilen, teils als reine Fußgängerzonen öffnen nicht nur kauflustige Herzen, sondern auch Geldbeutel und Kreditkarten. Jack Jones, Kenvelo, Dior und etliche andere, z.T. in Deutschland nicht verfügbare, Modegeschäfte und Interieurläden bieten ihre Waren in Einkaufszentren feil. Erstaunlich viele Friseure und Blumengeschäfte sind ebenfalls zu finden. Und alle proppenvoll mit Kunden! 

Hinzu kommen mehrere Markthallen, alt und wunderschön und- proppenvoll. Dort kann man nicht nur skandinavische und andersländige Spezialitäten kaufen,  man kann dort auch (sozusagen direkt an der Quelle) genießen. Insbesondere in der kalten, dunklen Jahreszeit machen die Stockholmer ausgiebig Gebrauch von diesem Angebot.  

Womit wir wieder einmal in der wichtigen Abteilung der Gastronomie angekommen sind… Schweden sind Kaffeesüchtig! An jeder Ecke werden Sie Cafes und kleine Bistros, alte, neue, kühl nordisch eingerichtet oder urgemütlich, entdecken. Allen gemeinsam ist, dass sie zu jeder Öffnungszeit Schweden mit einem Kaffeebecher in der Hand beherbergen. Witzigerweise erfreut sich der Instanttrunk einer bekannten Schweizer Firma besonderer Beliebtheit, er steht sogar auf dem Frühstücksbüffet des Hotels … Wo sich unsereins mit Grauen abwendet und nur zur löslichen Brühe greift, wenn er keinen Filter und eine Kaffeekanne zur Hand hat, trinken die Nordländer/innen selbst in zivilisierten Gegenden andachtsvoll ihren N…cafe. Kaffee setzt Serotonin („Lebenslust-Stoff“) frei, ähnlich wie Schokolade. Dieser Stoff steigert die Munterkeit, die Vorstellungskraft und die Aufmerksamkeit. Als dies passiert auch bei Sonneneinstrahlung, die naturgemäß im nordischen Winter extrem gering ausfällt. Wenn es um 3 Uhr nachmittags schon dunkel wird…

Apropos Schokolade: selbstverständlich wird zum Kaffee auch eine Zimtschnecke (nein, nicht unsere Opinio-Kaneelbulle) oder ein Stückchen Torte (Änne und Käthe würde das sehr gefallen) oder ein Teilchen vertilgt. Quasi als doppelte Versicherung gegen Serotonin-Mangel… 

In den Markthallen liegen Ihnen nicht nur ausgewachsene Lachse und Jakobsmuscheln drapiert von frischen Austern auf der Kühltheke, sondern auch handgerollte Köttbullar oder - besonders beliebt- asiatische Spezialitäten aus Japan, Thailand, China, der Mongolei usw.. Meiner Theorie nach liegt die Vorliebe für asiatische Kochkunst ja in den scharfen Gewürzen begründet…Sie wissen schon, Serotonin…. 
Elche, Rene und sonstige Spezialitäten sind bei Touristen die Renner. Die Schweden sehen hingegen das für uns exotische Gaumenerlebnis als selbstverständlich an. Weswegen eine Rentier-Salami oder eine Elchwurst nicht teuerer als eine gute italienische Wurst bei uns sind. Älk-Burger sind normal… 

Essen gehen ist in Stockholm nicht so einfach wie in Deutschland. Selbst in der billigsten Speisebude dürfen Sie sich nicht einfach im Lokal umschauen, an den erspähten freien Tisch wandern und Platz nehmen. Nein, ein Kellner fängt Sie meist früh genug schon kurz hinter der Restaurant-Schwelle ab und fragt nach Ihrer Reservierung! Selbst wenn das Lokal nur mit drei einsamen Gästen bestückt ist, kann es sein, dass Sie erst einmal 10 Minuten warten müssen - um dann zum Tisch geleitet zu werden, den Sie sowieso schon im Auge hatten. In der Mittagszeit bieten die meisten Restaurants erschwingliche Menüs (dagens rätt) an, abends wird es noch voller und auch teuerer. Zu empfehlen sind Jansens Beefhuset auf dem Sveavägen oder das etwas weiter nördlich auf der gleichen Strasse gelegene „Hard Rock Cafe Stockholm“. In dem können Sie nicht nur gut essen, sondern auch Hard-Rock-Cafes-Souvenirs wie T-Shirts etc  erwerben. 

Abzuraten, und zwar auf das Heftigste, sei allerdings  von dem Verzehr der Speisen der „Gato-Köken“. Diese mehr oder weniger im nordischen Wind davonfliegenden Imbissstände bieten vorwiegend an den von Touristen bevorzugten Orten Hot dogs und Ähnliches an. Nicht nur, dass die warmen Hunde überteuert sind, meist schmecken sie noch nicht einmal und sind eigentlich nur als…ähem…Hundefutter zu gebrauchen…Wenn Sie eine solche Bude entdecken, machen Sie einen großen Bogen drum herum oder wechseln Sie die Straßenseite! 

 (Elegante Überleitung zum Thema Verkehr, nicht wahr? )

Das Verhalten geschlechtsreifer Stockholmer in Hauptverkehrszeiten ist nicht unbedingt gesetzeskonform. Krei(sel)verkehre gibt es kaum, stattdessen Ampeln über Ampeln. Welche von den fußgängerischen Hauptstadtbewohnern auch mit Enthusiasmus benutzt werden – als Drückmittel und als Taktgeber für die innerlich gesummte Melodie. Das gemächliche Tak---Tak---Tak der roten Ampel wird beim Umspringen auf Grün abgelöst vom hektischen Stakkato Tack-Tack-Tack. Nur sind dann die ungeduldigen Schweden schon längst auf der gegenüberliegenden Straßenseite…Zufälligerweise kam gerade kein Auto oder die Motorkutschen waren ausreichend weit genug entfernt um schon vorher über die Strasse zu flitzen. Manchmal laufen die Stockholmer auch einfach nur los und vertrauen auf den lieben Gott und das Reaktionsvermögen der Autofahrer. Hängt vielleicht auch mit dem Serotonin-Spiegel zusammen… 

Überhaupt können Sie alles Sehenswerte auch zu Fuß erreichen. Außer das Schloss Drottningholm, sofern Sie nicht schwimmen wollen – nehmen Sie einfach die Fähre und bestaunen Sie das Wohnschloss von „dat Silvia un ihren Karl Gustav“.  




Parks, Museen und abgesägte Schiffsmasten…

…finden Sie auf der Insel Djurgärden. Durch eine Brücke mit dem Stadtgebiet verbunden beherbergt diese Schäreninsel das Nordisk Museet, das Aquaria Museet und das berühmte Wasa-Museet. Da die Masten des 1628 bei der Jungfernfahrt schon im Stockholmer Hafen gesunkene Segelschiff nicht mehr unter das Dach passten, wurden sie einfach abgesägt. Als Ersatz setzte man von außen einfach stählerne Nachbildungen der Mastenden auf das Dach. Innen kann man sich locker 2 bis 3 Stunden vergnügen.

Nicht nur das gewaltige Schiff mit seinen überreichen Schnitzereien präsentiert sich bei jedem Standortwechsel mit überraschenden Feinheiten, auch die Ausstellung über die Geschichte, Fertigung und das Leben zur damaligen Zeit sind äußerst detailreich und liebevoll gestaltet.
Beeindruckend, respektvoll präsentiert aber etwas morbide sind die Skelette der im Wrack gefundenen Toten. Jeder bekam einen Namen und ihre Schädel wurden mit Sorgfalt rekonstruiert. Heraus kamen Büsten, die so lebensecht wirken, dass man am liebsten ein freundliches, leises „Hej“ zu ihnen sagen möchte. Und ich glaube, man wäre nicht erstaunt, wenn die Büste antworten würde…

Der Eintritt beträgt 80 Kronen, bis zum Alter von 18 Jahren gelten auch Jugendliche als Kinder und gehen kostenlos durch die Schranke. Was Teenager gar nicht freut, müssen sie sich doch von nun an wieder offiziell als KINDER bezeichnen lassen …

Das Nordisk Museet zeigt schwedisches Alltagsleben und bietet auch wechselnde Ausstellungen über Themen vom Mittelalter bis zur jüngsten Geschichte. Im Aquria Museet gibt es …na…genau: Ausstellungen über die Wasserwelt. Das Biologisk Museet beinhaltet Fauna und Flora.

Sollten Sie den Drang nach frischer Luft verspüren, gehen Sie einfach ein wenig spazieren auf der Insel. Im früheren königlichen Jagdrevier - einem Teil von Ekoparken, dem einzigen Nationalpark weltweit, der innerhalb einer Stadt liegt- liegt Skansen. Im ältesten (1891) Freilichtmuseum der Welt finden sie neben ausgedehnten Spazierwegen etwa 150 Gebäude aus allen Teilen Schwedens versammelt und als kleine Dreingabe auch noch einen Zoo.

Aber aufpassen: es kann sein, dass Ihnen Reiter entgegenkommen. In Skansen gibt es keine Ampeln…

Sollte Ihnen der Sinn mehr nach Bummeln in städtischer Umgebung liegen, wandern Sie von Djurgärden über die Prachtmeile „Strandvägen“ zurück Richtung Innenstadt und wechseln über eine von 4 Brücken auf die Altstadtinsel, die sogenannte „Gamla Stan“. Passieren Sie das Reichstagsgebäude, beschauen sie den Jarl-Turm in der Ferne und finden Sie das königliche Schloss (1760), den Dom und die Tyska Kyrka, die deutsche Kirche (prächtigster Barock!).
Unzählige kleine Geschäfte, Bistros, Restaurants und Cafes laden zum Verweilen und Kaufen ein. Also nehmen Sie lieber den größten Koffer halbgefüllt mit auf die Reise – beim Rückflug ist er prallvoll… mit Trollen, Geschirr, skandinavischer Kleidung und natürlich Tomtes, den schwedischen Weihnachtswichtelfiguren.

Wenn Sie zwischendurch verschnaufen möchten, setzen Sie sich einfach auf die Bank in einer der kleinen Grünanlagen, die überall zu finden sind. Meist schmücken alte und neue Skulpturen die Parks. Vielleicht genießen Sie auch von der Oper aus den Panoramablick auf Gamla Stan, Nationalmuseet und Djurgärden. Wenn Ihre Füße sich erholt haben, können Sie ja dann noch den Turm des Stadshuset im Stadtteil Kungsholmen ersteigen und auf die Altstadt und die City herunterschauen. Oder eines der anderen von rund 70 Museen besuchen…




Stockholm im Technikrausch…  

…so erscheint es beim Durchwandern der Strassen.

Jeder zweite hat ein Handy am Ohr, hantiert mit i-Pod und sonstigem elektronischen Equipement herum. Selbst im Restaurant klingelt und bimmelt es allenthalben.
Hotelaufzüge können nur mit Chipkarte bedient werden, selbst an den Toilettentüren gibt es Kartenlesegeräte. Andererseits sind die Zimmer oft mit kostenlosem Internetanschluss ausgestattet. Sogar das Web-Checkin sowie das Ausdrucken der Bordkarten kann man bequem vom hoteleigenen Internetcheckpoint für null und nix erledigen. 
Bezahlen mit Karte gehört zum guten Ton. Und wo es keine elektronische Vorrichtung gibt, ... da muss man halt warten. In einem Stockholmer Kaufhaus kann man unter Umständen lange an der Kasse stehen, bis man das Gesucht-Gefundene auch an der Kasse bezahlen darf. Nach deutscher Manier stellt man sich brav in die Schlange und wundert sich, dass plötzlich weit, weit hinten Stehende an einem vorbeieilen und freundlich von der Kassiererin empfangen werden. Nur Sie stehen immer noch mit ihren 2 Teilen und warten…

Das Geheimnis heißt Zettelchen ziehen. So wie beim deutschen Arbeitsamt erscheint über dem Kassiererinnenkopf eine Ziffer, worauf hin dann derjenige mit der Leuchtnummer auf seinem Coupon abkassiert wird. Schlaue Einkäufer ziehen sich sofort beim Betreten des Ladens eine Nummer…

Riesige Leuchtreklamen für technische Artikel überall, laufende Fernseher in den kleinsten Bistros, beleuchtete Wandinstallationen…Stockholm kennt anscheinend kein Energieproblem. 
Wenn bei uns verschämt auf die Stromrechnung gelinst wird, in den Städten nachts die Ampeln ausgeschaltet werden und nur jede zweite Straßenlaterne dem Spätheimkehrer leuchtet – in Stockholm brennen die Lichter in Büros, Verwaltungen und Strassen ununterbrochen. Tag und Nacht stehen zwischen den Jahren in den Fenstern der Privatwohnungen Lichterbögen angeschaltet, die Einkaufsstrassen strahlen um die Wette, dazu das malerische Blinken von Ampeln und geschmückten Riesentannen am Hafen….

Aber vielleicht braucht der gemeine Stockholmer das Licht einfach nur zum Überleben. In den kurzen Tagen (Ende Dezember wird es schon gegen drei Uhr nachmittags stockdunkel) kommt eben wenig UV-Strahlung und Tageslicht an die alten Schweden ran. Und das sorgt normalerweise für ein „heiter Gemüt“….womit wir wieder beim Serotonin angelangt sind…

Jenes wird Sie beim Abflug dann aber auch nicht über die leise Wehmut und das Gefühl, noch lange nicht alles von Stockholm gesehen zu haben, hinwegtrösten. Da hilft auch die beste schwedische Sonnenbank nicht!

Erst wenn Sie über den Wolken der immer scheinenden Sonne ins blendende Antlitz schauen, hingerissen auf eine Wolkenlandschaft starren, die wie eine Eiswüste aussieht – dann werden Sie ansatzweise die Lust am Licht und ausgelassenen Feiern der Schweden verstehen.
Irgendeinen Ausgleich muss der (schwedische) Mensch ja haben, wenn er schon nicht im sonnigen Süden Europas wohnt…

Gleichzeitig mischt sich aber auch Bedauern in ihre Vorfreude auf das Heimkommen. Die Menschen, ihre lockere, freundliche Art, der Glanz der Lichterbögen, das freundliche „Hej“ – Sie werden es vermissen! Und wiederkommen…

…ins Stockholm zwischen den Jahren! 



 Weinseligkeit in Durbach...

 Weinkenner werden sofort wissen, wovon ich spreche: die Zauberworte Männle, Laible und Schwörer wecken die Geschmacksknospen und Geruchssensoren eines jeden Verehrers deutscher Weine. Genießern, die eher den nicht flüssigen Köstlichkeiten zugeneigt sind, läuft bei der Vorstellung von ofenfrischem Zwiebel- und Flammkuchen, Weingellee oder Maronen-Mus das Wasser im Mund zusammen.
In der Ortenau finden Sie all das. Dazu freundliche Gastgeber, steile Weinberghänge, sehr gute Restaurants und gemütliche Probierstuben.

Zugegeben, für einen Gast aus dem Rheinischen oder noch nördlich gelegeneren Gebieten ist die Sprache der Einheimischen nicht sofort in allen Details verständlich. Ebbe so ist des nu emal, wenn man nur wenige Kilometer von „Offebursch“ entfernt Urlaub macht.  

Hinzukommen ist ganz leicht: Immer Richtung Süd-Westen und Baden-Baden. Mit dem Zug geht das auch: ICE bis Mannheim (Sie wissen schon: „Mannehmer Brück’“ von Joy Fleming), dann umsteigen Richtung Basel. Und aussteigen in Offenburg. 

  Belohnt werden Sie für Ihre Mühen mit herrlicher Landschaft und süffigem Wein, weiß und rot. Die Palette der Rebsorten reicht von Rivaner über Müller – Thurgau, Grauburgunder, zahlreiche andere und natürlich den Klingelberger bis zum Spätburgunder. Die Weine der Ortenau sind bekannt und beliebt, bei Prämierungen sind die Erzeugnisse der Winzer in der vorderster Reihe. Dies gilt sowohl für die Winzergenossenschaftsweine wie auch für die leckeren Tropfen der unzähligen selbstständigen Weingüter.  

  Um Urlaub in diesem weinseligen Landstrich  zu machen, mit oder ohne Familie, bieten sich verschiedene Möglichkeiten: z.B. in Durbach. Durbach ist der Kernort des Ortenauer Weinanbaues. Hier können Sie exklusiv in der „Rose“, dem „Rebstock“ oder „Zur Linde“, aber auch bodenständig und mit der Zunge direkt am Fass auf einem Winzergut, z.B. im stillen Lautenbachtal bei den Hubers, residieren. 
Bei Hubers sind Sie immer herzlich willkommen, bekommen die Brötchen sogar an Sonn- und Feiertagen direkt an die Türe der Ferienwohnung gehangen und können
(sollten Sie Bedürfnis nach körperlicher Betätigung haben) im Herbst bei der Weinlese helfen. Familien mit halbwüchsigen Kindern sind den Hubers immer zu Dank verpflichtet, wenn die Sprösslinge schon nach einem Tag Lese-Hilfe in den Weinbergen todmüde und ohne Murren von ganz alleine ins Bett fallen. 

  Faulere Zeitgenossen probieren sich unter fachkundiger Anleitung des Winzers oder seiner Gattin durch alle Sorten „Traubensaft“ und schicken zum Abschluss noch einen oder mehrere Marc oder Weinhefebrände hinterher. Im Sommer gibt es ab und an Gegrilltes, im Herbst Maronen oder „Flammekuche“ vom Blech. Wer zu bequem ist, selber in den gut ausgestatteten Ferienküchen zu hantieren, macht einen gemütlichen Spaziergang hinunter ins Dorf und besucht eines der zahlreich vorhandenen Restaurants. Meiner persönlichen Meinung nach schmeckt allerdings kein 4 - Sterne  - Gericht so gut wie selbstgesammelte, glasierte Maronen mit einem schönen Stück Schweinekrustenbraten und Maronen – Kartoffelpüree.

  Aber vielleicht steht Ihnen der Sinn ja mehr nach Pilzen oder Obst. Voila – auch damit kann Ihnen Durbach dienen. Besonders im Herbst fallen Ihnen die Äpfel buchstäblich auf den Kopf und Brombeeren haken sich bei Ihnen ein. Wem selbst das Kauen zu anstrengend ist, kann auf die Obstbrände umsteigen, darunter so Außergewöhnliches wie die uralte Haferpflaume.  

  Sollte das alles noch nicht genug sein, empfehlen sich Ausflüge nach Baden-Baden, wandeln Sie auf den Spuren des Autors Grimmelshausen („Simplex simpliccissimus“) in Rechen, kutschieren nach Bühl oder ins Altstadtzentrum von  Strassbourg auf der anderen Seite der Grenze. (Aber jetzt mal ganz ehrlich – dann hätten Sie doch auch sofort ins Elsass oder so fahren können, oder?) 

  Genießen Sie lieber die Ferientage im beschaulichen Durbachtal und lassen Sie sich im Herbst nicht vom Nebel und den Steigungen der Wege davon abhalten, durch die Weinberge zu streifen. Als Belohnung dürfen Sie im Schloss Staufenberg einen Schoppen verpicheln und eine kleine Vesper zu sich nehmen. Oder sich auf das leckere Glas Grauburgunder in der Probierstube der Hubers freuen. 

  Wenn Sie Silvester dann zuhause anstelle des gängigen Champagners einen Durbacher „Risecco“ oder Huber’s  Weißburgunder - Sekt entkorken und knallen lassen, erinnern Sie sich an die schönen Tage in Durbach.  

Dann fängt das neue Jahr schon sofort gut an  ... 



Seeurlaub in Deutschland – wie langweilig! Diese Aussage werden passionierte Anhänger der deutschen Ostseeküste sicherlich gut kennen. Wenn Sie dann auch noch verschämt gestehen, in der Nähe von Hohwacht residieren zu wollen…

Auch wenn an der deutschen Ostseeküste keine mediterranen Temperaturen herrschen (außer in Jahrhundertsommern) ist das kleine, überhaupt nicht mondäne, Heilbad ein Paradies für all jene, die nicht den Rummel suchen oder mit Familienanhang reisen. Die fehlenden Palmen übersehen Sie ganz einfach.

Packen Sie Kleidung für jedes Wetter in die Koffer und starten Sie Richtung Nordkap. Die Schleswig-Holsteinische Landeshauptstadt Kiel ist eigentlich nicht zu verfehlen, die A7 führt wie ein Pfeil bis zur dänischen Grenze. Eine Unterkunft zu finden, ist nicht schwer: Sie können auf Bauerhöfen, im Zelt oder, mit einem glücklichen Händchen und etwas größerem Geldbeutel, ganz herrschaftlich auf einem der Gutshöfe und Schlösser in der Umgebung Quartier beziehen. Viele der, immer noch adligen, Besitzer haben Teile ihrer Ansitze zu Ferienwohnungen umgebaut. Oder sie vermieten die alten Gesindehäuser. Pensionen und Hotels gibt es auch reichlich.

Die Gegend um Lütjenburg und Hohwacht ist nicht so überlaufen wie der z.B. „Weißenhäuser Strand“. Wer allerdings „richtigen“ Sandstrand haben will, muss entweder die Kurtaxe in Hohwacht bezahlen oder fährt ein paar Kilometer weiter nach Sehlendorf. Alle anderen tummeln sich am Naturstrand bis nach Behrensdorf, schauen begeisterten Kindern zu, die sich die Zeit damit vertreiben, wahre Damm-Kunstwerke mit den herumliegenden Steinen zu errichten … oder spielen nach dem Wegräumen der größten Hindernisse Beach-Volleyball. Und das, ohne befürchten zu müssen, anderen Sonnenanbetern in die Quere zu kommen, Platz ist genug. Aber auch bei schlechterem Wetter kann man gemütlich und ungestört an der Wasserkante kilometerweit spazieren gehen.

Unterwegs können Sie im „Klabautermann“ einkehren. Das kleine Gasthaus ist äußerst familienfreundlich. Sie haben die Wahl, ob Sie sich draußen, an Holzbänken, nur wenige Meter vom Strand entfernt, den riesigen „Fischteller“ einverleiben. Oder im engen, aber gemütlichen, Inneren des winzigen Restaurants zwischen Behrensdorf und Hohwacht Ihr „Holsteiner Sauerfleisch“, Krabbenbrot und Ähnliches verspeisen. Absolut frische Ware, große (norddeutsche) Portionen und frische Seeluft sind hier selbstverständlich. Und die Bedienung ist hier gar nicht nordisch-kühl. Wenn alle Bänke besetzt sind (was fast immer der Fall ist), serviert sie Ihnen die Getränke auch durchaus auf dem Rasen. Aber vielleicht bestellen Sie ja auch aus Lust am Widerspruch ein Schnitzel. (Das schmeckt übrigens wirklich nicht nach Fisch!) Während Ihre Kinder in Sicht - und Rufweite am Strand herumpusseln, lassen sie sich das Bier oder den Kaffee schmecken, warten auf einen freien Bankplatz, schauen auf’s Meer hinaus oder auf den klitzekleinen „Jachthafen“ an der sogenannten „Lippe“. Hier ist auch die Verbindung zum „Großen Binnensee“, welcher allerdings in Privatbesitz ist. Nur Hausgäste des Grafen Waldersee können die Ruderboote im Bootshaus nutzen, um auf dem See Kapitän zu spielen. Der „Kleine Binnensee“, zwischen der Uferstrasse von Behrensdorf nach Hohwacht und der Ostsee gelegen, ist zusammen mit den Dünen Naturschutzgebiet. Trotz der Urlauber haben sich hier Pflanzen- und Tierarten bewahrt, die es nur noch selten zu sehen gibt.

Nach dem Verdauungs-Spaziergang begeben Sie sich nach Lütjenburg und genehmigen sich dort einen „Lütjenburger Korn“ zur Digestion. Entweder direkt aus der Destille oder aus einem der Supermärkte wie Aldi, Lidl oder Plus. Oder Sie trinken einen Espresso im kleinen Eiscafe direkt am Markt.
Im Sommer veranstaltet die Kleinstadt immer ein großes Stadtfest. Hier sind Urlauber und Einheimische bei Musik, kulinarischen Leckereien, Trödelmarkt und sonstigen Aktivitäten vereint.

Sollten Sie schon wieder Hunger haben, empfiehlt sich ein Blick in den Hohwachter Veranstaltungskalender. Einige Male während der Sommerferienzeit gibt es dort den „Schlemmermarkt“. Restaurants aus der Umgegend verwöhnen Sie dort mit Bratkartoffeln zu Sauerfleisch oder Scampi-Spießchen. Dazu Getränkestände, Livemusik, … und auch an die Sprösslinge wird in Hohwacht gedacht. In der „Strandesberghalle“ werden Kinderveranstaltungen mit Basteleien und Ähnlichem angeboten. Auf der kleinen Strandpromenade begegnen Ihnen junge Familien, aber auch alte und junge Paare, die Hand in Hand dort flanieren. Und manchmal weht ein Hauch der goldenen Jahre des Seebads durch die salzige Seeluft.

Wem das alles nicht reicht, rutscht eben mal ins 30 Km entfernte Kiel hinüber. In der „Sophienpassage“ shoppen, dann am Skandinavienkai die großen Fährschiffe betrachten oder während der „Kieler Woche“ alte und neue Windjammer bestaunen – hier finden Sie nicht unbedingt Düsseldorfer Flair, aber für einen beginnenden Großstadtentzug reicht das allemal.

Außerdem… Sie wollten doch Urlaub machen, vom Alltäglichen Abstand gewinnen, oder??




Eins vorab: Praha, Hauptstadt der Knödel-und Bierliebhaber, goldener Dächer und ebensolcher Stimme fordert den touristischen Ganzkörpereinsatz!  

Fußlahme und Rückenschmerzgeplagte sind hier hoffnungslos verloren. Erstere, weil die meisten Sehenswürdigkeiten zwar in der Nähe von Metro-Stationen, Tram- oder Bus-Haltestellen erreichbar sind, aber eben nur in der Nähe. Zudem gibt es so unendlich viel zu sehen…wenn die Unmengen an Besuchern einen einigermaßen freien Blick auf Karls-Brücke, Gemeindehaus, Kirchen, Jugendstilgebäude etc. zulassen und auch keine Sightseeing-Busse die engen Strassen verstopfen. 

Letztere, also diejenigen mit schwacher Rückenmuskulatur, werden in Prag schwer an Kameras und Einkaufstaschen zu schleppen haben. Souvenirshops mit allem, was an Kitsch und Krempel an die Touristen zu bringen ist, gibt es zuhauf. Daneben einige große Einkaufspaläste, deren Angebote jedes modebewusste Frauenherz höher schlagen lässt. Wer genügend Kleingeld hat, kann sich z.B. auf der Pariser Strasse bei Gucci, Steilmann, Cartier, Dior u.a. mit dem nötigen Luxus versorgen. Oder böhmisches Glas in jeglicher Form einkaufen. Oder, oder, oder…   Sie kamen an – per Flugzeug und stehen nun ratlos da. Der Prager Airport Ruzyne liegt weit außerhalb von Prag. Bitte machen Sie nicht schon hier den ersten Fehler ihrer Reise! NIE auf die Avancen von Taxifahrern eingehen, die NICHT ein Leuchtschild auf ihrem Wagen haben oder Ihnen keine schriftliche Vorausbestätigung des Fahrpreises zu ihrem angegeben Hotel-Ziel geben wollen. Am besten ist es, wenn Sie schnurstracks zu einem der Taxizentralen-Counter im Ankunftsgebäude gehen (z.B. AAA-Tai, Airport-Taxi…). Dort bekommen Sie zum Festpreis innerhalb kürzester Zeit einen Fahrer herbeigefunkt und für die Rückfahrt zum Flughafen sogar noch Rabatt. Preiswerter ist nur der Transport mit dem Bus zur Metro-Station und dann per Tram, Bus oder Pedes zum Hotel. Um die 700 Kronen kostet es vom Flughafen bis in die Stadt, was ganz grob gerechnet etwa 30 Euro entspricht. Starke Nerven sollten sie allerdings haben – Tschechen halten sich zwar an die meisten Verkehrsregeln, aber sie brettern durch die Stadt, als wenn Rübezahl, sämtliche Erzgebirgischen Hexen und Satan persönlich ihnen auf den Fersen wären. 

Nun stehen Sie vor ihrem Hotel und erwarten z.B. ein Drei-Sterne-Zimmer, wie sie es von zuhause aus kennen. Dass die meisten Tschechen mit Deutsch erheblich weniger Schwierigkeiten haben als wir mit der tschechischen Sprache stimmt Sie schon einmal vergnügt. Sollten alle Stricke reißen, ist Englisch angesagt, was ebenfalls sehr gut beherrscht wird von den Einheimischen. 
Dann kommt das Erwachen … Drei Sterne in Deutschland entsprechen keinesfalls drei Sternen in Prag! Eher 1 ½ nach unseren Maßstäben. Die Preise allerdings gehen auch für ein 5-Sterne-Hotel durch… Egal, Sie packen aus und beschließen, einen ersten Erkundungsgang durchzuführen. 

Direkt in Prag zu wohnen, hat seine Vor- und Nachteile. Einerseits sind Sie sofort mitten drin in allem Sehenswerten, andererseits aber auch Tag und Nacht Touristenströme, Polizeisirenen, Straßenlärm. Prag ist eine laute Stadt!!! Außerhalb der Alt- und Neustadt wohnt es sich ruhiger. Und mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Stadt bestens ausgestattet. Sie können schon am Flughafen Touristentickets kaufen, wahlweise als 1-,3- oder 5-Tageskarte. Ob Metro, Tram oder Bus, einmal abgestempelt brauchen Sie sich keine Sorgen mehr zu machen. 

Die Prager Metro besteht aus drei Linien, gekennzeichnet in grün, gelb und rot. Stellen Sie sich Prag als Sechseck vor. Von drei Ecken aus fahren die Bahnen zur gegenüberliegenden (und natürlich auch zurück) und kreuzen sich dabei. Hört sich kompliziert an, ist aber wunderbar einfach. Und schnell. So schnell wie die ellenlangen Rolltreppen an den Kreuzungspunkten. Selbst als Noch-Nicht-50er/in hat man/frau seine Mühe, zum richtigen Zeitpunkt auf die Metallstufen aufzuspringen. Prager beherrschen das sehr viel besser, die demonstrieren dieses Kunststück sogar während sie in einem Buch lesen…
Busse und Bahnen gibt es ebenfalls zuhauf, wobei die Bahnen (Trams) uns verwöhnte Deutsche in der Regel an die ÖPNV-Vehikel vor 40 Jahren erinnern.
Am besten ist es, Sie fahren zum Platz der Republik (Namesti republiky…die Akzent-Zeichen bitte dazu denken, ich kriege das einfach nicht hin…). Dort steigen Sie direkt vis-a-vis des unterirdischen Eingangs des „Palladium“ Einkaufcenters aus, arbeiten sich durch die Ladenetagen und erreichen dann den Ausgang auf den Platz. Sie können natürlich auch direkt aus der Unterwelt mit oben beschriebener Rolltreppe aufsteigen…

 
Womit wir bei Teil 2 angekommen wären… „Vidi…“


Kommen wir zu den WIRKLICH wichtigen Dingen eines Prag-Aufenthaltes… 

Getreu des Mottos „Veni, vidi, vici“ haben Sie alle Probleme der Anreise gelöst und beginnen am nächsten Morgen mit dem „Sehen“, Unterrubrik „Sieht das aber lecker aus…“

Das erste, was Ihnen unter die Augen kommt (nach dem üblichen morgendlichen Herrichtungsritual inklusive Erschrecken über das eigene Spiegelbild), sind Frühstücksraum und Buffet. Ernährungstechnisch werden Sie keine größeren Probleme bekommen, soviel sei schon einmal gesagt. 
Nur an die heißen Würstchen, den Salat und sonstige Rohkostangebote zum Frühstück muss man sich als Deutscher gewöhnen. Die Tschechen hingegen sind ganz erpicht darauf…

Graubrot schmeckt meist ein wenig fad. Dafür können Sie sich aber ersatzweise an Mohn- und Apfelzopfscheiben gütlich tun. Überhaupt gibt es Brot zu allem und jedem. Egal, wo Sie sind und  was Sie bestellen – vorher gibt es einen großen Korb Brotschnitten. 

Kleiner Tipp am Rande: Nehmen Sie ein paar Tütchen Nescafe mit…Kaffeekochen ist nicht unbedingt die Stärke der Prager. Selbst in Cafes und Restaurants  der gehobeneren Preisklasse schmeckt das braune Gebräu…naja…gewöhnungsbedürftig.

 
Dafür dürfen Sie sich aber im Laufe des Tages an anderen Genüssen laben. Als da wären…

-         Prager Schinken Teller: etwas für den kleinen Hunger zwischendurch, wenn kein Milchreis-Gnom in der Nähe ist. Am besten in einem der unzähligen Brauhäuser oder Kneipen Pivina auf Tschechisch) zu verkosten. Dort kostet es weniger und die Portionen sind auch nicht im Mikroformat.

-         Bier: Klar, Pilsener Urquell oder Gambrinus oder Budvar. Tschechen trinken nicht zum Essen, sondern umgekehrt. Insofern kann man Bier auch zu den Grundnahrungsmitteln zählen. Weizen ist sowohl im Brot wie im Bier. Übrigens steigt das gezapfte Bier nicht so in die Hirnschale wie Flaschenbier. Angeblich gibt es da eine Herabschraubung der Alkoholumdrehungen für den Kneipenausschank, was das Weiterlaufen nach dem Gaststättenbesuch erheblich vereinfacht.

-         In der Hausbrauerei „U Medvisku“ in der Medviska gibt es auch das in Flaschen abgefüllte stärkste Bier der Welt mit 33 % Prozent Alkohol zu kaufen. Na dann Prost!

-         Schweinshaxen, meist als „gegrilltes oder gebratenes Schweineknie“ auf der Speisekarte  bezeichnet. Hervorragend auf der Kleinseite von Prag im „Malostranska Pivine“. Nicht abschrecken lassen von den voll mit Touristen besetzten Tischen. Das Gebäude ist mit unzähligen verwinkelten und versteckten kleinen Gasträumen ausgestattet, eine ruhige Ecke finden Sie fast immer. Das Essen ist preiswert und sehr schmackhaft.

-         Apfel- und/oder Mohnstrudel sind göttlich…

-         Fast noch leckerer sind die mit Mohn oder Früchten gefüllten Hefeklöße.

-         Abzuraten ist (was das Essen in Lokalen angeht) von der Bestellung eines Lendenbratens. Das besteht aus maximal drei winzigen Scheibchen Schweinebraten, meist mit undefinierbarer Sauce. Auch „Steak“ ist nicht immer das, was wir vom Argentinier o.ä. kennen, sondern häufigst ein etwas dickeres Nackenkotellet.

-         Knödel sind DIE Hauptbeilage. Leider werden den Touristen meist an gewässerte, vorher getrocknete Weißbrotschnitten erinnernde, Knödelscheiben vorgesetzt.

-         Besoffene Pflaumen sind in Slivovitz eingelegte und mit gebratenem Speck ummantelte Zwetschgen. Himmlisch lecker und weniger gefährlich als der Name vermuten lässt

-         Die Kaffeepause sollten Sie einmal im Cafe des Gemeindehauses verbringen. Okay, der Kuchen ist nicht gerade dem Preis angemessen, aber…wenn Sie in dem riesigen Jugendstil-Saal von livrierten Kellnern mit fahrbarer Kuchentheke direkt an Tisch besucht werden, Live-Musik (Swing, Bar-Jazz) im Hintergrund, die herrlichen Lüstern über sich – dann fühlen Sie sich der Belle Epoque einfach nahe! Und anstelle des Kaffees schlürfen Sie genüsslich ein Glas Sekt! 

Auf jeden Fall sollten Sie nie den Fehler begehen, sich in eines der überzahlreichen Lokale an den Hauptrennstrecken niederzulassen. Zu teuer und zu schlecht, so nett eingedeckt auch alles aussehen mag. Sollte Ihnen ein Kellner oder Anwerber schon mit der Speisekarte in der Hand entgegenkommen auf der Strasse, gilt doppelte Vorsicht! Lieber in den unzähligen Seitenstrassen nach einer Gaststätte suchen. 

Ebenso sollten Sie darauf achten, dass Ihnen vor der Bestellung kundgetan wird, ob der Service-Aufschlag schon im Preis enthalten ist! Ansonsten sind nämlich 10-15% der Rechnungssumme hinzu zu blechen.

 

Restaurant-Tipps: 

„U Medvisku“ in der Medviska, Altstadt 

„Malostranska Pivine“ auf der Kleinseite 

„U Kapra“, Zalecka, Altstadtteil Josefov 

 

Don’t go… : 

„Club Lavka“ direkt am Moldauufer unterhalb der Karlsbrücke. Die wunderbare Aussicht auf Hradschin und Kleinseite genießen, ein Bierchen etc. okay, aber nicht essen! Zu teuer für die angebotene Qualität und ein Service, der erst nach dem Bezahlen mit der Forderung nach dem Service-Geld herausrückt.  

Alle Restaurants an den Rennstrecken 

Hot-Dog-Stände etc.

L.A.-Fingerfood im „Palladium“, selbst für hartgesottene, Fast-Food-gewöhnte, Jugendliche eine Zumutung. Geschmacklich und preislich. 

So…nachdem Sie nun wissen, wo Sie wann eine Stärkung zu sich nehmen und die Füße ausruhen lassen können, werden Sie on the road geschickt!

Rubrik "Prag zu Fuß ist machbar":

Allerdings sollten Sie für gutes Schuhwerk, genügend Fußcreme und ausreichend Pflaster im Reisegepäck sorgen. Die Strassen sind nicht so „gepflegt“ wie bei uns, speziell in der Altstadt macht das uns ungewohnte Kopfsteinpflaster vielerorts Probleme auf die Dauer. 

Die beste Möglichkeit zur ersten Orientierung in dieser Stadt ist der Blick auf den Stadtplan und der Gang zur Rezeption ihrer Unterkunft. Dort liegen meist alle möglichen Flyer aus, auf denen Ihnen Rundfahrten angeboten werden. Einstündige, bei denen Sie kaum EINEN Schritt laufen müssen, dreistündige Exkursionen mit Regenschirmreckenden Reiseführern, Ganztages-Fahrrad-Führungen oder Wanderungen durch die Stadt inklusive Massenmittagessen und Kaffeetafel. Wer es exklusiver mag, darf sich im Oldtimer für eine Stunde den Blicken jener Touristen aussetzten, die nicht bereit sind, knapp 70 Euro für dieses Vergnügen zu zahlen. Dann gibt es noch die (unvermeidlichen?) Kutschen-Führungen. Oder Sie jückeln auf seltsamen Stehbrettern mit riesigen Reifen und Elektroantrieb durch die Gassen. Schwindelfreie dürfen sogar auf der Kleinseite mit einem Ballon die Übersicht über Prag erhalten. Das Aufstiegsvergnügen ist kurz, teuer und an eine Leine gefesselt, erlaubt jedoch wunderbare Bilder. Nachteulen können auch eine Schifffahrt buchen mit Buffet und Getränken. 

Sollten Sie sich entschlossen haben, erst einmal auf eigene Faust „ins Städtchen“ zu gehen, finden Sie auch zum spontanen Buchen genügend Kioske der verschiedensten Seightseeing-Anbieter. Der Vorteil (z.B. beim Anbieter „Martin-Tours“) des frühzeitigen Buchens ist es, dass Sie auch durchaus vom Hotel abgeholt werden! Zurück müssen Sie dann allerdings alleine finden… 

Gut – Sie haben nun eine dieser Führungen hinter sich und das Wichtigste und/oder Schönste schon gesehen. Zumindest von außen. Ihnen ist aufgegangen, dass vom Platz der Republik, dem Wenzelsplatz und der Metrostation Malostranska auf der Kleinseite die Sehenswürdigkeiten am besten zu erreichen sind. Der Reiseführer hat Sie mit Informationen nur so überschüttet. Was nun? 

Nehmen Sie sich eine Stunde Zeit und schmökern sie in ihrem Reiseführer-Buch. Ausreichend sind z.B. die Marco-Polo-Taschenbücher oder die des ADAC. Dann sortiert sich meist das Gesehene ein wenig. Die Routenvorschläge allerdings sind meist nicht durchführbar…an jeder Ecke werden Sie aufgehalten, weil entweder eine Häuserfassade Sie in Verzücken versetzt, das Bier lockt, die Gassen durch Touristen verstopft sind oder einfach die Warteschlangen zu lang sind. Manchmal haben Sie sich auch einfach nur verlaufen… 

Gerade im Sommer überlaufende Attraktionen sind: die Karlsbrücke, der Hradschin sowie im jüdischen Viertel der Friedhof. Dort stehen Sie u.U. zwei Stunden an, um dann im Gänsemarsch durchgeschleust zu werden. 

Das Nationalmuseum hingegen wird meist nur von außen belagert…Paläantologische Ausstellungsstücke, Mineralien und ausgestopfte Tiere sind eben nicht der Renner, wenn sie in endlosen Reihen in altmodischen Vitrinen präsentiert werden. Keine Spur von „Erlebnis-Museums-Pädagogik“ etc.. Dabei ist alleine das Vestibül eine nähere Betrachtung wert!!! Ebenso im Untergeschoß die kleine Ausstellung zur jüngeren Geschichte Prags! 

Auch der erhöhte Blick aus dem Fenster auf den Wenzelsplatz ist beeindruckend, erst Recht, wenn man sich anstelle der kamerabewehrten Besucher aus aller Welt die Bilder vom Prager Frühling vor Augen holt. Der heilige Wenzel erträgt die heutigen Besucher mit genauso stoischer Ruhe wie alles bisher. Blutvergießen war er gewohnt…in seiner Familie wurde gemordet, was zu ermorden war. Da ist das bisschen Lebenssaft aus den wundgelaufenen Füßen der Urlauber ein Klacks für ihn.

 Jene können Sie hochlegen in den abgelegeneren Strassen. Plätze in jeder Form und Größe, häufig wie kleine Oasen mit Bäumen, Blumen und Kunst bestückt, finden Sie  dort. Auch Parkbänke zum Ausruhen. Manchmal sind auch in den Innenhöfen Mini-Anlagen entstanden mit Restaurants, Cafes und im Grünen. Auf der Kleinseite ist insbesondere der Kampa-Park zwischen Karlsbrücke und Legil-Brücke (führt über die Erholungsinsel Strelecky) mit seiner Moldaupromenade zu empfehlen. In nächster Nähe liegt auch das Kampa-Museum. Dort finden Sie moderne Kunst, die als Land-Art auch in Form von aufgereihten Pinguinen am Ufer steht. Oder riesigen roten Hasen… 

Geschichtlicher ist der Waldenstein-Garten (ebenfalls auf der Kleinseite). An den Hängen unterhalb der Burg ein stilles Refugium für Gartenliebhaber.  

Fast alle literarischen, malerischen und Komponisten-Größen waren in Prag. Manche kurz, manche länger. Allen wird hier gehuldigt. Das Franz-Kafka-Museum z.B. (Altstadt) ist sehenswert mit seinen Handschriften etc., der jugendstilige Mucha ist auch vertreten (ebenfalls in der Altstadt). Daneben Dali-Ausstellungen und…und…und… in Galerien. Fast jeder hat hier ein eigenes Museum. Nur Pan Tau nicht, der stumme, bezaubernde Mann mit der Melone. Selbst den Pragern tut das leid! 

Wer es Bauhaus-mäßig vorzieht, muss sich unbedingt auf den Weg in einen Vorort von Prag machen: die Villa Müller von Adolf Loos wurde vom Architekten selbst als seine liebste bezeichnet. Besichtigung allerdings nur nach Voranmeldung. Um dorthin zu kommen setzen Sie sich in die Tram-Linie NR.1 Richtung Petrinu und steigen an der Haltestelle Orechovka aus. (Die Erklärung des Weges deshalb, weil die ÖPNV-Linienpläne nur für die engere Umgebung der Stadtmitte vorhanden sind.) 

Das tanzende Haus (Ginger and Fred) von Richard Gehry – der mit den windschiefen Bauten im Düsseldorfer Medienhafen – ist nicht so schwer zu erreichen. Meist wird es auch bei den Rundfahrten angesteuert. 

Die Nationalgalerie im Messepalast liegt auch etwas außerhalb. Dort gibt es Bilder und Plastiken der Moderne zu sehen. Der Bau an sich ist schon sehenswert…Konstruktivismus in Reinform. 1928 galt das Gebäude als größte Messehalle der Welt.  

Überhaupt werden Sie sich in Prag öfters wundern, wie selbstverständlich der alten Bausubstanz modernste Stile aufgepflanzt oder angebaut werden. Da werden ehemalige Kupferwalmdächer zu Solarplattenbelegten, futuristischen Bedachungen mit ultramoderner Loggia, zwischen klassizistischen Fassaden stehen moderne Vorhangfassaden, oder prächtigste Jugendstilgebäude betrachten sich in glänzenden Spiegelglaswänden.  

Sollten Sie Konzert-Liebhaber sein, kommen Sie hier voll auf Ihre Kosten. Das Angebot ist überwältigend. In fast jeder Kirche finden diese Veranstaltungen statt, in Kneipen gibt es Jazz und auf der Karlsbrücke begegnen Sie auch einigen Musikern. Genauso ein Schlaraffenland ist Prag für Theaterliebhaber. Insbesondere jenen, die Pantomime oder das „Schwarze Theater“ lieben, sei die „Laterna magica“ in der Neustadt empfohlen! Die hohe Kunst des Puppenspiels können Sie ebenfalls in mehreren Lokalitäten genießen.





  


                                                                                                               




Guten Tag, haben Sie meine Muse gesehen? 

Nein, kein großes, gelbes Ding. Das ist eine Pampelmuse. 
 

Meine, mir abhanden gekommende, Muse ist wunderschön. Sieht aus wie ein blondes Schneewittchen, nur ohne diese dämlichen Zwerge als Begleitung. Deswegen nenne ich sie immer Schneeblondchen. Mag sie zwar nicht, aber mir ist das egal. Ist schließlich MEINE Muse!

Schlank wie Heidi Klumm vor ihren Schwangerschaften ist sie, schlau wie ein weiblicher Einstein und frech … wie Rotz.  

Zumindestens zu mir. 

Bei anderen ist sie immer sehr höflich. Nur mit mir, da springt sie um wie eine Gazelle während der Brunftzeit. Zickig ist sie, unzuverlässig. Üblicherweise schließe ich sie deshalb immer ein. Im hintersten Bereich meines, zugegeben nur normal intelligenten, Hirns. Da hockt sie dann vor ihren hundert Spiegeln und bewundert sich.  

Manchmal kann ich ihre Maulereien dabei hören.

Aber das weiß meine Muse nicht!

Sie regt sich auf über Rechtschreibfehler in meinen Artikeln. Echauffiert sich über unlogische, verwinkelte Argumentationsstränge, kritisiert Wortwiederholungen.
Alles, weil ich mir keinen (zusätzlichen) „Inneren Zensor“ leisten kann. Alle Welt muss sparen, ich auch! 
Natürlich höre ich genau zu und ändere alles so bald wie möglich. Dann regt sie sich noch mehr auf:  sie versteht einfach nicht, wie ich dummes Menschenkind in der Lage sein kann, meine eigenen Fehler zu korrigieren. Im Grunde genommen ist meine Muse der Ansicht, ich könnte noch nicht einmal erkennen, DASS ich Fehler mache! 

So, eine ausreichende Beschreibung haben Sie jetzt. Von mir und meiner Muse.
 
Ob sie schon einmal verschwunden ist? 

Na ja…zwei bis dreimal war sie für einige Stunden nicht auffindbar. Ausgerechnet in Situationen, in denen Esprit und Wortwitz gefragt waren. 
Habe ich schon gesagt, dass meine Muse unzuverlässig ist? Sie scheint der Meinung zu sein, ich würde sie nicht gut genug behandeln. Dabei kriegt sie jede Menge Nahrung von mir. Da ich gerne mit offenen Augen durch die Gegend latsche, erhält sie Unmengen von optischen Reizen. Wenn sie brav war, gucke ich nur ihr zuliebe auch schon mal in fremde Wohnzimmerfenster. Das Klettern über die Gartenzäune hat mir schon meine besten Röcke ruiniert.  

Auch auf die Ohren kriegt sie genug: von Sulke und Mey über Bernstein (Klassik! Wie es sich für Musen gehört), Armstrong, van Veen, die ollen 70er Rocker, Roger Cicero, Gwildis, alte Kamellen neu hergerichtet von Max Raabe, und sogar ab und zu HipHop und Rap, - alles im Angebot. Trotzdem hält sie sich nie an Vereinbarungen. Kommt meistens zu spät oder gar nicht zu vereinbarten Terminen.

Sie haben sie wirklich nicht gesehen?

Wissen Sie, ich habe sie damals, als sie das erste Mal verschwand, bei einer Autoren-Kollegin wieder gefunden. Hatte sich einfach zu ihrer Gegenmuse, oder wie auch immer sich die Musenfreundinnen untereinander nennen, verdünnisiert. Da palaverte und diskutierte sie.

Das Ergebnis war: der ganz große, literarische Wurf!  

Hat mich wirklich und ehrlich gefreut, der Erfolg für meine Kollegin. Man muss auch gönnen können…
Nur fehlte mir jegliche Inspiration, einen annähernd geistreichen, dem Niveau des Beitrags angemessenen Lobhudelei-Kommentar zu schreiben – meine Muse hockte ja immer noch in der Pampa herum und stieß mit Prosecco und ihrer Pampa-Muse an.

Außerdem war und ist es MEINE Muse!!

Besagte Kollegin hatte es gar nicht bemerkt, dass sich Schneeblondchen in ihrem Hirnkästchen eingenistet hatte, rief aber sofort nach Erhalt meiner ultimativen Aufforderung, meine Muse raus zuschmeißen, nach einem Taxi. 
Wenigstens war die Frau vernünftig. Ist sie immer noch, und nett dazu. Vielleicht wusste sie aber auch, dass eine Muse schwer, zwei Musen jedoch gar nicht zu ertragen sind?
Nach drei Stunden war meine untreue Inspirationsquelle immer noch nicht angekommen. Die Bekannte schwor Ausrufezeichen und Doppelpunkt, dass sie diese höchstpersönlich ins Fahrgastgewerbe-Auto bugsiert hatte. War gar nicht so einfach gewesen, so angeschickert wie Schneeblondchen war. Kichernde, angeheiterte Musen sind eine Strafe, sag’ ich Ihnen. Die wünschen Sie nicht mal ihrem ärgsten Feind an die Tastatur…
 

Meine Bekanntschaft ließ sich noch lang und breit über den wirklich coolen Körperbau des Taxifahrers aus, dessen markante Gesichtszüge. Diese strahlend-blauen Augen, die so anziehend im romantischen Licht der Taxi-Scheinwerfer blitzten…. 

Und da dämmerte es mir!!

Meine Muse war einfach durchgebrannt … mit dem Chauffeur….

Der Taxifahrer hat sie seit jenem Abend nicht noch einmal gesehen. Aber er schreibt jetzt nebenberuflich Artikel und Beiträge für die Vereinszeitschrift des Fuhrgewerbe-Unternehmer-Verbandes.

Hallo Sie da, … bleiben Sie doch bitte mal stehen!

Haben Sie meine Muse gesehen… ?

Nein, kein großes, gelbes Ding.

Das ist…

 
Gewidmet derjenigen, die mir meine Muse vorhin zurückbrachte, unbeschädigt. Schneeblondchen war nur kurz einkaufen...



Sie kennen doch sicherlich noch Schneeblondchen? Ja, genau…meine Muse ! Die mich küsst – wenn sie da ist.  

WENN sie mal da ist!!

Dass Schneeblondchen unzuverlässig, unpünktlich und zickig ist, habe ich Ihnen ja schon einmal erzählt.
Also, ich sag Ihnen: Schneeblondchen nervt in letzter Zeit verdammt viel. Ich ärgere mich schwarz. Ehrlich. So sehr, dass ich schon Pampelmusen-Gelb im Gesicht bin. Was das für meine Schönheit und meinen Marktwert bedeutet muss ich Ihnen ja wohl nicht näher erläutern. Oder sehen SIE gerne wie ein Schwerst-Leberkranker aus? 

Neuerdings hat sie einen Dreh gefunden, meinen Blutdruck auf mindestens 180 Umdrehungen in der Sekunde hoch zu pushen, was eine noch hässlichere Teintfärbung meinerseits zur Folge hat.  Gallengelb und Zornesrot… 

Wie sie das anstellt?

Ganz einfach – sie spricht es aus, das böse, gemeine Wort: „Musentempel“!

Madame Muse war, seit dem Erfolg meiner letzten Geschichte über ihre Aushäusigkeit, der Ansicht, ihr gebühre Verehrung. Pah…Pillepapp!
Sie argumentierte folgendermaßen, mit diesem berühmten, nachsichtig-mitleidigen Lächeln um ihren Mund, das Sie von der Mona Lisa her kennen :

„Ich mache schließlich die ganze Arbeit! Ich liefere Ideen, korrigiere, erledige das Lektorat und die Endabnahme. Das bisschen auf die Tastatur Einhämmern ist ja wohl nicht ernsthaft als anstrengende Tätigkeit anzusehen. Das kriegen sogar Kleinkinder und Vollidioten hin… es geziemt sich also, mir alleine den Lorbeerkranz zu reichen…“

In welche Kategorie sie mich einsortiert, bleibt ungeklärt. Für meinen Teil würde ich eher die „Kleinkind- Abteilung“ bevorzugen. Immer noch besser als idiotisch und das auch noch voll zu sein! 

Aber ich schweife ab.

Wo waren wir…ah, ja…Musentempel… 

Also - Schneeblondchen will verehrt werden. Am besten in einem Tempel. Ihr schwebte da so eine Art griechisch-römischer Stil vor. Das hat nichts mit der Sportart „Ringen“ zu tun, indem es bekanntlicherweise eher um Umwerfen geht als darum, etwas aufzubauen. Nein, meine Muse will einen richtigen Tempel, mit Schrein und allem Drum-und-dran.

Kerzenschein und Weihrauchduft.

Das ganze Programm.

Ich habe mich standhaft gewehrt. So weit kommt es noch, dass ich morgens als Erstes nicht ins Bad, sondern vor den Musen-Hausaltar stolpere…morgens habe ich immer Probleme mit den Sehschlitzen, wissen Sie?! 

Natürlich habe ich versucht, Schneeblondchen diesen ganzen Quatsch auszureden. Mit Engelszungen habe ich geredet - ohne Erfolg.
Meine Argumente (Baukosten viel zu hoch, zu teuer im Unterhalt, wer soll sich um die Erhaltungspflege kümmern, Tempel sind völlig aus der Mode gekommen u.s.w.) wurden mit einem schnippischen: „Du kannst ja wohl mal was für MICH tun!“ abgetan.

Habe ihr einen Ausflug auf eine Schönheitsfarm geschenkt. Einen Tag lang wurde sie mit Kräuterquark bepinselt, mit Bienenwachs enthaart, abgeschabt, durchgeklopft, gewalkt, eingerieben, manikürt und pedikürt. Alles in der Hoffnung, dass ein Tag Verwöhnen auch Schneeblondchens Hirnzellen in der Richtung auf Trab bringt, dass sie die Unsinnigkeit ihrer Tempelanforderung einsieht. 

In allergrößter Not erniedrigte ich mich, mit ihr zu verhandeln. Bot ihr einen Zensor an, der die leidige Rechtschreibprüfung für sie erledigen sollte. Ein ganzes Team innovativer Werbe-und Reklamedichter, bezahlte Überstunden, Musen-Übertarifliche Vergütung… 

Ich wollte alles schriftlich und notariell beglaubigt niederlegen. Z.B. Besuchsregelungen. Schneeblondchen dürfte soviel Besuch anderer Musen aus der Pampa empfangen, wie sie möchte. So lange und so oft, sie will. Auch männliche Gesellschaft. Bewirtungskosten inklusive.
Auf Knien flehte ich sie an: „Keinen Musentempel! In meinem kleinen Schreibzimmer ist doch gar kein Platz dafür. Bitteee…!“  

Doch  meine Muse zuckte nur gelangweilt mit der rechten, sorgfältigst von einer sauteuren Tagesfarm-Kosmetikerin gezupften, Augenbraue und polierte ihre Nägel weiter. 

Jetzt frage ich Sie: „Was sollte ich denn machen? … Entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick? …Danke…Ich muss schnell noch den Weihrauch erneuern, den Sterling-Silberrahmen wienern und neue Blumen auf Schneeblondchens Altar stellen. Sonst schimpft sie gleich wieder mit mir, wenn sie von der Kosmetikerin zurückkommt…!“



Guten Tag!

Sie kennen mich noch?

Gut, dann können Sie sich sicherlich auch noch an Schneeblondchen, meine Muse erinnern! Dieses wunderschöne Geschöpf, welches zur Gattung der Inspirationsorganisatoren gehört und reichlich zickig mit mir, ihrer Obervermieterin umgeht. Ich erinnere da nur an die Sachen mit dem Taxifahrer und dem Musentempel…

Ich habe ihr verziehen, dass sie sich einfach verdünnisiert, wann immer sie will. Auch die täglich von ihr geforderte Verehrung absolviere ich mit mittlerweile mit Gleichmut. Aber jetzt ist das Maß endgültig voll!

Seit Samstag ist Schneeblondchen nämlich nur noch „Lauter kleine Bühnen“-technisch interessiert. Dass ich literarisch auf dem Schlauch stehe, kümmert sie einen feuchten Kehricht. Sie googelt auf Teufel komm’ raus, klickt bei Amazon herum und verschont auch Libri.de nicht mit Leserrezensionen. Wenn sie mal nicht am PC sitzt, rennt sie in der näheren und weiteren Nachbarschaft herum, klingelt und verwickelt die bedauernswerten Anrainer in endlos lange Gespräche über den Inhalt des Opinio-Buches. Meine Verwandtschaft hat sie schon der Reihe nach abtelefoniert, bei jenen Glücklichen, die nicht erreichbar, weil aushäusig waren, wurde der Anrufbeantworter bis zur letzten Aufnahmekapazität ausgereizt.  

Den ganzen Rest-Samstag hielt sie das Taschenbuch mit Grazie an ihre Brust gepresst, ab und zu seufzte sie und liebkoste es mit sanften Küsschen. Natürlich hat diese Art der Fürsorge Folgen: Das Cover sieht mittlerweile etwas mitgenommen aus. Insbesondere die Darstellung des Buches mit dem angehängten „Mausschwänzschen“ ist schon recht undeutlich geworden und hat viel von seiner ursprünglichen Farbbrillianz eingebüßt.

In der Nacht lag es unter ihrem Kopfkissen. Da Schneeblondchen immer sehr unruhig schläft, war die eine Stunde weniger an Nachtruhe durch die Uhrumstellung garantiert wenigstens für eine Verminderung der Buch- wenn schon nicht Umweltschäden gut.  

All das ginge ja noch. Was mich wirklich dabei ärgert ist, dass meine Muse alles so darstellt, als hätte sie alleine für die Qualität des Produktes gesorgt. Zumindestens was meinen bescheidenen Beitrag angeht. Sie behauptet, dass mein Artikel nie im Leben für gut genug befunden worden wäre, hätte sie nicht die ganze Arbeit gemacht. Pah! 

Sie ignoriert völlig, dass die meiste Arbeit weder durch sie noch durch mich erledigt wurde! Rita und ihr Team waren es! Monatelang sich mit Autoren-Neurosen, meckernden Partner (die endlich wieder Tisch und Bett mit den Organisatoren teilen wollten, ohne dass sich eine wichtige Opinio-Buch-Sitzung oder ähnliches dazwischen drängte), halbverwaisten Nachkommen (in zerrissenen, ungebügelten Kleidern, aber MacDöddel-gemästet, weil die Mitglieder des Teams einfach nicht zum Kochen kamen)  und Pessimisten: „Das wird nix. Nie nich’!“) herumschlagen – DAS ist Arbeit! 

Ich habe jetzt die Faxen dicke! Vorhin bin ich in das Zimmer mit dem Musentempel geschlichen. Habe Schneeblondchens Bild mit dem Heiligenschein – jaaaa, sie bestand darauf! – entfernt und stattdessen Ritas Autorenporträtfoto aufgestellt! 

Wenn meine Muse wiederkommt von ihrem Selbstbeweihräucherungsfeldzug durch die Duisburger Innenstadt (sie hat ihre anderen Musenkolleginnen und Kollegen zur Errichtung eines Werbestandes überredet und plant in den nächsten Tagen eine Gruppen-Reise zur Leipziger Buchmesse) werde ich ihr die Kündigung überreichen, jawoll!
Ich bin mir sicher, es gibt pflegeleichtere Exemplare auf dem Markt…notfalls lege ich eine Pampel-Muse vor den Monitor meines Pc’s oder leihe mir die Thalias, Melpomenes, Angiesisters oder Kalliopes meiner Mitautoren aus…
 

Ich werde sie an den Meistbietenden bei Ebay verschleudern!

Oder haben Sie vielleicht Interesse???




Wenn ich in der Dusche steh’

Und mich in den Fliesen seh’

Denk ich an die alten Zeiten

Denen folgten Fett und Pleiten

Damals war ich rank und schön

Davon ist nun nix zu sehn

Rettungsring und Doppelkinn

Dicker Hintern, eingewachsner Ehering

Auch das Haar wird langsam licht

Dafür gibt es Falten im Gesicht

Cremes und Salben helfen nicht

 
Denn es bringt das Tageslicht

Leider allzu deutlich auf’s Tablee

Meine Schönheit ist passe

Nur in der dunklen Nacht

Richt’ ich die Haarpracht

Setz auf das neueste Toupet

Und räkel’ mich auf’ m Kanapee

Lasziv und lächelnd lockend

Den Angetrauten schockend

Versuche ich noch was zu retten

Ihn hin zulotsen in die Betten

 

Andrerseits, das ist zu sagen

Quälen ihn auch manche Plagen

Der Bauch, der ehmals flache, wächst

Bei ihm das Kniegelenke ächzt

Und auch die Beine sind nicht toll

Mit Besenreißern sind sie voll

Da lob’ ich mir Orangenhaut

Mit Vitaminen aufgestaut

An meine Krähenfüße lass ich dann und wann

‚Nen ausgefuchsten Kameramann

Der retuschiert und macht mich schön

Kriegt dann dafür ein Dankeschön

 

Ich lebe gern in meiner Haut

das Spiel hab ich schon lang durchschaut

Wer immer nur auf’s Äußre schaut

Hat nie in Seelen reingeschaut

Denn meine und auch seine Seele sind

Mit viel Verlaub gesagt, gelind

Viel schöner als ein Mannequin

Wir sind einander ein Gewinn

Wir haben manchen Sturm bestanden

Sind aus Ruinen auferstanden

 

Mit Schönheit nur war das nicht machbar

Denn „Beauty“ ist nicht sehr belastbar

Ich mag mich so, wie jetzt bin

Brauch keine Apothekerin

Und er, er braucht sich nicht verbiegen

Nicht jedes Grämmlein abzuwiegen

Wir werden zusammen in Ehren alt

So ist nun mal der Sachverhalt

Denn Liebe nur macht ganz allein

Aus Enten schöne Schwänelein…


                                                        Fies-Grau-Faxen

Hörren Se ma, also...ich hab ja sowat vonne dicke Krawatte...dat tun Se nich glauben!

Nich, weil ich erkältet wär - , ich hab die Fies-Grau-Faxen! Bei sowat tut nur jede Menge Klaren un Hühnerschnaps un in ganz hoffnungslose Fälle ein bissken 4711 helfen. Auch wennet aus Köln kommt, dat beruhigt! Vielleicht ham dat die Leute anne U-Bahn da ja auch geschnüffelt... Bei uns fährt se jedenfalls noch, die Dui-U-Bahn. Hört sich ein bissken wie Dubai an, wat? Dabei hammer hier in Duisburch garantiert keine goldene Wasserhähne inne Hotellerien. Un auch kein Palmenstrand, aber macht nix. Die Wedau is ja groß genuch, da kannste dich deine Aufblaspalme mitnehmen. Nur mitte Schulden, da können wir mithalten.

Wo war ich...Ach ja...also...Ers ma isset draussen immer noch nich am frühlingen. Also is auch nix mittem Sprossen vonne Hormone bei Mensch un Tier. Obbet bei Blümkens auch sowat gibt , weiß ich nich genau, aber is auch egal. Da kommt nix. Kannste lauern wie du wills.

Apropos Hormone: nich datt Se meinen ich hätt keine mehr. Ich halt dat Ganze nur unter Kontrolle. Die einzige, die sich nich vonnem Wetter vonne Sexualität ablenken lassen tut, is meine Katze. Ich sach Ihnen, wenn ich immer so janken tät, weil mich mein Herbert nich beachten tut, weiller mittem Winterputz bei seine Eisenbahnfreunde beschäftigt is - also, die Nachbarn würden die Polente holen! Aber dat wollt ich gar nich erzählen...ich war ja bei die Fies-Grau-Faxen. Wat Grau is, wissen Se, dat weiß ich!

Trotzdem sach ich Ihnen ma wat Tiefschürfenderes da drüber. Besser is besser.
Dat gibt ja verschiedene Arten vonnem Grau.

Ersma gibbet da dat Arztgrau. Kennen Se doch, da fühlen Se sich ein bissken krank un gehn zum Doktor. Weil, der soll Ihnen wat verschreiben gegen dat Kranksein un außerdem isset da immer so, dattse garantiert die olle Schiebowsky treffen innem Wartezimmer. Die is besser als wenn Se den Lokalteil vonne verfügbare Tageszeitungen durchackern. Un wer gestorben is, dat weiß die schon, bevor die Angehörigen dat wissen! Un watt kriegste, außer dat dein Portemonaie um 10 Euro leichter is? Grauen Fussboden, graue Schränke un meist auch graue Wände. Wobei die eher son inne Jahre gekommenes Weiß tragen. Nich zu reden vonne ganze graugelockte Pudelfrisur-Patientinnen. Wenn Se ganz viel Pech haben, dann is ihr Doktor auch nah anne Golf-Vollzeit-Beschäftigungsgrenze un hat nix mehr vonnem Adonis, sondern is auch grau anne Haare un innem Gesicht. Wenner denn noch Haare hat. Also, der Herbert, der is ja obenrum ganz kahl...

Schönet Grau gibbet auch, ehrlich! Wenne zum Bleistift dein Auto inne Waschstrasse hattest, dann is dat danach wieder schön grau. Natürlich nur, wenne sowieso nen graues hattest.Wennet rot oder grün war vorher, dann is dat eher nen Fall für die Versicherung. Un dann isset auch kein schönes Grau!
Aber wennet morgens hell wird un der nebel über die Felder kriechen tut - dat is SCHÖN Grau. Steckt ja schon innem Wort drin: Morgen-GRAU-en.

Oder son silbrigen Teekessel. Der is auch schön-grau. Im Gegensatz zu dein Spiegelbild, wenne zu spät inne Kiste gegangen bist. Die grauen Innenteile vonne Spülmaschine sehen auch schön aus. Auch wenn se aussem gleichen Plastik sind wie die vonne anderen Hersteller. Nur dat die weiß sind. Billich weiß, wenn Se wissen, wat ich mein. Die grauen Teile sehen irgendwie mehr nach wat Haltbarem aus. Dat heißt also: manche vonne Spülmaschinen haben nen schönes Innenplastik-Grau un andere nich.

Dann gibbet noch dat Fies-Grau. Is klar, oder? Fies un Grau in einem. Wenne morgens verpennst, die Kaffeemaschine nen Leck hat, der Kühlschrank leer is - un dann unten im Keller noch nen Rohrbruch is - dat is ein fiesgrauen Morgen! Dat Leben sieht dann ein bissken aus wie Mäuse. Die hasse auffem Balkon un deshalb weißte, wie grau die sind. Wenne dann noch vonne Tante enterbt wirst ...dann tut dich dat GRAU-en, aber sowat von!

So...Grau wär abgehandelt, dat Fiese auch...bleiben noch die Faxen. Dat is...wie soll ich dat erklären...wenne Grimassen schneiden tus, als wenne nich mehr die komplette Kollektion vonne Sammeltassen von Tant Tine beinander hättest...watte ja noch hast, du tust ja nur so...- also dann machste Faxen. Oder wenne sonne Kriminalitäten machst. Autoklauen un so. Dann sacht deine Mutter zu dich: „Jung, wat machse nur für Faxen?", weil dat ja nich gerade erhebend für sonne Mutter is, wenn dat Kind innen Bau muss un se noch mehr grauen Haare kriegen tut.

Tuste son Schreiben mittem Faxgerät irgendwo hinschicken, dann is dat nich Faxen machen, sondern nur faxen. Auch wenn die Geräte dafür meistens grau sind.

Wat dat alles mit mein dicken Hals zu tun hatt? Na, mein Herbert hat heut morgen innem Badezimmer zu mir gesacht, dat ich ihm zu grau wär. Er hätt die Faxen dicke un datter zu die Cordula ziehen würd, die aussem Eisenbahn-Club.
Also, wenn dat nich FIES von dem is un ich mich nu so richtig GRAU fühlen tu jezz, wenn der sonne FAXEN macht ... dann weiß ich dat auch nich...



                                      Der Celenteng-Schmetterer 

                              Den kennen Sie noch nicht? Na, dann...


Jetzz sagen se nich, Sie hätten noch nie wat vonne Dolomiten-Röhre gehört! Zumindest wenn Se innem Rhein-Ruhrland wohnen - oder noch besser sogar hier geboren sind- dann kennen Se den: Konrad Beikircher.

Wobei dat ja eigentlich nen Ausländischen is. Aber hier anne Ruhr un innem »richtigen« Rheinland, da sind wir tolerant un ausländische Menschen sind immer willkommen. Ausser, die tun sich nich benehmen, da sind wir knallhart. Wat bei dem Beikirchner aber nu wirklich nich der Fall is. Im Gegenteil: der is fast noch rheinischer als son Durchschnitts-Bucht-Bewohner. Ich mein natürlich die Kölner Bucht, un die Gegend drumherum. Die Leutkens da meinen ja, sie wären die einzig richtigen Rheinländer un alles, wat ein bissken nördlicher liegt, wären eben nur »Pseudo-Rinnländers«. Da tun die sich aber fürchterlich irren. Zumindest in Duisburg bisse wie son ethnologischen Pfanniknödel: halb un halb, aber richtich lecker. Un der Rest, Richtung Holland den Rhein runter, is ja nu wohl Rheinland vonnem Feinsten. Ohne dat ganze Gedöns ummen Dom, versenkte U-Bahnen un so.

Worum dat eigentlich geht, dazu komm ich nu. Also...
Den Beikircher tun Se bestimmt aussem Fernsehen oder sonst woher kennen. Dat is nen Südtiroler, der Italiener is, obwohl der Deutsch spricht. Datter kein echten Italiener is, siehste ja schon am Namen. Ich hab jedenfalls noch nie nich nen Ristorantebesitzer oder nen Pizzabäcker getroffen, der Konrad heisst. Vonnem Beikircher (wahrscheinlich haben dem seine Vorfahren bei die Kirche gewohnt? Wer weiß dat schon...) ma ganz zu schweigen. Datt mitte Staatsbürgerei hat wat mittem Krieg zu tun. Italienisch kanner auch. Klar.

Un weil der ausse dolomitische Berge sich aus irgendwelche Gründe hat nach Bad Godesberg verschlagen lassen (wat hat den da nur geritten, dat arm Dier), also – seitdem is der vonne Denke un vonne Mundart rheinischer als so manchen Eingeborenen da. Wenn Se wirklich ma wissen wollen, warum Kölner, Bonner un ein bissken auch Duisburger so ticken, wie se nu ma ticken, dann gehen Se inne Vorstellung von dem! Da fühlste dich ein bissken, als wär der olle Hüsch hinterm Vorhang, so mittem vonnem Höcksken auffet Stöcksken kommen, ganz viel vonne rheinländische Spitzfindigkeit, un dat alles gewürzt mit ne Prise italienisch-(ehemals-deutsch)-südtiroler Lebens-un Fabulierlust. Aber wat erzähl ich Ihnen, dat wissen Se ja...

Wat Se aber vielleicht nich wissen, dat is, dat der Mann auch singen kann. Ich mein jezz nich so Arien oder so. Nee, der singt Lieder vonnem Celentano, natürlich auf italienisch. Hach, ich könnt denen stundenlang zuhören, also dem Celentano un dem Beikircher. Wat nich heisst, dat der Adriano mit dem gesungen hat. Aber is auch egal. Auf jeden Fall isset so, datt der Beikircher den nich nachmacht. Wär ja blöd, un dat isser nich! Der hat nen Psychologie-Studium gemacht - sogar mittem Abschluss! Wat erklärt, warum der weiß, wie dat hier so läuft. Der erklärt dich die rheinische Seele so, datte dich wiedererkennen tus. Richtich gearbeitet hatter auch in sein Beruf un is innen Knast gegangen. Nee, nich wat Sie denken, dat war ja kein Bänker. Wobei die ja auch nur inne seltenste Fälle ma...

Wo war ich? Bei die Singerei. Ich sach Ihnen, wenner „Una festa sui prati“ schmettern tut oder „Azzurro“, dann tut Ihnen dat Herz aufgehen! Dann sehen Se sich anne Adria rumliegen un inne Sonne blinzeln. Dat macht einfach Spass inne Backen!
Aber der Beikircher tut auch anderes singen. Liebeslieder. Auf italienisch natürlich. Wenn der Jaques Brel nich nen Franzose gewesen wär, ich sach Euch, der hätte seine helle Freude an die Lieder gehabt. Un der Becaud hätt sich verbeugt. "Amore e passione", allein diesen Titel verspricht doch wohl schon alles, oder?

Oder rheinische Lieder. Die singt der auf Deutsch. Obwohl...“Warum isset am Rhein so schön“ auf Italienisch...wär ma ganz interessant, oder? Dann hätten die Italiener auch ma wat zu lachen un müssten nich immer ihren Präsidenten dafür nehmen. Vielleicht wär dat ganz gut, wenner sich annen CD-Titel halten würd: "...und singt ein Lied dabei"

Gedichte vonnem Wiener Literaten H. C. Artmann
hatter auch vertont. Da isser drauf gekommen, weiller in Wien hat studieren wollen, aber nach eigene Aussagen hat dat nich geklappt, den Wein, die Kaffeehäuser un wat dat da sonst noch so gibt, mittem Vorlesungsplan übernander zu bringen. War aber nich schlimm, is ja auch so wat Gutes aus dem geworden. Ich mein ohne österreichischen Studiumstitel. Vielleicht waret ja sogar besser so...

Überhaupt is der Beikircher nen richtich freundlichen Mann. Mit noch jede Menge Interessen. Klassische Musik hat dat dem auch angetan, Bücher tut der schreiben. Un natürlich auffe kabarettistische Bühne stehen un den zehnten Teil vonne „Rheinische Triologie“ darbieten.

Wie gesacht, dat is nen Netten. Der hat nich nur die italienischen Texte auffe CD innen drin, sondern auch in Deutsch. Da kannste nämlich ma merken, dat der Celentano eigentlich nur Liebeslieder geträllert hat. Un wann hasse dat schon ma, datten Künstler in seine Pause vonnem Programm sich Zeit für sein Publikum nimmt? Die meisten tun doch lieber wat verschnabulieren un legen signierte CD‘s innet Foyer. Aber dat haben die dem in Südtirol, als der mit seine Band inne Flegeljahre da rumgerockt hat, nich beigebracht. Dat war auch gut so! Weil der Beikircher sonne knarzige Sing-Stimme hatte nachem Bruch von dieselbige, un weiller gerne den Celentano gesungen hat, da haben se den eben immer Celenteng-Schmetterer genannt. Oder Dolomiten-Röhre zu dem gesacht.

So, jetzz wisster Bescheid!

Am besten isset, Se kucken ma auf dem seine Webseite www.beikircher.de. Da können Se sehn, wannet den ma in echt zu Sehen un zu Hören gibtt. Oder wo man die CD‘s her kriegt.

Also, dat CaroÄnne is immer noch hin un wech. Seit Dienstach (da warer direktemang neben dem MSV-Stammplatz in Meiderich) schmettern die Lautsprecher schon fast von alleine: „Una festa sui prati...“!

CiaoTschökens!  
 



 



Dann schauen sie doch mal auf der Internetseite der Rheinischen Post vorbei, klicken dort in der Titelleiste auf Opinio oder gehen direkt auf die Opinio-Seite:

www.rp-online/opinio.de

Dort geben Sie unter Autorensuche Caroline Daniel ein



RA Kirsten Wilczek ("Käthe"):        www.kanzlei-wilczek.de/koop.html

Lutherratten (Kabarett) : www.lutherratten.com

Nagelritz (Vertonte Ringelnatzgedichte) : www.Nagelritz.de

DaCapo (Wuppertal) : www.dacapo-wuppertal.de

Radio Swiss Jazz : www.radioswissjazz.ch

Aramiese (Forum für Schreib- und Leselustige) : www.aramiese.de

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