„Hömma, Käthe…ich sach dich, für uns tun goldene Zeiten anbrechen! Aber sowat von…!“ Änne stapelte zehn 10-Cent-Münzen aufeinander.
„Wie kommste denn da drauf? Deine 10-Pfennig-Stückskes sind doch silbern.“ murmelte ihre Schwägerin Käthe, blickte kurz hoch von der Lektüre des neuesten VHS-Programmheftes und versenkte dann wieder den grauen Pudelfrisurkopf hinter dem Seminarbuch.
„Na, wenn diesen ehemaligen Sklaven am Dienstach bei die Amis annet Ruder kommt, dann tut der doch nich nur seine Untergebenen mitte Peitsche auffen richtigen Weg bringen, auch diese Banker kriegen dann Feuer untern Hintern gemacht.“
„Aber wir sind doch keine Amis! Un ob der wirklich gewählt wird, dat tut auch noch inne Sterne stehen. Kann sein, datt dem Bush noch auffe letzte Tage der heilige Geist innet Hirn fährt. So, datter für sein Möchtegern-Nachfolger, diesen Pommesfabrikanten, noch schnell ein paar von die Reformationen einführt, die den Baracken-Obama jetzt versprechen tut. Un dann hat der Schwatte nix mehr, wo mitter punkten kann bei dat normale Volk.“ Käthe legte ihr Buch zur Seite und die Füße auf den kleinen Schaukelhocker aus dem Nachlass von Tante Tine.
„Meinste, bei die Amis gibbet Normale? Mich tun die alle ein bissken daneben vorkommen, ehrlich! Allein mit diese Waffenrummacherei, un dann dat Gläubige…aber immer noch die Todesstrafe mit Begeisterung durchziehen.“
„Wat hat dat jezz mit goldene Zeiten un deine Stapeleien zu tun, Änneken?“
„Na, uns olle Rentners tun die vonne Angie-Regierung doch wegen die Bankenkrise ein paar Märkskes mehr genehmigen. Nich soviel wie diese Vorstandsmitglieder vonne Deutsche Bahn un die inne finanzpolitische Antarktis geschickte Versagens-Banker wie den Mann, der sich am besten vom Acker machen sollt…aber Kleinvieh macht auch Mist, sach ich immer. Die wollen doch, dat wir unsere Spargroschen diese Leute weiter für Spekulatius zur Verfügung stellen tun, damit die Kredite annen Heinz Michelski geben können un so. Deswegen kann dat mitte Bankenkrise nur gut für uns sein, je schlechter dat den Banken geht, umso mehr tun die aus Berlin uns zuschustern!“ Unverdrossen stapelte Änne mittlerweile 50-Cent-Stücke auf dem Küchentisch.
„Heinz Michelski? Meinste etwa den Gas-Wasser-Scheiße-Kerl vonne Trautweinstrasse? Hat der nich den Enkel vonne Schmidtböller bei sich inne Lehre? Der hat doch den Hauptschulabschluss nur knapp geschafft un tut immer mitte Punks innem Kant-Park rumhängen. Nee, den lass ich nie nich ein von unsere Rohre bei mich verlegen! Da weiß man ja nich, wat man sich da innet Haus un womöglich noch Krankheiten annen Balg holen tut. Un wieso hat der Michalski Kredite nötig, geht dat dem mitte Firma so schlecht? Ich hab immer gedacht, diese Tranche geht dat gut – weil auffet Klo müssen die Leute doch immer. Wennet da nich läuft, läuft nix mehr…“
„Eben! Un damit wir Rentner uns auch ne unverstopfte Kloleitung leisten können, deswegen tun die uns die Rente ein bissken erhöhen. Bis dat wir aber unsere Toilettenleitungsgebühren bezahlen können am Anfang vonnem Monat – wenn dat Klo zum Bleistift am 15. verstopft ist, kannste ja nich bis 1. einhalten - also da muss der Michalski ja seine Rohre für dein Klo einkaufen. Un den Enkel vonne Schmidtböller musser auch Geld geben. Dafür braucht der Kredite vonne Bank. Un die braucht auch Kredite von andrere Banken, weil se ja dem Michalski schon wat geliehen haben, un nu der Fritz Polanski auffe Matte steht un auch wat haben will für seine Autowerkstatt. Bis der Michalski von uns sein Geld kriecht.“
„Aber wat hat der Obama…?“
„Na, der tut doch lernen von unsere Angela un dem Steinmeier un dem Steinbrück, wie man mit diese Banker umspringen tut: Zuckerbrot un Peitsche! Deswegen un weiller Krankenversicherung un Steuern senken will. Genau wie die bei uns. Nur dattet nich alles so richtig klappen tut. Hier nich un bei die Amis auch nich. Aber is ja auch schwierich für diesen Sanddorn oder wie der heißt, wenn schon die Bahn dauernd Verspätungen hat, da kannet mitte Ankunft anne Börse ja erst ma ein bisken später werden…dabei haben die doch nur mit Achsenbrüche zu tun un nich ein ganzen Staat am Hals, indem dat drunter un drüber geht. Is dich dat überhaupt schon mal aufgefallen? Den Steinmeier und den Steinbrück haben ein felsenfesten Willen, wie deren Name schon sacht. Ich glaub, die beiden tun dat Angie ablösen. Wat willste als Frau schon gegen zwei sonne Betonköpfe entgegensetzen? Un mitte Autoindustrie kennen die sich auch besser aus, sind ja Kerls.“
„Änneken…wat hat diesen Obama mit deine Spargroschen zu tun, die du am zählen bis?“
„Dat is dat Geld, wat ich in amerikanische Staatsanleihen investieren tu, wenn die den Schwatten gewählt haben! Wat glaubste, wie deren Wert abgeht, dagegen ist die VW-Aktie ein Witz! Un dann…dann tun wir beide nach New York fliegen un den Frank Sinatra besuchen…“
„Der is tot, Änne!“
„Nee, wirklich? Auch egal, dann gehen wir eben bei Tach un Nacht zu dem auffen Friedhof. Da tun wir dann Mr. Blue-Eye vonnem Kassettenrekorder seine Lieder vorspielen…“
„Änne! Da kommste mit deine Groschen doch nich hin…dat is viel teurer!“
„Na, dann tu ich eben ne Schieselowsky-Kowalski-Privatbank gründen un meld mich an bei die Angie für dat Hilfspaket! Bis dat die beschlossen haben, dattse den Bankern mehr auffe Fingers gucken tun, haben wir schon lange den Fränkie-Boy besucht un Inkompetenz oder Inkontinenz oder wie heißt dat? …angemeldet. So…un nu haste mich ganz raus gebracht aus meine Zählerei…guck du lieber ma, ob dat in dein VHS-Buch nich nen Kurs gibt, wo die dich sagen, wie man ne Private Bank gründen tut. Aber nich ne Gartenbank, damit dat klar is, ja?“
Seufzend vertiefte sich Käthe wieder zwischen den Seiten des Volkshochschul-Verzeichnisses. Änne kam immer auf Ideen…
„Käääääätheeee…komma schnell!“ Änne’s Stimme ließ die echt alten Sammeltassen im Schrank des gemeinsamen Schwägerinnen-Wohnzimmers klirren. „Dat musse dich angucken tun!“
Käthe Schieselowsky hastete halbbekleidet aus dem Badezimmer herbei. „Isset dich nich gut? Soll ich den Doktor rufen?“
„Nee, mit mich is alles in Ordnung! Aber guck ma hier, inne Zeitung! Da steht wat über die SPD und dat die zwar immer weniger werden, diese Kommunistenableger, dafür aber immer älter! Siehste ja auch annem Steinbrück un seinem Fast-Namens-Kollegen, diesem Außenminister. Der eine wird immer kahler un der andere immer weißer. Dat wär doch dann die richtige Partei für uns. Un die machen doch auch immer so schöne Kaffeekränzchenveranstaltungen. Wat meinste?“
„Dafür tuste mich aus meine schwarze Badewannenträume vonnem vermutlich neuen US-Präsidenten holen, Änneken? Ich hat doch gerade angefangen, mit meine neue Obama-Massagebürste die Zellulitis-Zonen anne Hammelbeine zu kriegen. Hab ich innem Internet direkt aus Amerika bestellt, in elfenbeinschwarz. Der Erlös geht direkt inne Wahlkampfkasse von dem. Schließlich muss man als ollen Europäer sowat unterstützen, wennse inne USA nich mehr olle Pommes vertilgen sollen, sondern dem Klu-Klux-Clanauffe Schlice kommen. Seitdem diesen Baracke hier in Deutschland war, un so schnuckelich bei seine Rede ausgesehen hat, da bin ich hin un wech…der hat doch extra mit sonne Reporter-Tante vonne Bild innem Fitnessstudio seine Muskeln gestählt. Beim Friseur war der bestimmt auch, wegen ne neue Afro-Welle. Alles nur um unser Angela zu beeindrucken. Wat interessiert mich da die olle Tante SPD, wennse nur aus tattrige Greise bestehen tut? Ich will wat Knackiges! Wat Junges! Alt sind wir doch selber…“
„Hasse auch wieder Recht. Guck ma….ich hatt ja nur die Überschrift un den ersten Absatz gelesen…hömma…diesen milchbubigen Pofalla mittem Poposcheitel sacht doch tatsächlich, datt der Schwund vonne Mitglieder wegen dat natürliche Wegsterben kommt…“
„Sach ma, gibbet denn inne Partei von denen auch ein unnatürliches Wegsterben?“
„Keine Ahnung. Wahrscheinlich fahren diese SPD-Köppe alle mittem Rollstuhl auffe Autobahn, weilse die Heizdecken vonnem Vertreter Beck haben wollen. Aber die CDU hat ja auch nix zu bieten…ich mein für dat Auge. Früher hatten die ja wenigstens noch so gestandene Kerle wie diesen SesamstrassenBertverschnitt. Diesen Waigel.“ grübelte Änne versonnen.
„Nee, Änne, wer so wat sacht wie diesen Nasennebenhöhlenkranken Jungspund Pofalla, mit dem will ich nix zu tun haben. Dat is einfach seniorenverachtend un nich mit meine Menschenwürde zu vereinbaren! Dann lieber mittem Gaddafi lybischen Grüntee schlürfen. Der hat wenigstens ein bissken Öl auffe hohe Kante, auch wenner nich gerade hübsch aussieht. Aber der hat ja meistens son komisches Burnus-Kleid an. Dat zieh ich dem dann übern Kopp un tu mich statt seine Visage dessen Kronjuwelen begucken.“
„Dann darfste aber nich Schweizerin sein. Dann isset nix mit ÖL. Bisse vielleicht heimlich sonne Eidgenössin? Ich mein, der Willi war ja immer viel auf Jück inne Welt…könnt ja sein, dattse dem wegen die ganzen Konten die Ehrenbürgerschaft angetragen haben. Un dann wärs du als Witwe ja auch…ich mein, die sind ja nich gerade ungefährlich in diese südlichen Länder.“
„Nix da. Mein Willi war ein ehrlichen Schlawiner! Der hat ni nix vertuscht! War ja auch nich inne Müll-un Atomkraftbranche…wo dat ja inne Müllbransche eigentlich Sinn vonne Sache is, datte alte Akten verbrennen un auch sonst alles auffe Müllkippe begraben tus. Da isset inne sarkozyschen Pyrenäens viel gefährlicher! Da kannet dir als Deutschen passieren, dat du ein Österreicher erschlägst un den dann mitt nem spanischen Auto, wat nen japanisch-amerikanischen Motor un ne hinterindische Vorderachse hat, überfahren tus.“ protestierte Käthe energisch.
„Dat is doch demokratisch, wenne so multikulturell morden tus. Da kommt keiner zu kurz. Nich die Inder, die Eu un erst Recht nich die Japse. Aber wenne nach unsere Jugend gehst, dann sind wir innem wiedervereinigten Großdeutschland sowieso die Weltmeister vonne statistisch belegte Geschichtsunwissenheit. Wenn fast die Hälfte vonne ostdeutschen Schüler un 66 Prozent vonne Wessis meinen, dattse sich inne DDR damals nich inne Diktatur aufgehalten haben, sondern sich nur anpassen tun mussten um anne Bananen un nen Trabi zu kommen – tja, da tuste auch nich den Unterschied zwischen Diktatur un Demokratie kennen. Un deshalb kommste dann auch auf die Idee, multikulturell mitte Autos die Leute ausse Nachbarländer umme Ecke zu bringen.“
„Dann is also diesen Karadzic eigentlich so ein echten Demokrat? Immerhin is der ja Massenmörder, is durch ganz Europa getingelt un hat dann auch noch mit sein langen Bart un dem Yuppie-Schwänzken annem Hinterkopp versucht, die Geburtenraten hochzutreiben.“
„Wat hat der?“
„Na, der hat doch als Wunderheiler mit seine blutigen Hände bei die Männers Erektionsstörungen behandelt. Ob der dat durch Handauflegen…?“
„Änne!“
„Is eigentlich schade, dattse den jetzt einkassiert haben! Vielleicht hätt der ja ne Lösung für dat Nierensteinproblem!“
„Hömma, jetzt bisse aber völlig neben die Spur, wat? Seit wann hast du Nierensteine? Die paar Klunkers aussem Kaugummiautomaten oder vonne Beecker Kirmes in deine Schatulle…“
„Die waren mit Herz vonnem Karl an mich geschenkt! Wat ich mein mitte Nierensteine is folgendes: diesen Dr. Massenmord könnt doch ma anne Polkappen reisen – von mich aus unter strengste Bewachung- un dann da mal ein bissken Wunder tun. Weil diese globale Erwärmung nämlich zum Wasserentzuch bei die Menschen führt un dadurch die Nierensteine…Nur wenner mitte Lufthansa dahin gebracht werden würde, dann gäbet wahrscheinlich Schwierigkeiten wegen dem Streik inne nächste Woche. Sach ma…kriegen diese Leute vonne UN-Bewachungstruppe eigentlich auch Pendlerpauschale?“
„Nee, Änne!“ sagte Käthe kopfschüttelnd. „Wat du da für Ideen hast…ich fliech da lieber ma wieder inne Wanne zurück un überlech genüßlich, wie so ein neuen deutschen Obama aussehen könnt. Ich sach dich nur eins: die tun sich alle nix, obse links, rechts, mittich, schwarz, weiß oder quittegelb sind, diese Politiker! Un du…du tust dich am besten ma wat hinlegen…“
Also…nachdem sich dat Käthe un die Änne beim Friseur haben zoffen tun, weil die Käthe mal widder nich die vollen Batterien innet Hörgerät hatt reingetan un se deshalb nix richtig verstanden hatt, also ….seitdem is Funkstille bei die beiden gewesen. Die sin sich richtich aussem Weg gegangen. Jezz is aber dat Änneken mit ihre Beine beim Arzt am sitzen tun, da geht die Tür vonne Praxis auf un de Käthe kommt rein. Frisch vonnem anderen Friseur die Pudelmatte auf Vordermann gebracht, nen schickes Kostümchen an und dat klappernde Gebiss mit Haftcreme inne Mundhöhle festgetackert…
"Nee, dat is abber fein, datte dich hier sehen lassen tus, Käthe!"
"Pff…kenn ich Dich?"
"Ich binnet, Änne! Bisse hier, weil du nich mehr präsent innem Kopp bis oder wat?"
"Fängste schon wieder an? Sach nich noch mal Mopp zu mich! Dat sach ich die Chantal vonnem Friseursalong wieder!"
"Komm, setz dich bei mich bei und les mit mich die Zeitungen vonnem Lesezirkel. Dat kann nämlich noch ein bissken dauern mittem Doktor…der hat sein Porsche inne Werkstatt bringen müssen, weil dem die alte Schabulsky mittem Rollstuhl hinten drauf gefahren is. Die hat sich doch son elektrisches Teil vonne Knappschaft besorcht und beim Fahrtraining…da isset dann passiert. Die hat nämlich, gerade als der Doktor zu seinem Hausbesuch bei ihr kommen tat, auffem Bürgersteich geübt."
"Wat geht mich die olle Schabulsky an? Gib mich ma sonne Zeitung…"
"Hasse schon dat mittem Müntefering gehört? Dem sägen die inne SPD ja ganz schön anne Stuhlbeine!"
"Wat hatt denn nen Hering mit Stühle annem Kopp? Nee, Änne, manchmal versteh ich dich nich…"
"Dat kannste laut sagen!"
"Häää…?"
"Hasse wieder die Batterien nich drin innem Hörgerät? Für die is dat nämlich bestimmterdings fast zu spät."
"Wie zu spät? Für die Heringe?"
"Bei die nächste Wahl werden die Sozis untergehn, dat sach ich dich!"
"Wat hasse denn mit dem Lafontaine?"
"Du hörst ja doch, wat ich sach! Na, dat is doch der saarländische Honecker, un der is doch der, der jetzt dat Erbe vonne alte SED verwaltet. Der is innem Momang noch linker wie der SPD ihr Schreiner vonnem Arbeitnehmerflügel."
"Da hasse ausnahmsweise ma Recht mit: wenn einer, dann verdient der die Prügel. Einfach vonne Fahne zu gehen, also nää…und sich mit de alte Ostkommunisten gemein machen! Also, wat der sich einbildet, dieser Besserwisser…"
"Der meint, er wüsst, wo er demnächst bei die Wahlen die Stimmen abschleppen kann – nämlich links vonne Mitte."
"Wat verspricht der die Brigitte?"
"Ne BUTTERSCHNITTE! Boh, bisse heut abber wieder doof auffe Ohren!"
"Wat hasse denn jetzt aufeinmal mitte Butterschnittchen?"
"Ich red vonne SPD und vonnem Lafontaine, Käthe! Dat is hohe Politik! Pass auf: die suchen doch alle die Mitte."
"Wat meinste denn mit Mitte, bitte?"
"Ja, isset denn! Dat is ein Standpunkt rechts von links. Also rechts weniger links gleich Mitte. Wat natürlich voraussetzen tut, dat rechts und links gleich hoch bzw. lang sind. Die Mitte findste, wenne rechts wie links durch zwei teilst und dat Ergebnis zusammenzählen tus? Oder du tus die Schnittmenge von rechts und links bilden. Dann kommse auffet Gleiche raus."
"Warum sind die da drauf aus?"
"Die müssen wissen, wo de Mitte is, weil et links davon noch mehr Wähler geben tun muss. Und auf die hattet der Lafontaine abgesehen. Wat wiederum den Münte aussem Sauerland ganz sauer macht. Links war früher eben nur die SPD, jezz gibbet noch linkere links davon. Dem Beck tut dat auch nich gut. Der bläst sich nachher noch so auf, bisser platzen tut, weil der Lafontaine andauernd wat verspricht, wat er selbst nich zahlen muss, z.B. dat ALG 1 auf dat Niwo von dem Bahnchef Mehdorn sein Jahresgehalt anzuheben."
"Überleben is immer gut…kuck ma, hier steht wat über diesen Marco. Dem wollnse angeblich alle nich helfen…erst recht nich diese Richters inne Türkei. Muss man ma abwarten, wat wird. Kannste ja de Türkei nich den Kriech für erklären, damit se ihn wieder rausrücken tun. Die sin ja auch inne Nato. Hasse als Deutschland dann wieder alle anne Bux. Ich sach dich, dat wird immer alles nur noch schlimmer. In wat für ner Welt leben wir eigentlich?"
"Stimmt! Jezz sollen de Kinders ja auch noch zu Spitzel werden, umme illegale Alkoholschieber auffliegen zu lassen, die dat Zeuch anne Minderjährigen vertickern tun."
"Änne, hasse heute dein kulinarischen Tach? Wat haben denn die türkischen Gefängnisköche mit Wiener Schnitzel annem Hut?"
"Is ja schon gut, Käthe…hasse bei dich inne Zeitschrift auch einen von diese Artikeln über dat Madie drin? Dat arme Würmchen. Kuck doch mal nach…"
"Igitt, Maden…Änne, wenne so weiter reden tus, dann ess ich bald nur noch Zwieback. Vonne Firma mit dem netten Kinder-Gesichtchen auffe Tüte drauf! Dat is übrigens ´ne Riesensauerei, dat diese satanische Zeitung, die, äh, die irgendswie Panik, dat Bild von dem Madeleine auffe Brand-Tüte montiert hat. Sollste auch schon boykottieren. Aber vielleicht nehm ich dann ja ab, wenn ich Zwieback essen tu…der Doktor sacht immer: “Sie müssen weniger fett essen, wegen dem Kolerinspiegel!“ Dabei ess ich doch gar nich so viel – die Ministückskes Sahnetorte zum Kaffee, dat macht doch nich fett!"
"Wenne weiter abnimmst, klappert dein Gebiss noch mehr und dann sach ich nur noch Käthe Moss zu dich, hahaha! "
"Kuck ma, da isser ja, der Doktor. Jetzt stellen wir uns ganz schnell anne Theke bei die Artzhelferin un dann fangen wir den ab. Un bevor der uns nich die Rezepte geschrieben hat, lassen wir den nich mehr wech…ich hab gleich noch nen Termin bei die Fußpflegerin…"
"Jau! Meine Pfanne wartet auch schon auffe Bratkartöffelkes…."
„Hömma, Änneken! Wir müssen wat tun.“ Käthe kuckte an der drallen Änne mahnend rauf und runter.
„Wat kuckste so auf meine Pölsterkes? Willste se haben?“, fragte Änne leicht gereizt.
„Nee, Änneken. Dat hasse jezz ganz falsch verstanden. Weg müssen se, die Rettungsringe, aber nich zu mich anne Hüften.“ Käthe schüttelte mit dem Kopf. „Musse jezz nich schimpfen, Änneken. Abba ich hab uns beim Düssburcher Senioren-Sportverein Dat fidele Kränzken angemeldet.“
„Wat hasse gemacht, Käthe? Bisse noch ganz bei dich?“ Änne schnaubte genervt. „Und wat sollen wir da? Kuchengabeln und Kaffeetässken inne Altenstube stemmen? Oder wat gibbet da für andere Sportdissiplienen? Rollatoren-Wettkämpfe auffe Waldkampfbahn, wo die Teilnehmer ihre Prothesen und alle Körperteile ,die et noch tun, am schwingen sind? Un auffe Stützstrümpfe is dat Logo vonnem orthopädischen Fachhandel am stehen, die die abgetakelten Fregatten un die alten Säcke sponsern? Käthe, ich glaub, dat du mit et Spinnen anfangen tust. Mach ma Gehirnjoggin, damit der Kalk nich inne Gehirnwindungen einschießen tut, so wie de Muttermilch in deine Brust nache Niederkunft mit deinem verzogenen Bengel.“
„Dat nimmste sofort zurück, Änne, dat mein Michael ein verzogenes Blag is. Sonst tu ich kein Wort mehr mit dich reden. Der is immerhin im mittleren Dienst beim Land, während dein Rüdiger et gerade mal zum Schließer bei die Knastköppe inne Düssburcher Innenstadt gebracht hat.“ Käthe hatte sich in eine Furie verwandelt und stand mit hochrotem Kopf vor Änne. Mit ihrem Zeigefinger fuchtelte sie wie wild vor deren Nase herum.
„So! Und dat tust du jezz zurücknehmen, Käthe! Mein Rüdiger is stellvertretender Anstaltsleiter im gehobenen Dienst. Dat is mehr als mittlerer Dienst. Aber dat willse ja immer nich hören. Na ja, du kanns et ja auch meistens nich hören, weil du wieder die Batterien nich innem Hörgerät hast.“, versuchte Änne den Disput abzuschwächen, derweil Käthe inzwischen die Tränen in die Augen geschossen waren. Änne tat es auf der Stelle leid, das sie auf Käthes wundesten Punkt eingeklöppt hatte. Michael war Käthes Wunschkind gewesen, auf das sie langen mit ihrem Willi geübt hatte. Das war aber der einzige Lichtblick gewesen sein, denn Michael stellte sich, sehr zu Käthes Leidwesen, als richtiger Tunichgut und Taugenix heraus. Was hatten Käthe und Willi nicht alles angestellt, damit der Kerl in einer einigermassen geraden Umlaufbahn geblieben war! „Tut mich leid, Käthe. Ich mach uns jezz einen richtig guten Kaffee un dann tuste mich erzählen, wat wir da innem fidelen Kränzken machen müssen. Meine Hüften sind mindestens so missraten wie der Mi.., äh, dem Micheloswsky sein Bierbauch. Du weißt doch, der immer unten den Rasen mäht, aber eigentlich sieht der schon lange nich mehr, watter am machen is. Du, Käthe, den melden wir im Spiegeleier-Klub an! Der hat et nämlich auch nötig.“
Käthe war so überrascht, von der plötzlichen Gesprächswendung und Ännes stante pedes Schadensbegrenzung, dass sie vergessen hatte, weiter zu weinen und nur zurückfragte: „Wat is denn der Spiegeleier-Klub?“
Änne grinste. „Hömmä, der is doch so fett datter, wenner an sich runter am kucken is, seine Eickes bestimmt seit Jahren nich mehr gesehen hat vor lauter Bauch.“ Käthe blickte verwirrt drein, grinste aber dann auch. „Ja, und wat hat dat mit Spiegeleikes zu tun? Änne, wat bisse wieder am spintisieren?“
„Abba Käthe, dat liecht doch auffe, nee, inne Hand. Der muss sich einen Spiegel inne Hand nehmen, damit er sehen kann, obse noch da sind, die Eikes, verstehste jezz?“
„Änne, du Ferkel! Wat du für Einfälle haben tust?!“ Käthe lachte.
Änne war einigermaßen beruhigt. „Und den Schmidt, den Karl-Heinz, den können wir da auch anmelden tun.“, setzte Änne noch einen drauf.
„Jau.“ grunzte Käthe vergnügt. „Abba bei dem tut noch nichma ein Spiegel helfen, so is dat Fett da am drüber hängen.“
Nun grölte Änne laut los. „Der sollte bestimmt von Evelotions wegen Kängeruh werden. Erst war abba der Sack ze klein, jezz is der Beutel zu groß.“
„Hömma, Änneken. So wollen wir doch nich enden tun, nein!?“
„Nie nich, Käthe. Ich sach ja schon, ich tu mit. Abba ich mach kein Nochdick Woakin. Schließlich tu ich noch nich am Stock gehen, Käthe.“
„Ja, is in Ordnung, Änneken. Wat hälste von Schwimmen? Die gehen einma die Woche zusammen schwimmen. Gehse auch nich unter, Änneken, weil Fett…“
„Sach et nich, Käthe! Sonst tun wir wieder Streit kriegen. Ich würd am liebsten diesen Sitzsport machen. Dat wat die immer inne Altenheime mit die Leute machen.“
„Sitzsport?“
„Da setzte dich gemütlich innen Sessel oder auffen Stuhl un dann machste dat so…“ Änne schob ihre ausladenden Gesäßformen auf den Küchenstuhl, zog den Rock mitsamt geblümter Kittelschürze über die fleischigen Knie und spreizte ihre Beine. Dann hob sie im Zeitlupentempo erst das linke Bein, dann das rechte, dann wieder das linke…
„Hömma, du siehst aus, als wenne einen von diesen Suschi-Fettklöße bist, die ich schon mal innet Fernsehen gesehen hab! Dat is doch kein Sport!“ protestierte Käthe.
„Mach mit un vorher holste ma den Besen un den Schrubber ausse Abstellkammer! Nu mach schon! Sonst sind meine Muskeln gleich wieder kalt.“
Gehorsam folgte Käthe den Anweisungen, schraubte in vorauseilendem Gehorsam sogar die Reinigungsaufsätze ab, bis sie nur die nackten Stiele in der Hand hielt. Dann setzte sie sich ebenso gehorsam auf den zweiten Küchenstuhl, zog sogar die hellgraue Seidenbluse aus und harrte in ihrem Korselett auf weitere Anweisungen.
„So…jezz nimmste dat Stöcksen un hebst dat mit beide Arme übern Kopp. Un dann wiegste dich nach links un rechts. Wenn wir dat 10 mal hin un her geschwenkt haben, dann gibbet ne Pause! Ab morgen machen wir auch verschärftes Lauftraining. Nich mehr im Schneckentempo über die Königstrasse, sondern im Stechschritt nach Heinemann un Dobbelstein! Un wenn wir dat ab jezz jeden Tag machen, dann melden wir uns nächstes Jahr fürn Seniorenlauf vonnet Christopherus-Werk an! Eins, zwei drei…ich sach dich, diese ollen Krückstöckler stecken wir beide inne Tasche un holen uns neben eine Traumfigur auch noch den Siegerpokal..vier, fünf, sechs…wat meinste…?“
„Sicher…puh…ganz bestimmt…“ keuchte Käthe. Sie freute sich schon jetzt auf den Schwarzwälder-Kirsch-Torten-Staffellauf des Cafes Kunefke…
Änne Kowalski, die gutmütige, recht beleibte Ruhrpöttlerin, hat sich die beste Kittelschürz’ angezogen, ein neues Päckchen Tempos inne Kitteltasche gesteckt und is’ beim Friseur am sitzen.
Dat Käthe Schiesselowsky, wat die angeheiratete Frau vonner Änne ihrem Bruder is, - oder besser war, weil die hat den Alfred regelrecht mit dat Klappern von ihre Gebissprothese un ihre rechthaberischen Kanzlerinnenmundwinkel innen Tod getrieben, -also, dat Käthe hat sich die Änne angeschlossen un lässt sich die blaustichige Silber-Maggi-Thatcher-Gedächtnisfrisur auf kleine Röllekes wickeln. Etepetete, wie sie nu mal is, hattse sich dat beste altfrensche Kostümken angepellt, den „Knirps“ innet Täschken gedeut, aber mal wieder verpennt, innet Hörgerät neue Batterien rein zu tun.
Uns Änneken hat die Rollerei schon hinter sich, sitzt unner der Haube und schmökert inne Frauenzeitschriften. Inne strassenköterblonde Haare hat dat Chantal ihr son paar winzig dünne weißblonde Strähnkes eingefärbt, weil, sacht dat Chantal, dat peppt son bissken auf un macht dat Änne mindestens zwei Jahre jünger.
"Hömma, Käthe…hasse dat schon gewusst?"
"Hasse wat von Frust gesacht, Änne? Wer hat Frust?"
"GEWUSST! Pass auf, hier in dat Zeitungsblättchen steht drin, datt dat arm Dier, dat Karin M., von dem wir doch letztens erst inne vergangene Woche gelesen haben…"
"Du hass’ Blasen? Dat is’ abber nich gut. Sach doch dä Chantal, dattse die Haube nich’ immer so heiß machen soll. CHANTAAAAL…kommse ma gucken bei die Änne?"
Chantal kommt aussem Kabuff un fragt: "Häää? Wat issen los?"
"Mit die Änne stimmt wat nich. Die hat Probleme mitte Blasen…"
Chantal: "Dat Klo is dahinten!"
"Lass man gut sein, Chantal. Ich les die Käthe doch nur wat ausse Zeitung vor…"
"Isset jezz besser mittem Blasen?"
"Jau! Hör zu: Karin M., das bedauernswerteste Menschenkind unter Deutschlands Sonne…erlebte nur wenige Wochen nach unserem Besuch bei ihr eine dramatische Wunderheilung. Lesen Sie weiter im Innenteil…"
"Wat willste denn mittem Haarteil? Wo dat Chantal dich doch so schöne Strähnkes gemacht hat!"
"Jezz hör mich ma zu…also, ….ach, da isset ja…Paß auf…eine dramatische Wunderheilung, Punkt, Wie uns Dr. P. mitteilte, natürlich unter dem Siegel der Vertraulichkeit und Wahrung des Arztgeheimnisses, wurde durch die Spenden unserer Leser für Karin M. die Möglichkeit zur Teilnahme an einer neuen, unerprobten aber hoffnungmachenden Therapie ermöglicht. Der aus dem Iran stammende, auch als laufender Perserteppich bekannte, Wunderheiler A. Ch. Mahinedschad legte ihr in einer Sitzung seine yogibärischen Hände auf."
"Mach hinne, Schatz? Redste mit mich? Ich gib dich ja schon nen Hustinettenbär."
"Watt hasse schon wieder mitte Bonbons? Un lass dat Klappern mit dat Gebiss sein, ich komm aussem Takt! …Der Therapiebegleitende transzendentale Flugunterricht zur Heilung gleichgeschlechtlicher Anwandlungen musste leider wegen der Vermutung eines Komplotts des Irans abgesagt werden. Wahrscheinlich ist es darauf zurückzuführen, dass die Gesundung von Karin M. nicht vollständig ist."
"Kompott, dat wär wat jezz. Da hätt ich auch Hunger drauf…aber sach ma, Änneken…warum lieste mich eigentlich die Rezepteseite vor un nich die Geschichte vonnet Karin M.? "
"…Bis auf die Knotenbildung im mittleren Suomi-Lappen und eine geringfügige Magersucht (verursacht durch exzessives Betrachten der Seiten über die Mailänder Modewoche) gilt sie jedoch als geheilt, so Dr. P. . Karin M. aus E. wartet den ganzen Tag auf einem Stuhl neben der Haustüre sitzend, öffnet nun schon beim erstmaligen Türklingeln lachend ihre Pforten und hält auch die Fenster Tag und Nacht sperrangelweit geöffnet…"
"Ach, Du meine Güte. Dat is ja schrecklich."
"Wat meinste?"
"Wat hasse gesacht?"
"Wat Du meinst. Wat is schrecklich?"
"Ja, dat et Karin M. bei ´nem Gerangel defloriert wurde."
"Wat is die? Wat hörst Du da eigentlich dauernd?"
"Also, dat verbitte ich mich abber jezz."
"Wat denn? Wat is denn jezz schon wieder los? Hasse die Batterien wieder nich aufgeladen oder wie?"
"Dat sachst Du nich nomma zu mir, datt ich huren tät un Bakterien hätt. Ich hab den Alfred nie betuppt un diese Viechers kriechse nur, wenne fremd gehen tus! Dat is ja wohl ne Unverschämtheit. Is dat! Dat nimmsse sofort zurück. Hörsse?!"
"Dat hab ich ga nich gesacht. Boah, wat bisse doof auffe Ohren!"
"Chantall, CHAANTAAALL… nimm mich de Röllkes raus! Abba flottikowski! Hier halt ich et keine Minute länger aus. Ich geh. Is mich auch ganz egal, wat mit dat Karin M. passiert is. Wat gehtet mich an? Dat is nur wat für Schlüssellochkucker wie dat Frau Kowalski. Primitiv is dat. Und dann noch dem Alfred und mein Liebesleben ausspinösen und hier bei de Friteuse breit walzen. Du bis ne ganz fiese Möpp, Änne. Nee, ich tu Dich nich mehr kennen!!!"
Käthe steht auf und stapft entrüstet vonne Bildfläche. Dat se noch zwei Röllekes hinten innem Nacken am hängen hat, tut se gar nich merken. Dat Änneken kuckt bedröppelt unter ihre Haube hinterher. Dann tut se breit grinsen und sacht: „Habbich doch gewusst, datt da wat mit dem Heinz Molchhausen war…“
Dat Änne unne Käthe haben sich seit dem Treffen beim Arzt nich mehr haben sehen tun. Nu gehtet aber auffe heilige Nacht zu un da sind nich nur die normalen Menschenherzen, sondern auch die Herzen von die beiden Ruhrpott-Lilien milde gestimmt und auf Versöhnung ausgerichtet. Weil dat Änne sowieso noch nach nem Geschenk für den Karl inne Stadt suchen tun muss, haben sich die beiden zu nem gemeinsamen Adventsbummel verabredet. Treffpunkt soll dat Cafe mit diese schönen Sahne-Törtkes inne Mitte vonne City sein. Dat Käthe sitzt schon beim zweiten Silber-Kännchen kastrierten Kaffee, trommelt mitte beringte Finger auffe Tischplatte rum…da kommt endlich dat Änne reingestürmt…
"Änne, huhuuuu…hier bin ich! Wo bleibse denn?"
"Mannomann, ich sach dich…ich hab die Nase ja so wat von voll! Dat kannse dich nich vorstellen tun, Käthe!"
"Ich brauch mich nich verstellen, mich kannse mein Ärger immer angucken – Änne, ich bin hier schon seit über ner Stunde am rumsitzen und warten! Der Kaffee is auch schon kalt un außerdem holen sich die anderen Tanten anne Theke die besten Sahnestückskes ab. Wat glaubse, auf wat für heiße Kohlen ich hier gesessen hab?"
"Tut mich ja leid, aber dat ging nich schneller. Erst hatte die Bahn Verspätung un dann war da unten inne U-Bahn sonne Demonkastration. Gegen Weihnachtsstress un …Momang, die haben mich so ein Zettelken gegeben…hier: „Korrumpierung des antisozialen Führungsproletariats mittels sozio-pathologischer Verkonsumierung der heidnisch-christlichen Rituale in der Vorweihnachtszeit“…da…willse ma gucken?"
"Klucken? Änne, dat is Advent un nich Ostern. Obwohl ja die ganzen Kügelkes anne knatschblaue Kunstbäume inne Schaufenster auch für Ostern durchgehen können. Ich will jetzt endlich meine Herrentorte haben!"
"Warum hasse dich denn nich schon wat bestellen getan?"
"Änne! Ich ess doch nich ohne dich! Nee, da is meine gute Kinderstube vor! Deswegen hab ich ja auch nur eine von diese halbverbrannte Würtskes auffem Weihnachtsmarkt gefuttert. Ich mach dat Essen im Stehen ja sowieso nich leiden…"
"Ha! Du un Kinderstube…du hast ja nur Angst, datt dich dein Gebiss rausfallen tut un ich nich vor dich sitzen un dich vor die neugierige Blicke vonne anderen Teilchenvertilger schützen tu…"
"Änne, meine dritte Gebissgeneration tut bombenfest sitzen! Da lass ich nix auf dat Kukident-Zeuchs kommen. Letzte Tage hab ich damit sogar die Weihnachtsterne anne Fensterscheibe angepappt, die hängen heute noch. Und dat, obwohl meine Putze erst gestern die Scheiben mit Ajax pur geschrubbt hat… Fräuuuuulein! Hömma, dat Personal hier is aber auch nich mehr dat, wat et ma war, nich?"
"Mecker doch nich immer so rum, Käthe! Wenn du den ganzen Tach auffe Füße sein müsstest…"
"Ja, wat glaubs Du denn? Dat ich nur auffe Couch am rumliegen bin? Innem Advent bin ich voll zugange: auffem weihnachtlichen Kaffeeklatsch bei die singenden Strickliesels vonne Kirchengemeinde, dann muss ich mich auffem Basar vonne trockene Alkis blicken lassen un dem Pastor seine Einladung zum Gänsekeulenessen kann ich auch nich ausschlagen. Auch wenn dat verdammt kleine Keulkes sind. "
"Die müssen auch sparen…siehste doch anne katholische Kindergärten. Die machen einen nach dem andren dicht, weil durch dat Zölibat immer weniger Blagen von echte Katholiken gezeucht werden. Dat kommt denen wie gerufen, da habense doch nen triftigen Grund."
"Geh mich fott mit triefen! Dat Chantal hat vorgestern sonnen Schnupfen gehabt, dat deren Nase wie die von diesem Rentier ausgesehen hat…Willi,…nee…Albert…jetzt hab ich et: Rudi heißt dat Vieh. Der hängt immer beim RWE neben der Leuchtreklame für teuer Strom un so. Dat die sich dat leisten können…bei diese Strompreise. Ich bin ja nur froh, datt ich immer noch mein Kohleofen un dat Deputat vonnem Fritz hab. Dat bissken, wat ich auffem Elektroherd für mich kochen tu…sach ma, hasse inzwischen eigentlich ma die Bedienung hier gesehen? Hoffentlich haben die noch nen Stücksken Herrentorte…Fräuuuulein!"
"Käthe, wat schreiste denn so, kuck ma, die Leute kucken auch schon. Man hört dich ja bis Marokko… "
"Wieso soll der Marco mich hören, der is zwar nich mehr bei die Osmanen eingebuchtet, aber Uelzen is viel zu weit wech von hier…Ich sach dich, die Türken wollten bloß die Kosten für dat Aufstellen vonnem Weihnachtsbaum in dem seine Zelle sparen. Hätten Se ja gemusst wegen die Genfer Konfektion! Ach, da sind Se ja endlich, Fräulein! Also für die Änne hier – wat willste haben?"
"Mich tun Se bitte so ein kolerrienredizuiertes Stücksken vonne Buttercreme-Sahnetorte bringen…un ein Känneken Tee mit Zitrone un Süßstoff. Ich soll auffe Kolerrien achten, hat mich der Doktor gesacht."
"Un ich hätt gern noch ein Känneken Kaffee un dazu ein Stücksken Herrentorte…wie, datt meinen Se doch jetzt nich ernst, oder? Se haben keine Herrentorte mehr? Alles ausverkauft? Dat gibbet doch wohl nich…Komm, Änne, hier in diesen Saftladen tu ich kein Fuß mehr reinsetzen. Die Bestellung stormieren Se, Fräulein…keine Herrentorte, pah! Sind wir denn hier in Russland, wo alles nur auf Kontinente zu kriegen is? Ne, wir beide gehen jetzt ganz gemütlich zu den Glühwein-Heini auffem Weihnachtsmarkt, pusseln uns da inne Ecke mittem Heizstrahler un genehmigen uns ein lecker Glühweinchen mit Schuss… mit Sahne obendrauf. Un direktemang neben dem Heini sein Stand gibbet Reibekückskes, Wäffelkes un diese Diät-Pfannkuchen vonne Franzmänner… "
"Also, wenne mich fragst, ich find ja, datt zu Glühwein am besten schmecken tut, wat ich sonst auch am liebsten essen tu…"
"Änneken, Bratkartöffelkes gibbet direkt gegenüber vonnem Heini. Et is ja Weihnachten, da gib ich dich sogar einen aus…Glühwein un ne Portion Schieb inne Pann…nu komm schon, sonst is dem Heini sein Kessel womöglich auch noch leer…"
Zwei Stunden später tun sich belustigte Passanten um Heinis Glühweinstation versammeln. Die Käthe un dat Änneken sitzen unter dem rotglühenden Heizstrahler, haben sich den dritten Punsch mit Extra-Schuss reingetan un singen laut alte Gassenhauer ausse 40er Jahren. Die Silberpudelfrisur vonne Käthe is ein bissken verrutscht, dat Änne hat ihren Bibi zusammengeknüllt, schwenkt dat Ding über ihren Kopf und jede von die beiden Grazien hat ein Gebissteil von Käthes Dritte Zähne inne Hand. Damit tun se im Takt auffe Tischplatte hauen.
„Sonne intri…iner…gemeinsame Weihnachtsfeier von uns beide allein is doch wat Feines, nich Käthe?“ lallt Änne zwischendurch.
„…Auf Erden un dem Glühwein-Heini ein Wohlgefallen!“
„Sach ich doch!“
„Wat sachste? Bisse doppelt-doof oder wat…?“
„Wovon tuste denn jetzt schon wieder sprechen? Is die Batterie schon wieder leer bei dich? Manno…“
Käthe und dat Änne sind sich die kleinen Feiglinge am reinziehen un kucken sich den Rosenmontagszuch aus Düsseldorf innem WDR-Fernsehen an…
„Hömma, Änne…soll ich dich ma wat sagen?“
„Muss dat sein?“
„Ja! Ich war doch mittem Albert…“
„Mittem Albert? Mit diesem verhinderten Gigolo vonnem Tanztee warste wech? Käthe!“
„Lass man bloss den Albert in Ruhe…du bist ja nur neidisch! Dat is noch so ein richtigen Jäntelmän, so einen wie der, der tut sich nur für Frauen mittem gewissen Niwo interessieren! Also, der Albert hat mich eingeladen…“
„Um die Briefmärkskes anzugucken? Oder wat?“
„Quatsch! Ich war mit dem in Brüggen, dat is sonne ganz kleine Stadt auffe andere Rheinseite…hömma, wat die da feiern tun an Karneval, dat geht auf keine Kuhhaut mehr!“
„Glaub ich dich nich. Außer dat mitte Kuhhaut…“
„Musse mich aber glauben! Die haben da ganz andere Bräuche als hier…un die find ich sogar viel schöner! Weißte, da werden die Kinder mit Kamelle beworfen…“
„Käthe! Dat der Albert ein bissken zwilichtich is, hab ich ja schon immer geahnt, aber Kinder bewerfen…dat is einfach nur … Misshandlung!“
„Jetzt hör mich doch ma zu!!! Die Kinders fahren da mitte Kettcars un geschmückte Anhängern durch Born, dat is son Teil von dat Kaff. Un nich die tun dat Süsszeug anne Ureinwohner schmeißen, sondern die werfen den Blagen dat zu. Is dat nich schön? Sogar et zuständige Prinzenpaar vonne Erwachsenen tut nur am Straßenrand stehen un is am Werfen.“
„Dat sind aber komische Leute da. Aber dat mit die Kinders is schon niedlich.“
„Un in Niederkeuchen…“
„Tun die da keine Karnevalsschlager singen, sondern keuchen? Wat für Ferkels sind dat denn da auffem Land?“
„Nee, die keuchen nich. Dat is ein Städtchen neben Brüggen. Egal, - also da, da war ich mittem Albert inne Messe.“
„Seit wann hast du dat denn mitte Religion, Käthe? Unseren Pastor kannste nich leiden un katholisch bisse doch auch nich!“
„Dat is doch wat ganz anderes! In die Messe, also - dat is die so genannte Messe der Freude, die feiern die da an Karneval. Da is die gesamte Narrenschaft vonnem Ort versammelt, in volle Staatsmontur, un natürlich auch die Leute ausse Gemeinde. Un der Pastor. Die Prinzengarderobe geht dann mitten inne Messe, während sonne Sopraneuse son solo singen tut, annen Altar und legt diese Muttergottes ehrerbietich Baccara-Rosen hin zu die Füße. Änne, ich sach dich, so wat is doch zum Heulen schön, oder findste nich?“
„Nee, Käthe, wat sind die bekloppt. Laufen die da immer mit Ständern rum? Dat tut doch einfach kitschisch sein. Und dabei singen die Jecken dann dat Ave Marie im Clownskostüm? Die tun ja wohl nich mehr alle Nadeln auffem Christbaum haben!“
„Änne, wat bisse doch pitätenlos… die singen Karnevalsschlager auf deren ihre Mundart in dat Örtchen da am Niederrhein. Dat is bald wie holländisch. Ich hab jedenfalls nich viel verstanden. Un ich hab dat doch selbst gesehen!“
„Haste wieder dat Hörgerät ausgeschaltet gehabt, wie? Dat war bestimmt die Damensitzung vonnem örtlichen Karnevalsverein. Die hamse inne stillgelechte Kirche gepackt, weillet ja immer mehr Jecke als Gläubige geben tut. So is dat bestimmt gewesen un nich anders!“
„Nee, nee…Dat war vielleicht schön, als diesen Tambourmajor mitte Rose annen Altar gegangen is…! Dat is mich richtich annet Herz gegangen!“
Änne: „Besser, als dat der Albert dich anne Unterwäsche gehen tut! Aber…wat du mich da erzählen tus…dat is garnich so verkehrt!“
„Änne, dat Beste kommt ja noch: der Albert…also, der…der hat mich gefragt, ob ich nich mit nach Brüggen in diese Senioren-WG ziehen will. Ich hab dem gesacht, dat ich ja schon gerne wollt, aber dat ich dich…na , du weißt schon…un daraufhin hatter gesacht, dat einer vonne WG sowieso bald am Sterben is und dann könnts du doch mitkommen…“ „Mhmmm… Wat soll ich denn in dem Dorf da? Du tust grad so, als täten die da jeden Tach Karneval am feiern sein.“
„Nu sach schon, wat meinste? Also, ich würd mich da wohlfühlen tun. Hier inne Großstadt isset doch nich mehr richtich schön. Un der Karneval...na, tu dich doch ma angucken, wat da läuft…“
„Ich weiß nich…andersrum wollt ich ja immer schon auffet Land. Un der Willie auch, gotthabihnselich, aber…dazu isset halt nie gekommen. Also, reizen tät mich dat schon…is ja auch billiger…“
„Dat heißt also JA, ja? Boah…komm, Änne, mach die Kiste aus un dann ruf ich den Albert an. Un dann…dann tun wir uns innen Zuch setzen und fahren nach Brüggen! Ich sach nur: Käthe un Änne tun Brüggen rocken…“
„Moooomentema Käthe! Nich so flott. Ich tu mich dat ankucken, aber mehr erst ma nich. Dat will auch gut überlecht sein. Wenn diesen Heini da immer um Dich schleichen tut, dann tuste mich am Ende abmelden…“
„Nee, Änneken, dat tut nich passieren. Der Albert hattet am Herzen. Vielleicht is der ja der Nächste, der bald am Sterben is. Deswegen fang ich garnich erst an, mich an den zu gewöhnen. An Dich bin ich ja schon gewöhnt…un so sollet bleiben.“
„Ach, Käthekind. Manchmal kannse richtich nett sein, wenne sonst auch schomma zum Abgewöhnen bis...un an Aschermittwoch tun wir uns dat da in Brüggen ma angucken gehen…wir beide…ohne dat Albert, dat versprech ich dich!“
„Nee, dat darfste nich, nich machen tun, Manni!“ Änne springt ein bissken Gleichgewichtsirritiert aussem Sesselken auf. „Un dann auch noch dat Jürgen!“
„Wat is los, Änne? Gehtet dich nich gut?“ Käthe stürzt aussem Klo raus un zieht sich noch beim Laufen die Stützstrumpfhose zurecht. „Hasse einen von die Feiglinge nich vertragen tun? Soll ich den Dr. Schwatemeier anrufen tun?“
„Alles in Ordnung mit mich. Aber dat Manni…nee, dat find ich soooo schad!“
„Wie, is der tot?“
„Nee, tot is der noch nich. Aber wenn der mich ma entgegenkommen tät…“
„Mensch, Änne, du hast den doch immer so gern gesehen, wenn der mittem Jürgen den Rosenmontachszuch aus Düssseldorf hat kommentieren getan. Da wartse doch immer hin un wech, un vorhin hasse dem doch auch noch schöne Augen innem Fernsehen gemacht! Un jetzt willste den umbringen?“
„Der will dat nich mehr machen! Einfach aufhören mitte Umzuchskommentiererei…wer weiß schon, wat die vonnem WDR un vonnem Ersten uns nächstes Jahr auffe Augen drücken … womöglich sowat wie diese Spassbremsen aus Köln. Oder noch schlimmer, irgend so einen Heini aus Wuuuuuuuppeeeeertaaaaaal. Nee…dat find ich einfach nich gut!“
Käthe is inzwischen annem Barfach vonnem echt Gelsenkirchener-Barock Wohnzimmerschrank gewesen un hat für dat Änne un sich Eierlikörchen eingeschüttet. „Nu komm, der is doch nich ausse Welt, den kannste dich doch anhören, wenner innet Radio vonnem Sportplatz berichtet…“
„Dat is aber wat anderes, als wenner mittem Jürgen Hilgers den Zuch besprechen tut. Wenn ich nur daran denken tu, wat für Kostüme der immer angehabt hat: als Esel, als Clown oder dat eine Mal als eine von diese Tunten…nee, wat war dat schön! Un dann immer diese wörtliche Gefechte mittem Hilgers! Die hatten sich doch nich gesucht un doch gefunden, wie Pott un Deckel!“
„Hömma, der macht dat seit 25 Jahren…un du sachst doch selbst immer: Genuch is irgendwann genuch! Vielleicht hatter ja noch ein paar unerfüllte Träumkes, die der verwirklichen will. Un so lange als Tunte rumzulaufen, dat is bestimmt auch nich schön anzufühlen…“
„Unerfüllte Träume! Pah! So Leute wie der, die haben annet Publikum zu denken un bis an dat Ende von ihre Tage für Spaß inne Backen zu sorgen! Wat sind schon 16 Jahre Karneval innem Fernsehen, hä? Gib mich ma noch ein Hühnerschnaps…“ Änne kippt sich den dritten Eierlikör auf Ex hinter die Binde. „Nee, datt dat Manni nich mehr…“ jammert se un tut dabei ein paar Tränkes innet Likörglas fallen lassen. Dann geht se mittem Zeigefinger innet Glas und pult die letzten Tröpfkes Eierlikör-Tränen-Mischmasch raus. „Ich tu ja wissen, dat dem diese Kommentiererei mal zu viel wird. Der kommt ja auch aus Datteln kommen tun…un so jung isser auch nich mehr…aber als der dat bei die Übertragung gesacht hat vorhin, datter aufhören tut…un dann noch die Schildkes, die die auffe Karnevalswagen hochgehalten haben…“Danke Manni un Jürgen“ un so…nee…dat fand ich so traurich!
Dat Käthe kann dat Elend nich mehr mit ansehen tun. „Ooooch, Änneken, ich versprech dich: wenn der Manni sich sein Traum erfüllt un irgendwann vor 60.000 Narren „Sättisfäkschön“ grölen tut als Mick Jagger…dann geh ich zu dem hin un frach den nach nem Autogramm für dich! Ich tu dann auch extra vorher mein Hörgerät aufladen und dat Gebiss mit Superhaftcreme den richtigen Sitz verpassen! Un jetzt tun wir uns den Zuch noch mal agucken tun. Ich hab den nämlich aufgenommen auffet Video! Da kannste dein Manni un den Jürgen nochma so richtich genießen. Un nächstes Jahr…da legen wir einfach dat Video wieder ein. Dann is dat so, als wenn der Breuckmann immer noch beim Düsseldorfer Zuch kommentieren tut…Außerdem, guck ma, am Mittwoch is auch die Soko wieder auf Mördersuche, dat is doch ein klein bissken Ersatz für den Manni, oder? Aber vorher spendieren wir beide uns noch ein kleinen Feigling…Prost Änneken!“
Änne schluckt tapfer den Feigling un die letzten Tränkes runter…
Käthe und Änne saßen gemütlich vor einem Bistro direkt an der atlantique’schen Strandpromenade und schlürften Pastis und Menthe.
„Hömma, Änne, dat is hier richtich schön. Un die sind alle so freundlich hier! Die tun dauernd merci un danke sagen, ganz anners als bei uns innem Ruhrpott.“ Käthe nahm ein weiteres Schlückchen Menthe, reckte ihr schon arg gerötetes Gesicht in die Sonne und ließ ein wohliges Seufzen hören.
„Merci heißt Danke, Käthe. Aber recht hasse, dat is Leben, wie et immer sein sollte! Sowat tuste nich bei uns in Deutschland finden. Waret doch gut, datt ich bei diesen Kreuzworträtsel mitgemacht hab, wat? Obwohl du ja gesacht hast, datt die da einem nur Heizdecken verkaufen wollen.“
„Heizdecken brauchste hier nich. Deswegen haben die Franzmänner auch nich so viel mit diese Nicht-Kinderkriegerei annem Hut. Dat liecht nich anne Regierung, sondern annem Wetter.“ Energisch kippte Käthe den Rest ihres giftgrünen Likörs herunter. „Tuste uns noch einen bestellen? Dieses Zeuch sieht ja verdammichnochma tödlich aus, aber schmecken tut dat … hmmm … .“
„Meinste, datt dat uns gut tut? Ich fühl mich jetzt schon ein bissken bedusselt …“ Änne hatte den schummerigen Eindruck, dass die Promenade vor dem „le Nautilus“ in Soulac sur Mer leicht schwankte. In ihrem Alter musste man vorsichtig sein mit Alkohol, selbst wenn er wie ihr Pastis mit Leitungswasser verdünnt war.
„Änneken, wir leben nur einmal! Und dat is jetzt. Komm, tu ma den Garzonn ranwinken un wenne nich weiter weißt – dann hab ich ja noch dat Wörterbuch hier.“
Käthes Wörterbuch hatte den beiden Ruhrgebietsrosen schon hilfreich zur Seite gestanden, seitdem sie beim Umsteigen am Pariser Hauptbahnhof zuerst im falschen Zug gelandet waren. Anstatt Richtung Bordeaux zu reisen (erster Klasse, dank der äußerst spendablen Rätselabteilung einer bekannten Tageszeitung) hatten sich die beiden plötzlich in Dijon wieder gefunden. Wobei dieser Ausdruck eigentlich unzutreffend war – sie waren gefunden worden! Seit neuestem besaß Käthe ein Handy mit extra lautem Lautsprecher (wegen ihres Hörgerätes, welches sich häufig als unpässlich abmeldete) und riesigen Tasten (wegen Ännes augenscheinlicher Leseschwäche und ihren – wie sie selbst es immer bezeichnete- „Wurstfingerkes“).
Kurz vor Dijon hatte dieses Monstrum der Telekommunikationstechnik plötzlich in Käthes Tasche angeschlagen. Am anderen Ende war der sich besorgt anhörende Reiseführer, extra zur Betreuung der zwei ältlichen Damen abgestellt und seit einer Stunde am Bahnhof in Bordeaux wartend. In einem rasanten Gemisch von französisch klingendem Deutsch und den Dames unverständlichen landessprachlichen Einwürfen erkundigte er sich nach ihrem Verbleib. Erst da dämmerte es Käthe und Änne, dass irgendetwas schief gelaufen war.
„Passens auf, wir tun am nächsten Bahnhof aussteigen un gucken, wie wir nach Bordauss kommen tun. Is zwar schad umme erste Klasse-Fahrerei, aber sooo schlimm isset auch nich. Tun Se doch inner halben Stunde noch ma bei mich anklingeln, dann hammer dat Problem bestimmt schon auffe Reihe gekriegt. Ich hab ja sonnen Sprachführer dabei.“ Käthes Vertrauen in Lexika war schon immer unbegrenzt gewesen.
Drei halbstündliche Anrufe des immer besorgter wirkenden Reiseführers mit Destination Sud-Ouest und mehrere verzweifelte Bahnangestellte später räkelten sich Käthe und Änne in den Zugabteilsitzen der französischen Staatsbahn Richtung Atlantique.
„Siehste, dat hab ich dich doch gesacht - mit sonnem Wörterbuch kommse umme ganze Welt!“ lautete Käthes Resümee. Immerhin verlief der Rest der Anreise ohne größere Probleme. Abgesehen von einem kleinen Gepäckproblem beim Umstieg in die Regionalbahn von Bordeaux nach Soulac und einem Taxifahrer, der zwar durchgezogene Linien auf der Fahrbahn aber keine Tempolimits beachtete.
Der Reiseführer hätte bei den beiden Gewinnerinnen garantiert für hormonelles Interesse gesorgt, wenn die schon vor längerer Zeit durchgemachten Wechseljahre nicht für eine gewisse Zurückhaltung gesorgt hätten, das Doppelzimmer im „Belize“ direkt an der Promenade in Soulac besaß einen ausgezeichneten Blick auf „la mer“ und die anderen Vorsaisonsbesucher, das Personal eilte geschäftig hin und her, die Sonne schien … die beiden fühlten sich wie im Paradies.
„Ich hab gedacht, dat is dat Rauschen vonnem Meer … aber wo du dat sachst … ich könnt jetzt auch wat verschnabulieren.“
„Aber nich diese glibberigge Austern. Sowat tu ich nich noch ma essen. Dat war ja wie Nasenpopel mit Zitronensaft. Nee, ich brauch wat Richtiges!“
Allein beim Gedanken an das gestrige Abendessen verspürte Änne ein leichtes Unbehagen in der Magengegend. Von Käthe mit einem entzückten Aufschrei auf dem üppigen Buffet im Hotel entdeckt, hatte diese sie genötigt, sich zwei der bizarr gefurchten Schalentiere auf einen Teller zu häufen. Neben offensichtlich toten, aber trotzdem sie aus glasigen Knopfaugen beobachtende „garnels“ landete zudem auch noch „salmon aux sosse de champangne“ und etwas Undefinierbares aus Reis vermischt mit „fruits de mer“ auf der Essunterlage. Während Käthe mit sichtlichem Vergnügen und vollendeter Grazie eine Gironde-Auster nach der anderen geräuschvoll in sich hinein schlürfte, schluckte Änne angewidert eben diese herunter, spülte mit einem kräftigen Schluck „Vin blanc“ nach und pulte mühsam die Garnelen aus den Schalen. Satt war sie nach diesem „diner“ nicht … nur leicht angetrunken. Dabei hatte sie sich doch nur an den alten Leitsatz gehalten, „Fisch will schwimmen“. Nun ja, vielleicht waren Austern und Garnelen nicht gerade Fische … aus dem Meer kamen sie jedenfalls! Und was aus dem Meer kam, lief bei Änne unter Fisch…
„Son lecker Braten vonnem Schwein, oder ein Kotelett mit Lenkstange, datt man abknabern kann – du nich, Käthe, weil bei dich ja die beste Haftcreme nich halten tut,- aber nich seit drei Tage Weissbrot anne Stange un Sachen, die ich nich mag …“ Änne versank in Bratkartöffelige Träume…
„Hömma, dat is hier dat Schlemmerparadies schlechthin, Änneken! Wat glaubste, wat manche dafür geben würden, wennse einmal innet Leben sich mit preiswerte Austern den Bauch voll schlagen könnten. Un dann diesen ganzen Wein … ich sach dich, der Willi hätt sich kringelich gefreut, wenn ich mit dem … aber der hat ja nie Zeit gehabt um groß mit mich zu verreisen. Wat hatter nich immer inne Restaurants geschwärmt, wennet bei diesem französischen Kerl in Kaiserswerth ma Lammkottelett gab auffe Speisekarte. Hin un wech war er, wenn dat auch noch aus Pouiliac kam. Dat is hier gleich umme Ecke! Da tun auch die Rothschilds sitzen …“
„Is doch klar, wer soviel Knete hat wie die, der sitzt immer inne besten Ecken vonne Welt. Aber dat die Schafe züchten tun, dat wusst ich noch nich!“
„Die tun keine Schafe züchten, sondern Wein anbauen, Änne! Un den Wein, den schütten se zu allem Möglichen, wat laufen kann. Zum Beispiel zu Böff winoäs, oder zu Pullet aua win. Natürlich tun se den Wein auch in sich selber rein schütten, aus alle mögliche Gläser. Hasse doch gemerkt, als wir mit diesem netten Reiseführer auffet Taxi warten mussten. In diesem kleinen Restaurant. Bei uns wär dat als Schälken für dat Waschen vonne eingesaute Fingerspitzkes durchgegangen. Nur bei uns in Deutschland musse für jedes Getränk nen eigenes Glas haben. Hier nehmen die Leute dat Leben un die Getränke, wie sie ihnen vor dat Maul kommen. Dat is la wie dä Frankreich, sach ich dich. Immer schön läschär…“
Änne hatte jedoch mittlerweile das Interesse von Kulinarik auf Männlichkeit umgeschaltet. Interessiert beobachtete sie die vielen, meist kleinen Männer, die unverkennbar Einheimische waren. Das schloss sie daraus, dass diese „hommes“ rasend schnell Französisch sprachen, sich gegenseitig mit Wangenküßchen begrüßten und überhaupt alle wie Miniaturausgaben des derzeitigen französischen Staatspräsidenten einher schritten. Momentan schienen sich die Gespräche um die Qualitäts- und Preisunterschiede von frischen Austern aus Talais zu drehen, welche an einem kleinen Stand direkt aus riesigen Plastikzubern verkauft wurden. „Guck ma, Käthe, die sehen alle wie diesen Sakkodingsda aus! Nur tu ich nich glauben, dattse alle son Männeking wie diese Charlotte bei sich zu Hause sitzen haben. Auch wennse so tun, als ob … aber so sindse, die Männers …“
„Die tut Carla heißen. Stand ganz groß inne letzte Ausgabe vonne „Frau mit Schmerz“ vom Lesezirkel bei die Schantall innem Friseursalon. Aber du mit deine scheele Augen tust ja nie lesen.“
„Dat stimmt nich! Ich les die Tageszeitung un guck mich auch innem Fernsehen immer die Nachrichten an. Sonst wüßt ich ja nich, dat die Franzosen nich wie wir ne Frau anne Macht haben. Obwohl dat ja immer heißt, datt Frauen sowieso die Welt regieren tun. Hat doch letztes Jahr auch diesen römischen Schriftsteller, der singen tut, gesacht.“
„Wat fürn römischen Schriftsteller? Änne, ich glaub, du hast nen Sonnenstich!“
„Na, der auch bei diese europäische Heulbojen Veranstaltung mitgemacht hat, letztes Jahr.“
„Jetzt weiß ich, wen du meinst…Cäsar oder Cicero oder so heißt der. Aber der meint doch nich, datt die Frauen alle inne Regierungen sitzen tun. Der meint, dattse zuhause die Pantoffeln anhaben. Un wennet nötich is, dann tun se auch schon mal mit die Schlappen auffen Tisch hauen un Klarschiff machen. Aber bei die Carla glaub ich nich, dattse sowat tun könnt. Dafür is die zu schön. Un die Kerle hier sind alle kleine Götter in Frankreich; wenn se ganz doll drauf sin, dann tun se Fußball unten annem Strand spielen. Dabei haben die doch richtich einen …oder nee, zwei vor die Brust gehauen gekriegt als se letzte Tage bei diese Europameisterschaft mitgekickert haben. Ich hab mich ja schon gewundert, warum dat hier so still is, wenn die Fußball spielen mit ihre Nationalmannschaft. Bei uns zuhause hängen ja schon seit Wochen überall anne Autos un inne Fenster die deutsche Fahnen rum. Aber hier…tote Hose! Aber wat willste auch erwarten, wenn die Franzmänner ihre eigenen Spieler als Blaue bezeichnet…wahrscheinlich sind die nicht abgefüllt gewesen mit „Aua dä wie“ oder der Rotwein beim Essen hatte nich genuch Umdrehungen. Un wie die hier ticken tun, dat siehste doch innem Fernsehen. Die lieben hier diese Sendungen, wo die Leute irgendwelche ollen Burgen erobern müssen un in so Katakomben riesige Spinnen besiegen oder ekelhafte Sachen essen müssen.“
„Dat musst ich gestern auch! Un du hast mich dazu gezwungen!“ Ännes Stimme triefte vor Vorwurf. „Nur dat ich nich inne Burg musste, sondern vor alle Leute im Speisesaal …“
„Ich versprech dich, dat tu ich nie wieder. Nu tuste diesen schnuckeligen Kellner ranwinken. Wir beide bestellen uns ne halbe Flasche „Rose dä Pullack“, nen Baguette mit gekochtem Schinken - dann haben wir wat innem Bauch bis heut abend. Wennet ganz hart kommt, dann gehen wir inne Pommes-Bude umme Ecke. Ich glaub aber nich, dattet heute abend wieder wat aussem Meer geben tut, ich tipp eher auf „Kotte dä ägneau“. Dat tuste auch essen. Überhaupt – ein bissken Fasten is gut für deine Figur. Guck dich doch die Frauen hier an – die sin richtich drahtig vonne Gymnastik annem Strand. Ich käm mir ja ein bissken blöd vor, wenn ich da unten mitte Füße innem Wasser Sperenzchen machen würd, aber wirken tut dat ja wohl. Stell dich ma vor, wir beide würden dat innem Strandbad anne Wedau … die kämen doch ganz schnell mitte weiße Westen un würden uns einkassieren! Aber wahrscheinlich kommste nur auf sonne Ideen, wenn dat Wetter so gut wie hier is. Bei uns klappt dat nich! Isset nich herrlich, hier auffe Terrasse inne Sonne zu sitzen?“
„Weißte, Käthe, auch wenn dat Essen nich so dat Wahre für mich is un du nich immer Recht hast, wenne wat sachst – jetzt haste Recht! Un nächstes Jahr fahren wir wieder hierhin. Ich tu auch sparen! Dat is mir son Paradies wert!“
„Jau!“ Einträchtig in Vorfreude auf kommende „saisons“ an der französischen Atlantikküste, umgeben von Sand und Reben, blinzelten Änne und Käthe in die Sonne…
-- > Dicktieonähre a la Käthe un dä Änne = Wörterbuch nach Art von Käthe und Änne
Pastis: hochprozentiges Anisdestillat, wird mit Leitungswasser verdünnt (NIEMALS mit ordinärem Mineralwasser!). In Deutschland unter dem Markennamen „Pernod“ bekannt. „Ricard“ schmeckt besser und ist Marktführer, der König jedoch ist der „51“. Meist nur in Frankreich erhältlich
Menthe: Pfefferminzlikör, giftgrün und nicht ungefährlich vom Alkoholgehalt her.
Garzonn: eigentlich Garcon, was Ober oder Kellner bedeutet
Bordauss: entspricht Bordeaux, der Hauptstadt von Aquitanien
Dames: Damen, schmeichelhafte Bezeichnung für die beiden Ruhrgebietsrosen.
Atlantique: Atlantik ist da, wo auf der Karte Frankreichs Westen ans Meer grenzt und vor etlichen Jahren die Alliierten landeten…
La mer: das Meer, mal mit Hoch oder auch mit Tief, je nach Wetterlage und Wellengang
Garnels: die französische Ausgabe der Nordseekrabben
Salmon aux sosse de champagne: Lachs mit Champagnersoße, ein Genuss! Den Champagner kann man auch ohne Lachs genießen…
Fruits de mer: alles, was aus dem Meer kommt. Außer Meerjungfrauen
Vin blanc: Weißwein, Käthes bevorzugtes Getränk nach Grüntee und Menthe
Vin rouge: Ännes Lieblingsgesöff, welches sie ungeachtet kulinarisch-gastronomischer Regeln zu allem trinkt. Neben Pastis selbstverständlich…
Diner: französisches Abendessen ab 18.00 Uhr
Weißbrot anne Stange: Baguette
Böff winoäs: Beouff vineois, in Wein gegartes Fleisch jeglicher Provenienz
Pullett aua weng: eigentlich Poulet aux vin, Huhn in Weinsoße
La wiä dä frankreich: la vie de france, französische Lebensart
Hommes: MÄNNER!
Männeking: Mannequin, Laufstegkleiderdompteuse oder Schaufensterpuppe, meist unterernährt - obwohl diese Damen gar nicht mal so schlecht verdienen…
Aua dä wie: Eau de vie, Mineralwasser mit oder ohne Kohlensäure. Manchmal aber auch die Bezeichnung für klare Brände und sonstigen Schnaps
Läschär: leger, zutreffendste Umschreibung für „Leben wie Gott in Frankreich“ mitsamt mediterranem Optimismus, gallischem Leichtsinn und sarkozyischer Nonchalance…
Die Blauen: „le bleu“, Bezeichnung für die französische Fußball-Nationalmannschaft. Der Name kommt von der Farbe der Trikots, nicht vom Promillegehalt des Spielerblutes!
Rose dä Pullack: richtig „Rose de Pauiliac“, Winzer-Genossenschaft mit berühmten Weinen.
Kotte dä ägneau: „cote de aigneau“, Lammkoteletts
Saisons: Jahreszeiten, in Frankreich aber auch die gebräuchliche Bezeichnung für jene Monate im Jahr, in denen die Touristen einfallen, halb Frankreich im Autobahnstau steht und überhaupt…Urlaubszeit!
„Hömma, dat is aber überhaupt nich nett vonnem lieben Gott, datter uns so ein Wetter schickt…da hätten wir auch zuhaus bleiben können. Eigentlich hatt ich ja gedacht, datt der hier wohnt. Die sagen doch immer: „Wie Gott in Frankreich“. Da würd ich mich an seine Stelle nich mit Regen abgeben. Und dat hat doch so schön angefangen!“
Mehr als nur leicht verärgert blickte Änne aus dem Fenster des Hotels „Le Belize“ auf den atlantischen Strand in Soulac sur Mer. Dichte, graue Wolken waren an die Stelle des noch gestern strahlendblauen Himmels gerückt. Es goss aus allen vracs, die nicht mit vin im Medoc gefüllt waren.
„Nu tu dich nich aufregen, Änne. Dann schlürfen wir unseren Aperitif eben innem Hotel drin. Dat macht doch nix.“
„Macht doch wat! Ich tu Sonne brauchen, in die paar Tage hab ich mich da dran gewöhnt! Un ich find dat Beschiss, dat die in Frankreich son schlechtes Wetter überhaupt zulassen tun. Nur weil die nich so gut spielen tun bei diese EM…“
„Wat hat denn diese Europameisterschaft vonne Balltreter mittem Wetter annem Atlantik zu tun?“ Käthe räkelte sich in den üppigen Kissen des französischem Bettes, dass sie notgedrungen mit Änne teilte. Die Rätselredaktion einer bekannten Tageszeitung war zwar spendabel gewesen, hatte aber nicht die in keinster Weise mit deutschen Bettbreiten zu vergleichenden Ausmaße gallischer Liegestätten bedacht. Insgeheim war sie froh, dass ihre Körpermaße erheblich weniger üppig ausfielen als Ännes Figuration.
„Na, weil deren Kerle nich diese komische Margarethe, oder wie diese Gallionsfrau vonne französische Nation heißt, mit genügend Tore zufrieden stellen – da ändert diesen Sackommawie einfach dat Wetter. So nach die Art, wenn Frankreich trauern tut, dann müssen die Touristen dat auch mit tun. Und ich sach dich noch wat: datt hier zwischen zwölf Uhr mittachs und 4 Uhr nachmittags absolut tote Hose is, dat is doch auch nich normal! Nich ein Geschäft hat hier offen un annem Strand tut sich auch niemand mit Gymnastik oder wenigstens doof inne Sonne liegen abgeben.“
„Du bist ja nur sauer, datt nich laufend knackige Franzmänner vor deine Augen rumlaufen tun. Dat isset!“
„Nee, aus dem Alter sind wir beide ja wohl raus- aber datte kein Gemüse und so einkaufen können tus…
„Wat willste denn mit Gemüse? Wir haben hier doch Vollpension. Haste etwa schon wieder Hunger? Die Kusine frankäse gestern abend war doch auch wat dich.“
„Is ja schon gut. Obwohl ich dat ja schon ein bissken eklig fand, datt bei die Spaghetti carbonara so ein rohes Ei inne halbe Schale draufgeklascht war. Bei uns dürftste dat nich, wegen diese Sanamonellen inne Eier. Überhaupt…ich glaub ja, dat ein französischen Metzger bei uns in Duisburg ganz schnell pleite gehen würd. Wat die hier als Rinderbraten inne Pfanne hauen, geht bei uns ma gerade als Fleischeinlage inne Graupensuppe durch. Aber nur, weil dat Fett den Geschmack abgibt. Selbst dat Steak sieht aus, als wennste da nur ganz knapp annem Kochen vorbeikommst. Aber Salat, dat könnense! Mit Nuss-Essig un Olivenöl un nem Hauch von Thymian…“
„Du HAST Hunger!“
Änne richtete ihren Blick auf Käthe. Ablenkung war nun die angesagte Devise… „Eigentlich könnste ma den Fernseher anmachen. Damit wir nich wie Idioten nach Hause kommen tun, weil wir nix mitgekriegt haben vonne Welt un noch nich ma wissen tun, wie unsere Jungens bei diesen Europacup abgeschnitten haben.“
„Hömma…“ Käthe zweifelte allmählich am gesunden Touristenverstand ihrer Schwägerin. „Hasse ne Wetterinflation oder so? Wenne hier Fernsehen gucken tus, verstehste doch sowieso nix. Selbst nich mit mein Wörterbuch direktemang nebenan. Immer dieses PUB is auch wat fürn Eimer. Zuhause biste immer am stänkern, wenn ich nich sofort auffen Lautsprecherknopf auffe Fernbedienung drücken tu, wenn die Werbung kommt.“
„Dat is wat ganz anderes, wenn wir zuhause…da muss ich mich diesen Blödsinn von diese Werbefuzzis ja auch noch verstehen, geht ja nich anders…ob du willst oder nich, deutsch geht inne Gehörgänge. Aber ich hör den Franzosen so gerne zu, wennse Schwäinstäigär sagen. Oder die H’s verschlucken.“
„Wat für Hasen tun die verschlucken?“
„Pass auf, Käthe…von diese österreichischen Ledertreter, die gegen unseren Ballack gespielt haben - is dir eigentlich schon ma aufgefallen, dat der schon vonnem Mutterschoss an den richtigen Namen hat? Ball-ack…- also vonne Seppln heißt einer Aufhäuser. Un wat sacht der gemeine Franzose, häh? Auuufäussär. Un aus ihrem Hänrie machen die ein Onrie. Ganz lang gezogen, versteht sich. So lang wie deren Mittagspausen hier sind. Un so langsam krieg ich jetzt doch Hunger!“
Käthe seufzte. Dann erhob sie sich widerwillig aus ihrem Kissenlager und schlurfte zu Änne.
„Guck ma, da hinten – da wirdet richtig blauen Himmel. Ich glaub, du kannst dein Gemecker sein lassen un lieber dat Chiffon-Kleid anziehen, datte dich inne Buticke auffe Promenade gekaufst hast. Wir könnten ja auch ma nach dieses Vensac mittem Bus hinfahren tun. Die sind doch diese schönen Püppkens da am aufbauen inne Landschaft un innem Dorf. Jedes jahr nen anderes Thema, un alles handgemacht vonne Dorfbevölkerung…Ich lad dich auch auffen Likörchen ein.“
Es hatte tatsächlich aufgehört zu regnen. Die dicke Wolkendecke war aufgerissen, die heiß und grell durch die Lücken scheinende Sonne tauchte die Strandstrasse und „la plage“ in ein verwirrendes Muster von Licht und Schatten. Die Kellner der beiden Bars auf dem Strandabschnitt direkt vor dem Hotel platzierten im Eiltempo die Sitzgarnituren und Liegestühle, stellten Sonnenschirme auf und harrten der Gäste, die sich ebenfalls schon aus ihren Quartieren wagten.
„Pastis, Käthe! Ich tu nur Pastis bei gutem Wetter verschnabulieren…warum bisse eigentlich noch nich fertig?...“
Änne erklärt dat Französische eigene Worte:
Vracs: hat nix mit abgewrackt zu tun. Is nen Kübi oder nen Eimer, in den die Franzmänner ihren Wein für die Touristen abfüllen tun, damit die dat zeuchs besser nach hause transportieren können. Nur manchmal, aussem Supermarkt, da schmeckt der Wein auch ein bissken abgewrackt…
Vin: Die Einheimischen sagen ja WENG, aber wir tun winn sagen. Meinen tun wir datselbe: WEIN!
Margarethe: dat is die, die auffe Bilder vonne Revolution immer mitte Fahne voran läuft vor dat ganze Volk. Eigentlich tut die ja Marianne heißen. Macht aber nix, weil…die sieht aus wie diese berühmte französische Schauspielerin. Weillet damals namlich noch nix war mitte Fotos, weiß keiner so richtich, wie die eigentlich aussaß. Un deshalb haben se dat Gesicht von diese Schauspielerin genommen un gesacht, datt dat jetzt die offizielle Marinanne-Margarethe is. Obwohl die Schauspielerin ja auch anders heißt…
Sackommawie: Manche sagen auch Sackgesicht oder Sarkozy zu diesen neuen französichen Präsidenten, also dat, wat unser Kohl un der Schröder un momentan diese Merkel is. Dat wat der Köhler bei uns is, heißt in Frankreich anners…un dem Köhler seine Frau un der Merkel ihr Mann sind auch lange nich so schön wie die Frau vonnem wiedergeborenen Napoleon. Ich wart ja immer darauf, datt der Sachmanie seine rechte Hand halb innet sakko schieben tut…
Kusine frankäse: Cuisine francaise, alles wat mit französische Küchen zu tun hat. Essen, Trinken, Grills, Gasherde….
PUB: Hat lange gedauert, bis dat Käthe un ich nich mehr verschämt weggeguckt haben, wenn dat auffem Bildschirm erschien. Inne öffentlichkeit pubsen, nee…aber dat is nur die Abkürzung für Publicite. Und at is nix anderes als bei uns diese Werbeblöcke!
Hänrie: Henry, heißt Thierry mittem Vornamen. Der Star vonne blaue Fussballmannschaft hat dat aber auch nich geschafft, dattse weitergekommen sind. Der is jetzt bestimmt bei uns inne Botschaft un fracht wegen politisches Fussballasyl…
Buticke: Boutique, gibbet bei uns auch. Zum Beispiel auffe Könichstrasse in Duisburg. Auch für Übergrößen un für ganz Dünne…
„Hömma, Änne, du willst doch nich etwa wirklich…nee nich, oder?“ Käthe schaute ihre Schwägerin verzweifelt an. „Dat kannste nich tun. Die Franzosen waren doch bisher immer freundlich zu uns, dat soll sich doch nich ändern…“
„Ich weiß gar nich, wat du hast. Geh mal annet Fenster un tu rauslinsen. Die laufen alle so rum. Egal wie alt se sind un ob se Oberschenkel wie Rinderkeulen haben. Dagegen sin meine Strempel ja noch Spatzenbeine.“
„Ich mach dat nich mit, damitte Bescheid weißt! Ich tu nich über mich lachen lassen tun.“
„Dann bleibste eben hier. Ich geh auch allein annen Strand. Da kenn ich nix!“ Änne packte weiter ihre Tasche.
„Tuste nich!“
„Tu ich doch!“
„Na gut, aber nur wenne nich ganz… sonst leg ich mich ganz weit wech von dich. Un diesen Lallkohl kriegste auch nich mehr von mich ausgegeben.“
10 Minuten später stolzierten eine in die neueste Soulacer Strandmode gekleidete (weites Chiffonkleid Größe XXL mit einem farbenfrohen Blümchenmuster) Änne und eine in ein leichtes, beiges Sommerkostümchen gehüllte Käthe die Strandpromenade entlang auf der Suche nach einem freien Abschnitt.
„Da wär dat doch schön! Da sind auch nich so viele Leute.“ Käthe zupfte an Änne wehendem Kleid. „Ich will nich zu diese Touristen.“ Sie deutete auf ein Pärchen, welches mit dem offensichtlich komplizierten Aufbau eines Sonnenschirms beschäftigt war. Neben Kühlbox, jeder Menge Handtücher und einem Sichtschutz waren auch zwei Klappstühle aus Vollplastik mit an die französische Atlantikküste gereist und bekamen nun das volle Sonnenpanorama Aquitanien vorgeführt.
„Hömma, dat sind bestimmt Camper. Sieht man schon anne Schirmmütze un die weißen Socken inne Sandalen. Fehlt nur noch, dat die ihre Klamotten mit Bügelfalte auffen Hosenbügel annet Gestänge vonnem Sonnenschirm hängen tun. Die sind immer für alle Lebenslagen gerüstet un schleppen manchmal sogar nen Spirituskocher mit annen Strand. Hat der Karl immer gesacht, un der tat sich auskennen, weil bei dem auffe Zeche, da sind die meisten immer inne Ferien zelten gefahren. Dat Geld war ja auch nich so üppich bei die meisten.“
„Auf jeden Fall will ich nich in die Nähe von die. Nachher kommen die noch ausse Nachbarschaft un kennen uns. Ich glaub, ich würd sterben, wenn ich denen bei uns beim Bäcker begegnen würd…“
„Sterben kannste später. Oder glaubste, dat denen dat nich peinlich wär?“
„Wenne wirklich machst, watte vor hast, dann könnt dat hinhauen. Un dann tu ich dich nich mehr kennen!“
Änne hatte den geeigneten Platz gefunden. „Hier isset!“
Die kleine, in einem Halbkreis von Strandhafer bewachsene Mulde in den Dünen bot beste Ausblicke auf das Meer und die umliegenden Sonnenanbeter. Ihrerseits bot sie jedoch auch Schutz gegen allzu neugierige Blicke.
Änne kramte in ihrer riesigen Stroh-Strandtasche (100 % ökonomique, produite a Antilles francaise), förderte neben Sonnenöl auch zwei riesige Handtücher hervor und nickte dann Käthe aufmunternd zu. „Wat is nu? Mitgegangen – mitgefangen - mitgehangen. Mach hinne, Mädel!“
„Ich tu dat nich! Ich weiß ja, dat ich dich nich abhalten können tu von deine Ideen…“
„Nu knöpf ma dein Kostümken auf un sei nich so pervers. Da is doch nix Schlimmes dabei. Die tun doch fast alle hier so rumlaufen. Außer die Touristen. Un du willst doch nich als eine von die durchgehen, oder? Guck doch ma…die Franzosen-Jungens sin raus ausse Europa-Meisterschaft, diesen Ribbeck ham se dat Bein gebrochen … dat is doch unsere Pflicht als Gäste, dafür zu sorgen, dattse wieder wat am Lächeln auffe Visage kriegen un mit Stolz ihre Bullabäse singen können. Mann muss auch gönnen können. Pass auf, ich fang an…“
Langsam schälte sich Änne aus der ersten Chiffon-Lage. Käthe öffnete verschämt die obersten zwei Knöpfe ihrer Kostümjacke.
„Siehste, geht doch!“ spornte Änne ihre Schwägerin an. Unverdrossen entledigte sie sich weiterer Stofflagen. Schließlich stand sie nur mit einem, die rundlichen Hüften eng umspannenden, Badeanzug da.
Als sie begann, die breiten Träger über die fleischigen Oberarme herabzurollen, kiekste die in Unterrock dastehende Käthe auf. „Nee, dat geht nu aber wirklich zu weit, Änne. Nich noch mehr…“
„Jetzt sind wir soweit, da kann auch dat letzte Hüllken fallen. Hasse irgendeinen gesehen, der nach uns beide alte Fregatten lüsterlich geguckt hat? Nee! Also, alles runter, bis auffe Brillengläser und dat Hörgerät un dann is dat lasset fär alla franzäse.“
„Aber wenn wir uns ein Sonnenbrand holen?“
„Dat sind nur unsere Altersflecke, die uns brauner machen. Innem Schrebergarten is soviel Sonne an meine Haut gekommen, da macht dat bissken hier auch nix aus. Un dich tut dat ma ganz gut, wenne ein bissken Farbe kriegst, die nich mittem Lippenstift auffe Bäckskes geschmiert worden is. Aber ich hab sonnen kleinen Flachmann mit, wenn dich dat helfen tut…Nu mach schon, auf mein Kommando zusammen … eins, zwei, drei …“
Niemand achtete auf die beiden splitterfasernackten, ältlichen Damen in einer kleinen Strandmulde am Strand von Soulac sur mer. Lediglich einige schiefe Gesangstöne, ohrenscheinlich sollte es „plein soleil“ von Gilbert Becaud sein, ließen neben unerhörter Begeisterung für französische Lebensart, aquitanische Sonne und Freikörperkultur auch auf die unbeabsichtigt ausufernde Konsumierung von „lallohohl“ schließen…
C’est fini…maitenant…
Käthes Wörterbuch sacht:
Lallokohl : is dat selbe wie lallohohl. Die Franzosen sagen eigentlich l’alkool dazu…auf jeden Fall haste nach ausreichendem Genuss davon einen inne Birne
100 % ökonomique, produite a Antilles francaise: dat sind nich hundertprozentig wirtschaftlich angetillte Franzosen, sondern dat die Taschen auffe französische Antillen hergestellt wurden. Und dat auch noch umweltbewusst!
Ribbeck: französischer Fußballspieler, der eigentlich Ribery oder so heißt. Aber der is schon lange bei nem deutschen Verein am kicken, da is der fast nen halben Deutschen und kann dann auch Ribbeck heißen…
Bullabäse: eigentlich Bouillabaisse, sonne Fischsuppe mit Köppen drin. Hier meint unser Duo aber in Wirklichkeit die französische Nationalhymne, die Marseillaise…
lasset fär alla franzäse: laissez faire a la francais, die leichte Hand nach Art der Franzosen…oder so in etwa. Steht in Deutschland für Wein, Weib und Gesang auch ohne Sonne.
Gilbert Becaud: französischer Chansonier. Leider schon verstorben. Unvergesslich sein „NATHALIE“…hörense sich den ma wieder an!
C’est fini: Dat is jetzt zu Ende, basta, Schluss, Aus…
Maitenant: vielleicht…
„Wat willst du denn nich noch alles mitschleppen tun, Käthe? Hömma, wir fahren doch nich mittem Güterzuch…“ Änne schüttelte den Kopf und versuchte mithilfe ihres ausladenden Körperbaues die besonders gefährlichen Regalteile zu verdecken. „Un wer soll dat alles essen? Wir beide haben doch gar nich so viel Fassungsmöglichkeiten innem Magen. Un haste auch mal daran gedacht, datt dat für mich un meine Fettzellen wie Folter is, wenne dich zuhause anne gefönte Graspastete gütlich tus un ich muss zugucken? Ich kann doch nix dafür, datt ich nich so ein Hungerhaken wie du bin…“
„Hab ich mich alles schon überlegt, Änne! Wir tun unsere Koffer mitte Post nach Hause schicken. Dann brauchen wir nur die Taschen mitte Fressalien zu schleppen un haben sofort den Reiseproviant präservativ.“ Unverdrossen häufte Käthe ein Pasteten – Glas nach dem anderen in ihren kleinen Einkaufswagen.
In der Markthalle von Soulac sur mer gab es unzählige Versuchungen der besonderen Art. Dies war kein Supermarkt, sondern eine Ansammlung kleiner und kleinster Stände mit frischen Gemüsen, Obst, regionalen Spezialitäten – sogar Fleisch und noch warmes Baguette war hier zu erwerben. Alles verlockend aufgebaut und arrangiert.
Hier wurden gerade Auberginen liebevoll auf Hochglanz poliert, dort zerteilte der Metzger mit geübtem Hackmesser-Schwung eine frisch geschlachtete Ente zu „magret de canard“. Der Patisseur drapierte auf die „tarte chocolade“ noch eine letzte Handvoll gehackter Haselnüsse. Am Käsestand präsentierten sich unzählige Käse jeder möglichen tierischen Herkunftsart den Kunden.
Käthe hatte sich an Änne vorbeigeschoben. „Un wat deine Kalloren angeht – dat is garnich so schlimm! Wenne nämlich so richtich frisches Zeuchs essen tus, wat nich ausse Konserve kommt, dann macht dat nix. Diese Kalloren kommen nämlich erst dann darein, wenne dat lagerst! Un nu geh mal anne Seite, ich will noch von diese Nussessich einpacken. Dat gibbet nich bei uns. Un dann gehen wir uns Käse aussuchen!“
„Meinste nich, datt dat Ganze auffe Zuchfahrt schlecht wird? Käse un so musse doch kühlen. Ausser diesen Kommenbart. Der soll ja so überall hinlaufen.“
„Mein liebes Änneken,“ Käthe baute sich mit verschränkten Armen vor ihrer Schwägerin auf. „Wat glaubste denn, wen du vor dich haben tus? Wenn ich wat planen tu, dann aber auch volle Kanne! Ich hab mich gestern extra bei diesem Mr. Brikettolasch 4 funkelnagelneue Plastikkühltaschen gekauft! Mit sonnem kleinen Miefquirl-Motor anne Seite. Batterien hab ich auch dafür sofort mitgenommen, sind die gleichen wie bei unsere Wecker. Da passt morgen dat Essen für die ganze Mannschaft vonnem MSV rein. So…gib mich mal dat Wörterbuch. Ich muss nachgucken, wie ich hier von diese Torten wat einkaufen kann…“
Der Patisseur konnte sein Grinsen nicht verbergen, als Käthe in formvollendetem Französisch sagte: „Jä wudräss un pärmamänte.“ Hastig setzte sie noch ein „sillwuplähss“ hinterher.
„Non, Madame!“
„Wie, nee?! Hömma, Änne, der will mich nix verkaufen, der Kerl. Gibbet denn sowat? Erst kriegste ab Punkt halb zwei hier nix mehr zwischen die Kiemen, nich mal nen klitzekleines Brötchen…un dann sacht der Tünnes auch noch nee zu meine Einkaufsliste. Anne Haare tut der sich auch immer rumfummeln. Oder meinste, der tut mir nen Vogel zeigen?“
Änne ließ den entrüsteten Wortschwall über sich ergehen und blätterte derweil in dem Wörterbuch herum. „Rech dich mal wieder ab, Käthe! Du sachs zwar immer, ich wär scheel auffe Augen, aber diesmal hast du nich richtig hingeguckt: hier steht unter dem, wat du da gerade von dich gegeben hast wat ganz anderes, als du sagen wolltest.“
„Un wat steht da?“
„Dat du ne Dauerwelle haben wills.“
„Pah!“ retournierte Käthe nur mit einem verächtlichen Schnauben. „Du kannst doch gar kein Französisch. Aber bei diesem Blödmann tu ich garantiert nix einkaufen, da kann dem sein zusammengeklatschter Schokoladenkuchen noch so doll sein. Komm, wir tun jetzt inne Fischhalle gehen. Ich brauch noch nen paar Austern.“
„Du spinnst! Die fangen doch an zu stinken im Zuch! Dat dauert doch viel zu lange, die Zuchfahrerei – Kühltasche hin oder her!“
„Nich, wenn ich dem Lokomotivführer ein echtes KöPi unter die lange Nase halten tu. Wat meinste, wie schnell der uns dann nach Düsburch bringen tut…“
„Wo willste denn hier nen Köpi herkriegen. Die haben doch nur diese belgischen Bierkens, oder son uraltes, auf dem die nur diese Zahlen von Anno Piependeckel drauf haben.“
„Hab ich mitgenommen von zuhause, inne Reisetasche. Un jetzt komm, wir müssen noch bezahlen, die Köfferkes packen un zur Post bringen un dann brauch ich endlich wat innen Magen. Auch wennet nur ein Likörchen is. Soll ich dich mal wat sagen? Ich freu mich richtich wieder auf zu Hause. Immer nur Patte und Mulless un Kotte dä weißichwat is auch nix…“
„Geht mich genauso, Käthe. Morgen abend gibbet in unsere Küche ne richtich große Pann voll Bratkartöffelkes. Mit Speck un Zwiebelkes. Un nen Extra-Stich Griebenschmalz. Versprochen!!!“
C’est fini…jetzt aber ährlich!
Doch nich fini…erst gibbet noch Erklärung, wat die beiden so meinen:
Auberginen: Komisch aussehende Gemüsedinger, die vonne Franzosen immer inne Eintöpfe reingetan werden. Un weil die sonne undefinierbare Farbe zwischen nix un lila haben, isset in mache Jahre der Renner bei die Modeschöpfer, in Aubergine die Leute rumlaufen zu lassen.
„magret de canard“: Wenne ne Ente oder ne Gans oder sonstwat in Teile hauen tus un nur die Brust dann brätst. Übrigens hieß doch auch ma son Kommissar so, der vonnem Jean Gabin gespielt wurde…
Patisseur: Is bei uns nen Konditor.
tarte chocolade: Schokoladentorte. Im Gegensatz zum deutschen Begriff „Torte“ aber nich mit Sahne oder so. Bei uns würd jede Hauswirtschaftsschülerin für dat zusammengefallene Gebäck ne Sechs kriegen. Aber lecker isset…un wie!
Kommenbart: Camenbert. Manche tun ja ein ganzes Stück am Stück essen…
Mr. Brikettolasch: entspricht in etwa „Obi“, „Hagebau“ und sonstigen Baumärkten. Eigentlich nennt sich die Kette ja „Mr. Bricolage“. Aber Briketts zum Grillen haben die auch! Un dann stimmtet wieder…
Jä wudräss un pärmamänte: „Je voudrais un permamente“. Sachse im Friseursalon, wenne ne Dauerwelle haben wills. Nur bei die Chantal im „Haarstübchen“ kommse damit nich weiter. Die heißt nur französisch…
Sillwuplähss: „si’l vous plais“. Immer zu die Franzosen sagen, wenne wat von die haben wills. Oder auch wenne wat gibst. Ach, eigentlich kannste dat immer sagen…
Bierkens: Schwieriges Thema…innem Medoc stehn die mehr auf Wein. Und dat Bier mittem uralten Verfallsdatum auffem Etikett is eins von die bekanntesten. „1664“ is aber nix für Leute, die KöPi kennen. Höchstens wat für Kölsch-Trinker…
Patte: „pate“ (diesen Strich über die französischen Buchstaben tu ich nie hinkriegen, steht immer daneben) is nix anderes als kleingehacktes Fleisch von verschiedene Tiere, ein bissken Gewürze, manchmal ein Prisken gestopfte Leber oder so…also dat, wat bei uns auch inne Regale als Pastete zu finden is.
Mulless: „moules“ kennste auch als Muscheln. Bei uns kommen se aus Holland, hier aussem eigenen Land…
Kotte dä weißichwat: nix Kotelett, sondern einfach nur eine Art Stücksken Fleisch von…ichweißnichwatalles…Rind, Kuh, Schwein, Lamm…
So…un jetzt is wirklich ENDE mitte Reiseberichterstattung!
„Also“, sach ich, „Also, Käthe, weisse eigentlich, datt gestern der Tach vonne deutschen Einheit war?“
„Klar“, meint die un streicht sich mitte Hand die grau-blaue Pudelfrisur zurecht, „Deswegen war ja auch Feiertach! Warum man aber sonnen Tach feiern muss, nee, dat kann ich dich nich erklären.“
„Käthe! Dat is doch ein Grund um zu feiern zu tun, datt die armen Leute aus der Ostzone nich mehr inne Schlange vor deren Konsum tun stehen müssen und sogar Bananen kaufen können.“
Die Käthe hat sich inne Zwischenzeit ein neues Glas mit Federweißen geholt un setzt sich wieder annen Küchentisch. „Sicher, da hasse Recht, Änneken. Aber die hätten doch auch einfach die Steine von diese Mauer verkloppen können, an Polen oder so, die können doch alles gebrauchen. Un für dat Geld hätt der olle Honecker doch mal eben nach Westberlin mitten paar Lastwagen rüber fahren können un hätte da dat KaDeWe leer gekauft. Zumindest die Bananenabteilung. Dat wär alle viel billiger gekommen.“
„Und dann?„Die armen Menschen da durften ja noch nich mal in Urlaub fahren, wohin se wollten.“
„Dat darf ich auch nich’, weil Du immer bestimmen tu’s, wo et hingeht!“ sacht Käthe und duckt sich.
Die weiß nämlich ganz genau, datt ich mich so wat nich bieten lasse, auch nich von ihr! Schwupps, hattse auch schon dat nasse Geschirrtuch inne Röllekes. „Ja, weille immer da hin wills, wo du diese spierigen, halbnackten Franzmänners begucken kanns! Ich sach dich, mich un dich geht et viel zu gut! Dat kannten die inne Ostzone alles nich. Die waren froh, wennse mal die Bildzeitung für 30 Pfennig un ausgelesen rübergeschickt gekricht haben. Un Nylonstrümpfe. Da waren die immer ganz wild drauf. Aber damals, da gabbet auch noch nich die ganzen nackten Frauens inne Presse.“
„Nee, dafür ham die da drüben mit dem FKK angefangen, da brauchten die sowat nich. Dat gabbet alles live un in Farbe! Ich frach mich nur, warum die dann so versessen auf die Strümpfe waren, nackt nur mit Socken find ich nich gerade schön. Wie weit bisse denn mitte Bratkartöfflekens?“
Nu kenn ich ja meine Käthe. Et gibbt ja nix Schöneres für die, als wennse ne leckere Pfanne Bratkartöfflekes vor sich hat und wennet ganz hoch kommt, noch ein Spiegelei obendrauf. Dafür kann die sogar die Bratwurst weglassen, ährlich! Un wennse mit so diziplinen Themen am sprachlich jonglieren is, dann braucht dat Hirn Nahrung, um auch richtig denken zu können. Dat kannse zwar auch sons noch ganz gut, aber mit Kartöffelkes geht dat einfach besser. „5 Minütkes noch, dann sind se schön braun. Ich hab extra welche ausse Ostzone gekauft bei Aldi. Gab et im Angebot! Man muss die Leute da drüben doch unterstützen. Vielleicht gibbet dann auch nich mehr so viele Nazis da.“
„Änneken, Änneken,“ sacht die, „Änneken, die sind doch garnich mehr inne Ostzone. Die sind doch schon seit Jahre genau sonne Deutschen wie wir. Un mit die Wirtschaft is dat auch nich mehr ganz so schlimm. Da musse dir ma angucken tun, wie arm dran manche Gemeinden hier innem Westen sin, da kriegste echt dat Heulen! Un Nazis, die ham wir hier auch!“
„Aber die sagen doch immer, datt et nur deshalb so viele von diese Glatzköpfe inne neuen Bundesländer gibt, weil so viele Kneipen da zumachen mussten. Lag bestimmt daran, weil der Gorbatschow nach die Wende nich mehr den billigen Wodka innet Bruderland DDR hat verkaufen lassen. Jezz wird mir auch klar, warum die in Russland immer mehr saufen…irgendwo muss der Schnaps ja hin, is ja auch sättigend und soll sogar Vitamine un all dat Zeuch haben! Naja, wenn die Leute nich mehr auffen Stammtisch gehen können, dann kommen se halt auf dumme Gedanken.“
„Wat du meins is flüssig Brot ausse Pilsflasche. Un die Wirtschaft musse nich auf Kneipen verstehen, die meinen alles damit, watte kaufen kanns, weil et hergestellt wird. Oder auch sowat wie geistiges Arbeiten inne Universität, also wenne an irgendwat rumforschst oder so und dat Ergebnis von die Forscherei dann verkaufen tu’s. Oder deine Kartöffelkes. Die gehören auch inne Wirtschaft. Weil se hergestellt werden.“
„Nee,“ sach ich und hau ein Ei inne Pfanne. „Die wachsen von ganz alleine! Dat weiß ich genau, weil der Oppa vonne Mechthild der ihr Neffe seinen Vatter, der hat immer innem Blumentopf versucht, die alten Kriegszeiten lebendig zu halten. Der wollt aber nie die Kartöfflekes haben, sondern hat immer nur dat Grünzeuch, wat oben rauskam, abgeschnitten. Dat hatter dann getrocknet und gerollt un dann hatter die ganze Wohnung mit dat Kraut verqualmt. Die hatten öfters Besuch vonne Feuerwehr und dat Umweltamt war auch schon bei die Stammgast. Der hatte immer frische Blättkes an seine Kartoffelpflanzen un als er gestorben is, da ham die fast zwei Putzeimer Kartoffeln aussem Balkonkasten un aus die ganzen Blumentöppe ausgebuddelt. Der hatte noch nich ma ne Geranie, nur Kartoffeln. Kannse dich dat vorstellen?“ „Nee“, meint Käthe nur, „Aber dat is mir auch egal. Mich isset auch egal, ob die Bratkartöffelkes vonnem Niederhein oder ausse untere Lausitz stammen. Hauptsache is für mich, dattse schmecken. Und dattse billig sind. Mitte Rente is bei uns ja nich so viel herzumachen.“
Da musst ich mich dann doch ein bissken näher über dat brutzelnde Spiegelei hängen mittem Gesicht. Sons hätt die Käthe gesehen, datt ich rot geworden bin. Weil, die Kartöffelkes hatt ich zwar bei dem Aldi gekauft, aber die Wieder-Vereinichungsknöllekes waren ein geschlagenen Euro teurer als die ausse Nachbarschaft. Aber ich hab mir gedacht, datt die deutsche Einheit doch ruhich wat kosten kann, un eigentlich spart unsereins doch jetzt…wenn ich nur an die ganzen Pakete mit Kaffee, Schokolade und Nylons denken tu, die ich früher immer nach drüben schicken musste, weil unser Oma noch Cousinen dritten Grades inne Ostzone hatte. Datt kann ganz schön teuer!
Käthe hat auf jeden Fall ganz genüsslich die Einheits-Kartöffelkes gefuttert, und sogar noch gesacht: „Tu mich noch mal ein Schlag von auffen Teller. Un wenne mir auch noch ein Ei-ken drüber machst, Änneken, dann erklär’ ich dich gleich mal, wie dat mittem FKK geht…“
Friedhelm Manczowiak, seines Zeichens schwergewichtiger Kriminalhauptkommissar im Duisburger Polizeipräsidium, raufte sich die nicht mehr vorhandene Kopfbehaarung. Diese beiden „Damen“ brachten ihn um jeden Verstand. Da hatte er als rechtschaffener Polizist versucht, seine Pflicht zu erfüllen und nach dem Tod des Hausmeister mit der Befragung eventueller Zeugen begonnen, - und dann geriet er an eine silberpudellockige Halbtaube sowie deren einfältige Schwägerin. Wer lief schon heutzutage mit Kittelschürze herum und faselte andauernd von „Bratkartöffelkes mit Eiken“?
Der HaEm im Keller des Hauses Moselstrasse 38 hatte seine Magennerven schon genug gereizt. Mit gebrochenem Genick, einem ebenso zerbrochenen Holzbein und tiefen Wunden zwischen dem schütteren, fettigen Haar lagerte der Hausmeister am unteren Ende der Treppe zum Wartungsraum.
„Ich sachet Ihnen, Herr Polizeirat…dat is bestimmt Mord gewesen! So einen Hausmeister wie der Hansi Schmidt, der tut nich einfach die Treppe runterfallen. Sonne Impotenz hat der ne nich gehabt, den Leuten hier so ein Unfallschlamassel annen Hals zu hängen. Un mit sein Holzbein, da konnter umgehen wie mit sein drittes Bein…wennse verstehen, wat ich mein. Der is gestoßen worden, isser! Wollnse auch ein Eierlikör?“ Käthe Schieselowsky, Ex-Fabrikantengattin mit blausilber schimmernder Lockenfrisur, wartete die Antwort nicht ab und holte drei Bleikristallgläschen aus dem Echteichewohnzimmerschrank. „Oder wat tust du meinen, Änneken?“ fragte sie ihre Schwägerin, die auf dem altertümlichen Sofa saß.
„Äh, ja…da wirste wohl Recht haben, Käthe. Dem Schmidt haben se hier nich so richtig grün sein wollen. Weil der sich immer auffe Lauer gelecht un geguckt hat, wer hier rein un raus geht bei die Mieters. Ich sach ma, da gibbet ne Unmenge an Leute, die dem liebend gern ein Beinken gestellt hätten. Außer uns, natürlich! Prost, Käthe, prost, Herr Polizei-Oberoffizier.“
„Und warum sollten dann ausgerechnet Sie kein Motiv haben für einen eventuellen…ich betone das Wort eventuell…Mord an Herrn Schmidt?“
„Na, weil der bei uns nix zu spinsen hatte! Bei uns is tote Hose inne Bude! Ab un zu ma tun ein paar vonne Damen vonne Seniorensportgruppe auf ein Käffken un ein Likör bei uns vorbeigucken und dat waret auch.“ antwortete Käthe zwischen zwei Schlückchen.
„Un außerdem hat der uns doch immer erzählt, wat die Nachbarn so treiben tun. Sons war ja auch keinen bei dem mehr, die Frau tot, die Kinders im Ausland, keine Freunde. Deswegen hat der auch gerne bei uns meine Bratkartöffelkes gegessen…Aua, wat tuste mich eigentlich immer treten, Käthe?“ Änne Kowalski, klein, drall und Kittelbeschürzt, rieb sich ihr rechtes Schienbein.
„Wat willste kneten? Geh mich fott mit sonne Schweinereien, Änne. Wat soll der Herr Polizeipräzidant denn von uns beide denken? Dat war alles ehrbar, Herr Eminenz, wat mittem Schmidt in unsere Wohnung abgelaufen is! Wollense nich doch ein Kleinen…?“
Manczowiak wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ich muss weiter…und Alkohol im Dienst…Sie wissen schon! Auf Wiedersehen, meine Damen!“
„Hömma, Änne, ich glaub, wir beide müssen dem helfen tun! Alleine kriecht der Schmerbauch dat Schwein, wat unser Schmidtchen vonnem Leben inne ewige Selichkeit kopuliert hat, nie! Wir müssen uns ein Schlachtplan überlegen. Gib mich ma die Flasche mittem Likör…“ Käthe zupfte den Rock züchtig über die knochigen Knie. „Dat hilft beim Nachdenken!“
Die beiden Schatten wirkten wie ein Scherenschnitt von Dick und Doof. Lange, dunkle Pelzmäntel umhüllten eine kleine, korpulente und eine große, hagere Figur. Bei der kleineren reckten sich zwei Zipfel keck vom Kopf in die Dunkelheit des Treppenflures, die größere schien mit ihrem Schopf an eine Hochspannungsleitung geraten zu sein.
„Siehste, Käthe, ich hab dich doch gesacht, datt die dat innem Tatort auch immer so machen. Die Tür is zugeklebt! Un du wolltest nich, datt ich den Heißwasserkocher mitnehmen tu…“ flüsterte Änne.
„Is ja gut, nu halt den Pott schon unter dat Siegel. Ich tu nich gerne hier stehen, wennet sein kann, datt die olle Schmitz-van t’Heeren jeden Moment von ihre angebliche Patienten-Legerei mittem Pastor zurückkommt. Tut doch jeder wissen, wer da auffen Rücken gelecht wird…“ Käthes uralte Schwarzfuchs-Pelzmütze bewegte sich hektisch hin und her. „Is nur gut, datter sich damals mitte Reserveschlüssel vertan hat, der Schmidt un uns einen von seine Bude gegeben hat. Kannste dich noch erinnern, als der olle Kaluweit nich in seine Wohnung kam un Schmidt eine Woche innem bayerischen Wald Urlaub gemacht hat? Da hammer den Kaluweit einfach bei dem auffe Couch schlafen lassen. Nur datt der Kaluweit seine ganzen leeren Bierpüllekes inne Wohnung hat stehen lassen. Danach isser nie wieder irgendwo hingefahren…der Schmidt, nich der Kaluweit.“
„Ich tu nur daran denken, datt ich hier wat nich Illegales tu! So…jetzt gibbse mich ma den Schlüssel…un drin sind wir! Nu komm schon, Käthe!“ Änne zerrte ihre Schwägerin am Pelzärmel in die nach Mottenkugeln riechende Wohnung.
Der Kommissar tappte auf Zehenspitzen über die uralten Marmorfliesen. Hoffentlich bemerkte ihn niemand von den Hausbewohnern. Manczowiak verspürte nicht das geringste Bedürfnis nach Gesellschaft, insbesondere diesen zwei seltsamen Alki-Schachteln aus dem ersten Stock des Gründerzeit-Mietshauses galt es aus dem Weg zu gehen. Der Obduktionsbericht stand noch aus, aber ihn hatten die Informationen der beiden Frauen über den toten Hausmeister doch beschäftigt. Vielleicht hatten die Kollegen ja etwas übersehen. Zudem war an Schlaf bei ihm nicht zu denken gewesen. Vorsichtig bewegte er seine 140 kg weiter Richtung Hausmeistertür.
„Was in drei Teufels Namen machen Sie denn hier? Sie…Sie…!“
„Schitte, Käthe - die Bullen sind da…!“ entschlüpfte es der überraschten Änne.
„Is ja auch nich zu übersehen, Änneken.“ Ein das ausladende Format abschätzender Blick Käthes streifte den Kommissar von oben nach unten und zurück. „Wir tun hier nach Beweise suchen. Eigentlich wär dat ja Ihre Aufgabe, oder?“
„Nicht frech werden, meine Dame! Ähem…haben Sie denn schon etwas gefunden, Frau Stankowski?“
„Schieselowsky! Aber sagen Se man ruhich Käthe zu mich. Und dat neben mir is dat Änne. Wir haben jede Menge gefunden…da kriegen Se Stielaugen wie ein Hammerhai…oder wie heißen die Viechers, Änne? Kommen Se ma mit…“
Mehrere Videokameras, ein Computer mit der neuesten Fotobearbeitungssoftware, und eine hochmoderne Digitalkamera waren auf dem Arbeitstisch im Schlafzimmer aufgebaut, neben dem Bett stand anstelle eines Nachtisches ein Metallschrank.
„Da müssen Se ma reingucken! Der hat alles un jeden mit nem genauen Datum un mitte Uhrzeit hier abgelecht. Nur uns nich…“
Manczowiak war sich nicht sicher, ob nicht eine Spur von Entrüstung über den Fakt, nicht interessant genug gewesen zu sein, in Käthes Stimme mitschwang.
„Guck ma, die Söldenmeier hat nen Krömken…un der Hahn aussem dritten Stock…der geht immer mit nem kleinen Mädchen spazieren. Vielleicht is der ja so ein Präferenzler…!“ Käthe blieb die Luft weg vor Empörung.
„Päderast, Frau Käthe! Das heißt Päderast. Wahrscheinlich ist es aber nur seine Tochter.“
„Da hat der Kommissar aber nu wirklich Recht, Käthe!“ mischte Änne sich ein. „Ich mein auch, dat der Hahn geschieden is. Hat mich die Frau vonnem Hannes Kasulke mal erzählt. Auf jeden Fall tut mich dat alles hier so aussehen, als wennet ne ganze Menge von Leute geben tut, die ein Grund hätten für nen Mord. Oder wat meinen Sie? Un wennse mich noch wat fragen tun, dann sollten wir uns ne Liste machen mit alle, die hier inne Kartei als Leichen rumliegen un nach einander die Leute interfiefen. Dat sollten wir tun! Hat eigentlich keiner außer mich Hunger? Ich würd uns dann ne Pfanne mit lecker Bratkartöffelkes machen…“
„Nachts um drei tun deine Schieb inne Pann immer am leckersten schmecken, Änne!“ lobte Käthe. „Tu dem Kommissar ma noch ein Eiken machen, der braucht dat Eiweiß für seine Denkereien.“
Manczowiak winkte kauend ab. Die Portion, die ihm Änne auf den Teller gehäuft hatte, kam ihm wie der kartöffelige Mount Everest vor und er konnte zum ersten Mal in seinem Leben ahnen, wie es sich im Schlaraffenland anfühlen musste. Gott sei Dank hatten er und seine beiden Gastgeberinnen vor dem Mahl die Liste der Verdächtigen erstellt. Nun wünschte er sich nichts sehnlicher als einen Wacholder und ein Bett.
„Damit das klar ist…hmpfff…SIE beide halten sich raus aus den Ermittlungen, ja? Morgen, äh, heute früh werde ich mit den Befragungen beginnen. Von Ihnen beiden will ich nicht einen Kostüm- oder Kittelschürzenzipfel sehen! Haben wir uns verstanden?“
„Ay, Sir! Sie werden nichts sehen von uns, versprochen!“ Änne zwinkerte fast unmerklich ihrer Schwägerin zu.
„Käthe, dat muss jetzt aber reichen!“ Änne tippte energisch mit dem Kuli auf das Blatt vor ihrer Schwägerin.
„Ich hab nur noch ma überprüfen tun wollen, ob wir auch alle aufe Liste haben. Hör ma zu:
Überschrift: Verdächtige Leute im Mordfall Hausmeister
1. Gerda Söldenmeier, 36, dritter Stock links. Hat ein Verhältnis mit dem Betreiber der Tanke „Gut Sprit“ am Verteiler. Ehemann Günther (Stahlarbeiter bei Mannesmann, Nachtschicht) weiß nichts davon. Oder doch?
2. Herbert Hahn, 48, Dachgeschoß rechts. Geschieden, angestellter Buchhalter in einer kleinen Firma für Autozubehör. Ist das kleine Mädchen seine Tochter?
3. Barbara Vollmüller, 56, dritter Stock rechts, allein stehend, arbeitet als Kassiererin im Supermarkt. Scheint ein Problem mit dem Bezahlen von Waren zu haben (laut Frau Söldenmeier).
„Der Esel nennt sich immer als Ersten!“ warf Änne ein.
„Änne, wenn ich dich als erstes genannt hätte, dann wärst du jetzt der Esel un dann hätteste auch gemeckert! Hör lieber weiter zu:
5. Lieselotte Schmitz-van t’Heeren, 65, Zweiter Stock rechts, Witwe mit guter Altersversorgung. Erhält häufig Besuch von „Neffen“, die allesamt keinerlei Familienähnlichkeiten aufweisen.
6. Gerhard Hofmeister, erster Stock rechts, um die 60, war früher beim Finanzamt, jetzt in Frühpension. Warum weiß keiner. Geschieden, was man so hört. Keine Damenbekanntschaften bekannt. Sieht man kaum, den Herrn Finanzrat.
7. Tobias Metzger, Langzeit-Irgendwas-Student, bewohnt das Dachgeschoß links mit wechselnden Freundinnen. Die Musik von ihm hört man bis in den Keller. Hat sich öfters mit Schmidt in den Haaren gelegen.
8. Helmuth und Maria Kleckenbrot, 1. Stock links, er 52, sie um die 30. Helmuth „macht in Immobilien und Finanzberatung“. Maria ist aus Asien importiert, kein Gespräch möglich mit ihr. Laut HM Aussage aber häufiger „Kampfgeräusche“ aus der Wohnung. Schlägt Kleckenbrot seine Frau?
9. Hilmar Höncken, Mitte 30, zweiter Stock links, seit kurzem arbeitslos, versuchte, sich im Keller eine kleine Schreinerwerkstatt einzurichten wegen „Nachbarschaftshilfe“. Ehefrau Gisela geht nachts putzen in der „Silberburg“ und im Innenhafen. HM Schmidt hatte Streit mit H.H wegen Kreissägenbenutzung in der Mittagszeit.
10. Hansi Schmidt, Erdgeschoß links, Hausmeister, tot und damit unverdächtig.
So! Wat sachste nu, Änneken?“
„Ich sach, datt wir jetzt schlafen gehen tun! Wenn wir heut gegen vier Uhr annem Nachmittach die Nachbarn auffen Totenumtrunk inne Bude zu uns einladen, muss ich inne Küche bei die Hondrövensmacherei alle Knöppe anne Kittelschürze haben. Da werden wir schon wat rauskriegen von wegen die Motive un so, oder wat sachst du, Käthe?“
Käthe Schieselowsky antwortete nur mit einem zierlichen, leisen Schnarcher. Sie schlief schon, den Pudellockenkopf auf die Küchentischplatte aus Resopal gelegt.
„Also, ich finde das ja ganz reizend von Ihnen beiden, dass sie zu Ehren des Herrn Schmitz, der liebe Gott hab ihn selig, so einen Tod sterben zu müssen, also nein wissen Sie, da möchte ich doch lieber im eigenen Bett dahinsiechen, also, ich finde das wie gesagt, ganz, ganz reizend von Ihnen, diese Idee mit der Trauerrunde, ich sage ja immer…“
„Ich muss ma inne Küche nach die Hondrövens gucken gehen!“ schnitt Änne der Schmitz-van t’Heeren das Wort ab. Seit zehn Minuten hing die Nachbarin aus dem zweiten Stock an ihr wie eine Klette und hörte einfach nicht auf zu reden. Dabei fuchtelte Lilo, wie sie genannt werden wollte, mit einer übermäßig beringten Hand vor Ännes Gesicht herum. Überhaupt schien die dralle, von Sonnenbank- und Kosmetikerinbesuchen gezeichnete Frau keinerlei Scheu in fremden Räumen zu verspüren. Hemmungslos begutachtete sie die Möbel, inspizierte die Familienbilder und redete, redete, redete.
„Puh, hömma, Käthe, tu mich diese Halb-Holländerin vonnem Leib halten, sonst ramm ich der noch ein ganzes französisches Stangenweißbrot innet Maul…wie läuft dat denn bei dir mitte Aushorcherei?“ Änne legte ein paar Oliven auf die große Platte mit Schnittchen. „Haste die Tür zugemacht? Die müssen dat ja nich mitkriegen!“
Auch Käthe machte sich nützlich. Sie legte neuen Schampus von Aldi in den Kühlschrank. „Ich hab dat auch nich leichter als du, nur andersrum. Der Hofmeister hält sein Glas mittem Orangensaft un seine Klappe fest. Sacht nur Ja un Nein un Danke. So ein Stiesel! Un die Kleckenbrots…dat Maria tut nur scheu inne Gegend rum gucken. Stumm wie ein Fisch is dat Mäuschen. Ich werd gleich ma die harten Sachen anstatt dat Kribbelwasser ausschenken. Vielleicht wird dann bei denen die Zunge lockerer. Mit die anderen hab ich mich auch noch nich beschäftigen können.“
„Is der Hönken eigentlich schon aufgetaucht?“
„Muss ich noch mal nachgucken gehen. Der Typ schleicht ja immer durche Gegend, datte den garnich sehen tust. Ich mach den nich, un diese Sache mitte Nachbarschaftshilfe is doch auch erlogen un erstunken, wenne mich fragst. Un nu mach mich ma die Tür auf, ich hab dat gar nich so gern, wenn fremde Leute unbeaufsichtigt in unsere Bude rumscharwänzeln.“ Ännes Schwägerin hievte ein Schnittchentablett hoch. „Auf innen Kampf, Änne!“
Knappe zwei Stunden später flirtete die strohblonde Gerda Söldenmeier hemmungslos mit dem dünnhaarigen Herrn Kleckenbrot, dessen, wie nunmehr herausgebracht worden war, philippinische Ehefrau sich mit dem Spülen von Gläsern und Tellern in der Schieselowsky-Kowalskyschen Küche beschäftigte. Der vehemente Einsatz von Eierlikör (mit Gin gestreckt) und Pharisäer zeigte erste Erfolge: Barbara Vollmüller, die Kassiererin, berichtete leicht lallend von dreisten Frischfleisch-Umetikettierungen in ihrem Supermarkt, Lilo Schmitz-van t’Heeren schlief selig und glücklicherweise stumm auf der Chaiselongue. Herbert Hahn präsentierte sich als ebensolcher im Damenkörbchen, indem er den Flirt zwischen der Söldenmaier und Kleckenbrot mit recht handgreiflichen Betatschungen der Nachtschichtler-Gattin zu unterbrechen versuchte. Günther Söldenmeier war schon zur Schicht aufgebrochen. Der Dachgeschoß-Student Tobias Metzger war mit einer Rot-Lila-Gefärbten Punk-Freundin aufgetaucht und durchforstete mit angewidertem Gesichtausdruck den Plattenschrank der beiden Schwägerinnen.
Hofmeister, pensionierter Finanzbeamter hielt sich nunmehr an seinem Glas und an der alten Konsole von Änne fest. Jetzt machte er der verstummten Lilo in Punkto Redseligkeit Konkurrenz.
„Liebe Frau Käthe, ich sage Ihnen eins, dass der alte Schmitz mal so enden musste, war ja wohl klar wie…wie…“
„Buchstabensuppe?“ half Käthe aus.
„Genau! Dieses Rumgestochere in den Angelegenheiten anderer. Der hatte doch alles hier im Viertel im Visier. Ich habe mir, widerwillig natürlich, mal so einige Geschichten, die er in der Nachbarschaft verbreitete, mal angehört….da kann man nur froh sein, dass man selber nicht in seine Schusslinie geraten ist. Aber das ist ja jetzt endgültig ausgestanden, dieses unerfreuliche Thema, nicht wahr, Gnädigste?! Was sagen Sie eigentlich zu diesem Metzger, immer unterwegs mit neuen Frauchen. Student müsste man sein, woll?“
„Och nö, dat is nix für unsereins. Lassen se dem Jung doch sein Vergnügen!“ Käthe versuchte aufs Ganze zu gehen. „Sagen Se ma, in Ihrem Alter, is dat nich ein bissken zu früh, um so als Rentner durchzugehen? Ich mein, Sie sind doch jetzt innem besten Mannesalter, …un mittem Schmitz…also ich glaub ja, datt da irgendeinem dat Hinterteil auf Grundeis gelaufen is un der dem Schmitz seine Rumspionierei endgültich austreiben wollte. Wenn dat man nur nich einer ausse Hausgemeinschaft war!“
Hofmeister verschluckte sich an seinem aufgepeppten Eierlikör. „Frau Käthe, Gnädige, Sie meinen doch nicht etwa, dass einer der unsrigen…“
„Doch, dat tu ich glauben!“ antwortete Käthe forsch und für alle im Raum unüberhörbar. „Un wenn ich noch ein bissken Zeit hab, dann krieg ich auch die Beweise dafür. Ihnen kann ich dat ja sagen: der alte Schmitz, der hat über alle hier im Haus Buch geführt. Und seine Kartei, die hatter bei die Änne un mich kurz vor sein Tod bei uns deklariert, weiller sich gefürchtet hat.“
„Ich hoffe, Sie haben die Unterlagen ordnungsgemäß diesem Polizisten übergeben.“
„Pah, Polizei! Wenn man sich auf die verlassen tut, dann is man verlassen!“ tönte Käthe. Dann wandte sie sich an den Studenten, der gelangweilt mit seiner Freundin in einer Ecke stand. „Hömma, Jung, mach doch ma ein bissken Mucke hier! Wenne nich mit dem zufrieden bis, watte bei uns findest, dann stell uns doch ma deine Lieblingssänger vor!“
„Ehrlich, Frau Schieselowsky?“
„Un wie ehrlich dat die Käthe meint! Da kannste dich ein Ei drauf braten!“ bekräftigte Änne, die gerade zum wiederholten Male versucht hatte, die kleine, schüchterne Maria vom Spülen abzuhalten. Dann zog sie ihre Schwägerin in den kleinen Hausflur mit der schallschluckenden Massiv-Eiche-Garderobenwand.
„Haste da nich ein bissken dick aufgetragen, Käthe? Wenn nu…?“
„Ein bissken Risiko is immer! Notfalls tun wir den Manczowiak rufen! Un jetzt gibbse mich ma die Nüsskens rüber, die will ich auffen Tisch stellen. Fett is gut als Grundlage bei sonne Party.“
In der Wohnung im rechten Erdgeschoß tobte der Bär. Der Student mitsamt Punkerlady hatten die Stereoanlage von Käthe und Änne zu einem Megablaster umgebaut, aus den Lautsprechern dröhnte Musik von „Caustic Christ“.
„Watt issen dat für’n Krach, Tobias?“ brüllte Änne.
„Das ist eine echt scenic amerikanische Hardcore-Anarcho-Punk-Crustcore-Band, ist doch voll das Brett, oder?“ schrie Tobias zurück. „Ich finde das echt hypertonisch, dass Leute in Ihrem Alter noch rumtrashen können! Hätte ich nicht gedacht. Meine Pseudo-Mantalette findet Sie auch echt stark! Haben Sie übrigens schon gesehen, dass sich der Hahn als Hacker bei der Tuss von dem Söldenmeier versucht hat? Fehlt nur noch, dass der seine Kiezbotten rausholt und diese Nullchecke knattert. Auffem Weg in Ihre Rammelbude war der ja schon, is dann aber wieder abgedreht, als er mich gesehen hat!“
„Ach so…“ Änne ging eine weitere Unterhaltung mit ihrem jugendlichen Gast eindeutig über die Stimmbandkapazitäten. Barbara Vollmüller hatte sich als fristlos gekündigt geoutet und wurde nun von Hilmar Hönken aus dem zweiten Stock hingebungsvoll getröstet. Hofmeister schüttete Lieselotte Schmitz-van t’Heeren und sich weiter mit gepanschten Eierlikör aus Wassergläsern zu. Er schien einen immensen Durst entwickelt zu haben. Seine Lippen waren so geschwollen wie seine Rede. Leicht lallend und schwankend dozierte er in immer unsinniger werdenden Tiraden über Finanzen und seine Zimmerpflanzen-Zucht.
Maria, die Philippinin hatte sich mit Händen und Füßen darum beworben, in der Küche der Schwägerinnen eine provisorische Mitternachtssuppe nach einem heimischen Rezept zu kreieren. „Is very hot!“ hatte sie versichert, was gleichzeitig das Einzige war, was sie bisher gesagt hatte.
„Das habe ich nur diesem verdammten Schmidt zu verdanken!“
Änne horchte auf. Sie versuchte gerade, die alten Bleikristallgläser im Wohnzimmerschrank vor dem Zerbersten zu retten. Vorsichtig schob sie die klirrenden Gläser auseinander, versuchte dabei gleichzeitig im allgemeinen Krach noch etwas von dem Gespräch auf der Couch mitzubekommen.
„Am liebsten würde ich…“
Die christlichen Caustiker gaben ein Furioso zum Besten, dass der Kristalllüster bedenklich zu pendeln begann. Leider ging auch der Rest des Gesprächs in den Tonschwingungen unter. Mit dem allerletzten Ton von „Mirror Punching“ ertönte der spitze Schrei von Witwe Schmitz-van t’Heeren …
Gerhard Hofmeister hatte augenscheinlich den allerletzten Eierlikör-Cocktail seines Lebens getrunken. Mitten in einem Exkurs über die Standortvorlieben von Alpenveilchen sowie deren Abrechnungsmöglichkeit als Sonderausgaben bei der Lohnsteuerjahreserklärung hatte er schlagartig in das üppige Dekolletee von Lilo erbrochen, sich an die Brust gefasst und war kalkweiß wie die Raufasertapete von Käthe und Ännes Wohnzimmer zusammengesunken.
„Käthe! Tu den Notarzt rufen… nee, …ruf lieber die Polizei an!“ Änne hatte Bleikristall Glas sein lassen und war zu dem am Boden liegenden Hofmeister gestürzt. „Der is mausetot. Ich tu ma auf Herzinfarkt zu tippen. Aber so genau weiß man dat ja nich in diese Zeiten. Un nu tut ihr alle ma ein bissken zurücktreten un stellt ma diese Heulbojen ab.“
„Boah, is echt voll krass bei dich, Alder, ey!“ Die Punk-Lady warf Tobias einen verliebten Blick zu und drehte den Stereoanlagenknopf auf „Aus“. Alle anderen standen wie erstarrt und beobachten Änne, die feierlich ihre Kittelschürze auszog, um sie dem Toten über Oberkörper und Gesicht zu legen.
Friedhelm Manczowiak raste hinter der Bereitschaftspolizei her. Die Bratkartoffeln um drei Uhr nachts hatten ihm äußerst schwer im Magen gelegen, an Schlaf war nicht zu denken gewesen und auch die Befragung der Hausbewohner hatte rein gar nichts ergeben. Frustriert hatte er seine Tasche gepackt um gegen 20 Uhr endlich nach Hause zu gehen. Gerade, als er an dem Glaskasten der Einsatzzentrale im Duisburger Polizeipräsidium vorbeigekommen war, stürmten 10 Polizisten auf ihn zu. „Was ist los, ihr Verrückten?“ brüllte der Kommissar, schützend seine Aktentasche vor den teuer angemästeten Bauch haltend.
„Einsatz Moselstrasse. Ruhestörung und Todesfall. Und jetzt geh aussem Weg, Dicken!“
„Moselstrasse? Ich komm mit! Wartet auf mich!“
Hinter dem Steuer seinen uralten BMWs sitzend, sinnierte er beim hemmungslosen Überfahren roter Ampeln und ebensolcher Missachtung von Geschwindigkeitsbegrenzungen darüber nach, was ihn wohl erwarten würde. Die Adresse war in der gleichen Strasse in der auch Käthe und Änne wohnten, die beiden gastfreundlichen Schwägerinnen im Mordfall HM Schmidt. Hoffentlich war den beiden alten Täubchen nichts geschehen. So verschroben sie auch waren, Bratkartoffeln konnten sie zaubern…hmmm…und auf den Kopf gefallen waren die beiden auch nicht. Überhaupt, die Damen waren ihm ans Herz gewachsen, nichts als Scherereien hatte man mit ihnen, erhielt aber dafür das warme Gefühl, ein Mitglied ihrer Familie zu sein. Der Kommissar bog mit quietschenden Reifen am Stadttheater in die Moselstrasse ein und stoppte zwischen den Einsatzwagen.
„Jetzt mal ganz ruhig…Frau Käthe, was ist passiert?“
„Dat müssen Se die Änne fragen, ich war inne Abstellkammer, weil dat Maria mich zu verstehen gegeben hatte, datt se irgendwelche Konserven brauchte für dat Süppken. Weil ich nich wusste, wat se haben will, hab ich alles, wat an Erbsen un so da war, inne Küche geschleppt. Auf einmal hat die Änne nach mich geschrieen, datt ich Sie anrufen sollte un da lag der Hofmeister schon tot auffem Perser. Sagen Se ma, ihre Leute hier, die tun doch hinterher alles wieder aufräumen, oder?“ Käthe schaute sich mit zweifelndem Blick um. Nicht nur, dass zehn Bereitschaftspolizisten alle Räume der Wohnung bevölkerten – auch die Gäste waren in der Wohnung zurückgehalten worden. Hinzu kamen der doch noch gerufene Notarzt samt Begleitpersonal und etliche, in weiße Papieranzüge gehüllte Leute von der Spurensicherung. Diese packten alles, was nicht niet- und nagelfest war in durchsichtige Beutelchen.
„Ähem…ich glaub schon.“ Wand sich der Kommissar. „Was mich persönlich stark interessieren würde…warum um alles in der Welt haben Sie beide das ganze Haus eingeladen? Ich hätte Sie für pietätvoller gehalten …“
„Wir wollten eigentlich Ihnen ein Gefallen tun!“ schnappte Änne. „Wir konnten ja nich wissen, datt der Hofmeister ausgerechnet bei unsere innere Totenfeier für den Hausmeister sein Löffel abgibt. Ich tipp ja auf Infarkt, so wie damals, als der alte …“
„Sie wollten was??? Ich hatte Ihnen doch gesagt, dass ich nicht ein Zipfelchen von Ihnen bei meinen weiteren Ermittlungen sehen will! Ja, ist es denn?“ schrie Manczowiak. „Die Sache mit dem Herzinfarkt können Sie getrost abschreiben. Der Notarzt hat auf unnatürlichen Tod bescheinigt. Der hält eine Vergiftung für wahrscheinlicher. Jetzt gibt es eine Autopsie. Natürlich ist nun auch die Sache mit dem Hausmeister offiziell noch einmal unter dem Aspekt des Fremdverschuldens zu betrachten. Wissen Sie eigentlich, was ich mir für Sorgen…?“
Käthe und Änne wechselten einen kurzen Blick.
„Jetzt sagen Se nich, datt Se sich Sorgen um uns beide gemacht haben, Herr Friedhelm! Dat find ich aber lieb von Ihnen. Nur, um uns beide brauchen Se sich keine Sorgen zu machen – uns kriecht man nich so leicht unter die Erde! Dat haben schon ganz andere versucht!“ meinte Käthe. „Außerdem haben wir so einiges erfahren, wat für Sie interessant sein könnte. Haben Se nich Lust, auffen kleines Nachtmahl wiederzukommen, wenn Ihre Kollegen sich hier verdünnisiert haben? Sie haben doch bestimmt noch nix gegessen bis jetzt…“
„Ich mach auch Bratkartöffelkes mit Frikkos!“ schob Änne als weitere Verlockung nach.
In der Küche von Käthe und Änne saß Manczowiak vor zwei Bremsklötzen und einer verlockend duftenden Portion Bratkartoffeln. „Ich habe mit der Pathologie gesprochen. Ausnahmsweise haben die mal gespurt: Ihr Nachbar ist auf eine ganz perfide Art und Weise um sein Leben gebracht worden. Leider sieht es auf Grund der ersten Spuren so aus, als ob Sie beide Hofmeister um die Ecke gebracht haben. Unter den Nüssen…“
„Von unsere Nüsskens is noch nie einer gestorben. Mandeln, ja! Aber die tun wir beide schon seit Jahre nich mehr einkaufen, weil die häufig sonne bitteren dazwischen haben un wir nich anne Mandelsäurevergiftung sterben wollen. Dat kommt ja alles neuerdings irgendwo aus so Länder, wo se nich so aufpassen tun. Und überhaupt, wat soll dat heißen, datt wir…nee, ährlich!“ Änne protestierte mit funkelnden Augen und zog den Kommissarsteller zu sich. „Käthe, ich glaub, ich hab den Falschen zum Essen eingeladen.“
„Was glauben Sie, warum Sie noch nicht im Präsidium sitzen und dann in Untersuchungshaft wandern? Weil ich dafür gesorgt habe, dass Sie mir weiter auf meinen Nerven gehen können!“
Käthe drehte versonnen eine Papierserviette zu kleinen Krampen. „Nu ma Butter bei die Forelle! An wat genau is der Hofmeister gestorben?“
„Das Zeug heißt Seidelbast, wächst in jedem zweiten Garten als Blickfang. So wie ich unsere Laborratten verstanden habe, ist es ein leichtes, die Samen in eine Nussmischung zu bringen. Nur in diesen Körnern ist ausreichend Gift, um einen Menschen umzubringen. Wirkt schnell, innerhalb von 5 Minuten. Erst gibt es einen kleinen Ausschlag, dann schwillt die Mundschleimhaut an und man bekommt tierischen Durst. Dann gibt es Bewusstseinsstörungen und zum schlechten Schluss den Kreislaufzusammenbruch und Atemstillstand. Genau diese Körner haben wir in den Nüssen gefunden, die Sie aufgetischt haben. Nur bei dem Massenauflauf, den sie hier veranstaltet haben – da waren keine Spuren zu sichern. Alles zertrampelt und auf Nüssen sind Fingerabdrücke nicht nachweisbar.“
Änne schob den Teller wieder unter die Nase von Manczowiak. „Un ich hab mich noch gewundert, datt der Hofmeister sich ein Hühnertod nachem anderen rein gezogen hat. Aber dat passt alles - der hatte Durst, un dann hatter auch völlich durcheinander geredet. Bei dem machten die Begonien Steuererklärungen un so. Datt die Schmitz-van t’Heeren sich dat so angehört hat, lag wahrscheinlich nur da dran, dattse genauso breit war wie braun. Die is erst nüchtern geworden, als der Hofmeister ihr innen Ausschnitt gegöbelt hat. Also, die können wir schon ma ausschließen. Aber ich hab dir ja gesacht, Käthe, datt dat zu gefährlich is, wenn Du da rumtönst, du hättest die Unterlagen vonnem HM! Du wolltest dat ja nich glauben - bestimmt waren diese Kerne für dich bestimmt. Nur weil der Hofmeister schneller als du anne Schälkes war,…“
„Sie haben …ja, teufelnocheins, seid ihr beiden denn von allen guten Geistern verlassen? Raus jetzt mit der Sprache, was habt ihr noch alles in petto?“
„Na ja…“ begann Käthe zögernd, „Wir haben gedacht, datt ein bissken Eierlikör bei unsere Nachbarn die Zunge lockern tät. Hätt ja sein können, datt sich einer verplappert oder so. Auf jeden Fall haben wir rausgekriegt, datt die Vollmeier tatsächlich innem Supermarkt öfters wat hat mitgehen lassen. Un der Schmidt hat die erpresst, für ihn immer ne Flasche Korn einzupacken. Un dann hatter doch inne ganze Nachbarschaft rumerzählt, dat die Vollmeier klauen tät. Dat hat der Chef von der auch gehört un se dann rausgeschmissen. Genau an dem Tach, an dem der Schmidt…Jetzt tut die noch nich ma Arbeitslosengeld kriegen!“
„Un die Söldenmeier hatter auch erpresst, wegen deren Krömkens. Der Hahn hat den Mann vonner Söldenmeier wutentbrannt ausse Wohnung stürzen sehen, geradewegs zu die Haustür vonnem Schmidt. Wahrscheinlich hatter entdeckt, datt der Hausmeister auch ma seine Wurstfingerkes bei seine Angetraute, na, Sie wissen schon! Der Hönken war um die Zeit, an dem der Schmidt die Treppe runtergefallen worden is, nich in seine Wohnung, die Freundin vonnem Tobias hat den innen Keller gehen sehen, als se innet Dachgeschoß rauf wollte. Die sieht zwar ein bissken komisch aus, aber ich glaub, die is mittem richtigen Herz auffem Fleck…“ ergänzte Änne.
„Langsam, bitte!“ stöhnte Manczowiak. „Ich habe die doch alle verhört! Da hat kein Schwein was von all dem erzählt!“
„Sie hatten ja auch kein Eierlikör mit Gin!“
Lautes Schnarchen drang von der altmodischen Couch.
„Ich glaub, wir können gehen!“
„Jau! Wat so ein bissken von meine Schlaftröpfkens innet Bier geschüttet doch ausmachen. Ich tu den Herrn Friedhelm noch wat zudecken un dann geht dat los.“ Auf Zehenspitzen schlich Änne zum Sessel, nahm die darauf sorgfältig gefaltete Decke und breitete sie über dem schlafenden Kommissar aus.
„Als Erstes tun wir jetzt ma inne Mülltonnen gucken. Hasse die Taschenlampe, Änne?“ fragte Käthe leise.
„Sicher, ich hab sogar Gefrierbeutelkens inne Kitteltasche. Für dat Sichern vonne Beweise. Hab ich mich bei die Leute vonne Spurensicherung abgeguckt, als die unsere Bude auffen Kopp gestellt haben. Un die Putzhandschuhe hab ich auch eingesteckt. Un nu komm schon, bevor unser Schlafgast wieder aufwachen tut…“
Stolz wie Oskar standen Änne und Käthe vor dem immer noch schnarchenden Friedhelm Manczowiak. „Sollen wir den Herrn Friedhelm aufwecken oder gehen wir auch erst mal innet Bett? Ich mein, dat is ja schon wat Besonderes, dat wir den Beweis gefunden haben, wer der Mörder is vonnem HM un dem Hofmeister. Aber müd bin ich auch…“ murmelte Käthe mit einem liebevollen Blick auf den Kommissar. „Aber der tut so schön schlafen! Dat wär echt ne Schande, dem seine Träume jetzt zu destruktieren. Wat meinst du, Änne?“
„Ich sach ma, Gefahr innem Vollzuch is nich angesagt, weil die alle schlafen tun. Dat weiß doch keiner, datt wir wissen…komm, wir hauen uns ein bissken wat auffet Hörorgan. Aber du denkst dran, datte dein Hörgerät vorher raus nimmst, ja? Sons erzählste mir nachher, datt die ganze Restnacht dat Heizungsventil gepfiffen hätt!“
Vier Stunden später durchzog der verlockende Duft nach frisch aufgebrühtem Kaffee die Wohnung. Friedhelm Manczowiak schnupperte mit noch geschlossenen Augen. Er konnte sich nicht erinnern, jemals in den letzten Jahren so tief und erholsam geschlafen zu haben – auch wenn sein Bett irgendwie schmaler geworden zu sein schien. Zudem fragte er sich schläfrig, wer in seinem Domizil zum Teufel noch einmal die Kaffeemaschine angeschmissen hatte.
Kaffeemaschine…er besaß doch gar keine….der Kommissar riss die Augen auf und starrte direkt in ein freundlich lächelndes Gesicht, welches von einem Kranz silbern schimmernder Lockenwickler umrahmt war.
„Isset nich ein wunderschöner Morgen, Herr Friedhelm? Ich sach Ihnen…dat wird DER Tach für Sie! Ach wat…für die ganze Polizei von Duisburch! Hier hammse erst ma ein Käffken!“ Käthe, züchtig in einen hochgeschlossenen, bodenlangen Morgenmantel gehüllt, hielt Manczowiak einen dampfenden Becher unter die Nase.
„Änne…du kannst mittem Eikenkochen anfangen!“ schrie sie in Richtung Küche.
Verwirrt setzte sich der Kommissar auf. „Habe ich etwa bei Ihnen auf der Couch…?“
„Jau, wie ein Engel hammse geschlafen. Dat Schnarchen war ein bissken störend, aber dat Änne un ich, wir konnten sowieso nich pennen. Wir haben nämlich Neuigkeiten für …“
„Wie spät ist es eigentlich?“
„Gleich fünf Uhr inne Frühe. Wennse sich frisch machen wollen, bevor Se den Mörder einbuchten – ich hab von meinem Mann dat alte Rasierwasser rausgeholt un noch ein Einmalrasierer gefunden. Hatten die vor ein paar Jahre mal preiswert im Angebot bei Wuhlwörft. Handtücher liegen auffe Kante vonne Badewanne. Ich hab auch ein Hemd von meinem Willi rausgelecht, der hatte die gleiche intrigante Figur wie Sie. Dat müsste eigentlich passen ummen Bauch rum un so. Un wennse fertich sind, kommen Se inne Küche. Dann is dat Frühstück fertich. Aber beeilen Se sich: nur dat frühe Piepmätzken tut nich innen Brunnen fallen un findet ein Korn. Also los…husch, ab innet Badezimmer!“
Völlig überrumpelt von Käthes Elan stolperte der Kommissar Richtung Bad.
Friedhelm Manczowiak blieb der erste Bissen des appetitlich angerichteten Frühstücks im Halse stecken. Änne hatte ihm gerade eine riesige Mülltüte, mit bestialisch nach Fisch und verrottendem Unrat gefüllt, neben seinen Kaffeebecher gelegt.
„Da is ein Teil vonne Beweise drin! Un hier…tatata…“ Sie zog einen kleineren Frischhaltebeutel aus der Tasche ihrer Kittelschürze, die sie über einem großblumigen Neglige trug, „…hier ist der Beweis, wo die Kerne hergekommen sind. Alles frisch ausse Mülltonnen heut Nacht rausgepult un sichergestellt! Wat sagen Se nu? Also, wir tun ja wissen, wer der Mörder war.“
„Genau, weil wir konbizioniert haben! Hier innem Haus isset nämlich so, dat die Mülltonnen nich alle gemeinsam gehören, sondern dat jede Wohnung ne eigene hat! Un die Mülltonnen, die hat nämlich keiner von Ihre Spürnasen durchsucht. Da warn die sich zu fein für! Un nu erzählen wir Ihnen ma, wer der Mörder is…“
Wie zwei Höllenwächterhunde hatten sich Käthe und Änne neben dem Kommissar vor der Wohnungstüre aufgebaut. Mittlerweile angezogen, Käthe mit einem Stockschirm in Habacht-Stellung und Änne mit einer riesigen, gusseisernen Pfanne vor der Brust, flankierten sie den mit einem makellos gebügelten Hemd, aber zerknittertem Anzug dastehenden Manczowiak.
„Nu klingeln Se schon!“ drängte Änne. „Die Pfanne is verdammt schwer!“
Helmuth Kleckenbrot öffnete die Tür nur einen Spalt. „Was wollen Sie denn um diese Zeit…?“
„Lassen Sie uns rein! Wir …ähem… Ich möchte mit Ihnen sprechen!“
„Haben Sie einen Hausdurchsuchungsbefehl? Das ist ja wohl die Höhe, was sich unsere, von meinem Steuergeld bezahlten ….“
Käthe drängte die funkelnde Spitze ihres Stockschirmes durch den Spalt und zielte auf die Nasenwurzel von Kleckenbrot. „Jetzt tun Se ma nich so etepetete un lassen uns rein! Sons gibbet wat zwischen die Augen! Änne, schieb ma die Pfanne zwischen Tür un Rahmen, ich hab die guten Schühkens an un will mir die nich rondieren!“
Drohend schob sich ihre Schwägerin an dem von derartiger Durchsetzungskraft überrumpelt dastehenden Manczowiak vorbei und tat, wie ihr geheißen. Seufzend öffnete Kleckenbrot die Türe. „Na, dann…aber ich garantiere Ihnen eine Anzeige wegen Nötigung und Hausfriedensbruch! Und Sie, Herr Kommissar können sich auf ein Dienstaufsichtsverfahren gefasst machen!“
Endlich fand Manczowiak die Sprache und seine Autorität wieder. „Wo ist Ihre Frau?“ fragte er barsch.
„Da, wo sie sein sollte, auf der anderen Seite meines Bettes!“
Änne stürmte schon in Richtung Schlafzimmer und riss die Türe auf. Auch Käthe folgte mit Schirmspitze voran.
„Halt se fest, Änne!“
„Tu ich doch!“
„Tuste nich!“
„Doch!“
Dem Kommissar und Kleckenbrot bot sich ein Bild, dass beide ihr Leben lang nicht vergessen würden: inmitten sanft herunterschwebenden Daunenfedern hockte Käthe Schieselowsky mit verrutschtem, zerrissenem Kostüm und aufgespanntem Regenschirm am Kopfende des zerwühlten Bettes, das auf und ab wogte. Das prachtvolle Hinterteil Ännes ragte vom Fußende wie der menschgewordene Mount Everest der Tür entgegen, der zweite Blick ließ ein paar sehr fleischige Oberschenkel mitsamt Strumpfbändern entdecken. Manczowiak fühlte sich in die psychedelischen 70er Jahre zurückversetzt, zweifellos stammte das Muster auf dem Everest-Hintern beziehungsweise auf der diesen bedeckenden Kittelschürze aus jenen wilden Jahren von Sex, Drugs und Rock’n Roll. Ihm wurde leicht schwindelig.
Inmitten dieses surrealistischen Stilllebens erschienen immer wieder Arme und Beine und verschwanden sofort darauf. Auch die Geräuschkulisse mutete irrational an. Irgendwo plätscherte leise ein kleiner Bach, unverständliche Wortfetzen in einer fremden Sprache wechselten sich mit dem dumpfen Knurren einer Wildkatze ab. Zwischen dem Hinterteil und der sich immer noch auf und ab bewegenden Käthe erklang ein nicht menschlich wirkendes Keuchen.
„Nu kommen Se schon un verhaften Se dat wilde Mäusken hier, Herr Friedhelm! Lang tun meine Knochen dat nich mehr aushalten un mein Magen is son Wasserbett auch nich gewöhnt. Dat Änne kricht auch nur noch schlecht Luft! So wat is nix mehr für Leuts in unserem Alter…“
Plötzlich stürmte ein metallisch blitzendes Etwas mit rot-lila-gefärbtem Köpfchen herein, schrie „Geht bei grün, ihr straighten Umbertas!“ und schmiss sich ebenfalls auf das Bett.
Tobias und seine Punkerfreundin saßen gesittet auf der Couch in Käthes und Ännes Wohnung. Jennifer-Marie mümmelte genussvoll an einer Portion Käse-Sahne-Torte, die sie sich wahrlich verdient hatte. Barbara Vollenmüller turtelte mit Herbert Hahn, während Käthe und Änne vor dem unablässigen Wortschwall Frau Schmitz-van t’Heeren in die Abstellkammer geflüchtet waren.
„Jetzt erzählen Sie doch einmal genau, wie Sie auf Maria Kleckenbrot gekommen sind!“ forderte Gerda Söldenmeier den erschöpft dasitzenden Manczowiak auf. Dabei warf sie ein wachsames Auge auf ihren Ehemann, der ausnahmsweise keinen Schichtdienst, dafür aber den Entschluss gefasst hatte, mit Gisela Hönken ein paar kleine Augenkontakte zu wagen.
„Tja,…ähem…wir haben im Müll…also in den Mülltonnen…“
Käthe tauchte im Wohnzimmer auf, die Arme voll mit verschweißten Tüten Knabbereien. „Der Herr Friedhelm hat da ganz messerscharf kooperirien getan. Inne Mülltonnen, da hat dat Maria die Erpresserbriefe vonnem Schmidt rein geworfen. Der wollt der nämlich ne Anzeige wegen unberechtigten Aufenthalt hier bei uns anhängen, wennse nich mit ihm…na, ihr wisst schon…un als der Hausmeister die zu so ein Stelldichein innem Keller gebeten hat, da war se ein bissken schneller als der Hansi mit sein Holzbein. Schwups, hat se den die Treppe runtergeschubst un is wie der Blitz wieder inne Wohnung verschwunden. Der Witz is, dattse tatsächlich aussem Katalog von dem Kleckenbrot ausgesucht worden war un unegal über die Grenzen hierhin geschleust worden is. Un verheiratet sind die beiden auch nich!“
„Das so eine zarte, kleine Frau wie die Maria…“ Hilmar Hönken schüttelte den Kopf.
„Von wegen, klein un zart, die hat Nerven wie Kruppstahl gehabt!“ mischte sich Änne ein und goss für alle Anwesenden Eierlikör ein. „Die hat sich dem Hofmeister angebiedert un dem Orchideensamen aus ihre Heimat besorgt. Dafür hat se von dem ein paar Blümkens gekriecht. Unter anderm auch den Seidelbast zum Selberziehen auffem Fensterbrett. Der Hofmeister hat der noch erzählt, dattse mitte Körner aufpassen muss, weil die so gefährlich sind…dat musse dir ma vorstellen! Als se gehört hat, dat Käthe hier rumtönte, datt se wüsste, wer den HM umme Ecke gebracht hat, tja…da hatt se kalte Füße gekriegt. In dem ganzen Auflauf hier isse nach oben zu sich inne Bude, hat die Körnkes geschnappt un auffen richtigen Moment gewartet, die unter die Nüsse zu mischen. Weil se uns ja kaum verstand, hat se gedacht, dat Käthe für sich allein die Nüsse inne Schale getan hat. Dat is bei der zuhause wohl so Sitte. Nur weil der Herr Kommissar den Blumenpott mitte Seidelbast-Keimlinge auch inne Mülltonne vonne Kleckenbrots gefunden hat – un in keine andere war wat zu finden – nur deshalb sitzt die jetzt im Kittchen! Isset nich so gewesen, Herr Friedhelm?“
„Ähem...jaa…gnädige Frau…ja…“ stotterte Manczowiak, dem zwischendurch die Augenlider zugefallen waren.
Käthe wandte sich an die Punk-Lady. „Hömma, Liebelein, eins musse mich aber ma erklären: wat hasse eigentlich geschrieen, als se uns helfen gekommen bis?“
„Geht bei grün, ihr straighten Umbertas!“ nuschelte Jennifer-Marie.
„Un wat heißt dat?“
„Bleibt entspannt, ihr Mädels!“ nuschelte Jennifer-Marie. „Sind wir doch immer, Mäusken! Un jetzt…Partyyyyyy! Tobi, Alder, schmeiss ma die Mucke an, jetzt gibbet die Oberkrainer!!!“ antwortete Käthe.
Kommissar Friedhelm Manczowiak schnarchte friedlich im Takt der Blasmusik…